zu Besuch bei Herausgeber Armin Rößler

 

Heute bin ich zu Besuch bei Armin Rößler, den ich auch aus meiner Arbeit als Autorin schon kennengelernt habe. Da freue ich mich natürlich besonders über den freudigen Anlass für unser Wiedersehen, denn immerhin geht es um die Nominierung einer der von Armin herausgegebenen Anthologien für den diesjährigen Skoutz-Award. Armin ist ein sehr mitteilsamer und lustiger Mensch und so habe ich mir ganz bewusst ein bisschen mehr Zeit mitgenommen.

 

Doch lest selbst:

Zu Besuch bei Armin Rößler, dem umtriebigen Anthologien-Verfechter

Was bewegt dich Anthologien herauszugeben?

Im Nachwort zur ersten Anthologie, an der ich als Herausgeber beteiligt war („Deus ex Machina“, 2004), haben wir geschrieben: „Wer die deutschsprachige Science-Fiction-Szene beobachtet, der weiß, dass es hier eine ganze Reihe talentierter Autoren gibt, die Geschichten auf einem hohen Niveau schreiben. Was fehlt, ist allein die Möglichkeit der adäquaten Veröffentlichung.“ Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Echt? Also wenn ich schaue, was uns alles zur Longlist beim Award gemeldet wurde, dann würde ich leise widersprechen wollen. Auch wenn unsere Jurorin Jana Oltersdorff das Bedürfnis hatte, allgemein nochmals das Wesen einer Anthologie zu erläutern.

Das gilt inzwischen weniger für die Quantität, denn es erscheinen heute ja fast unüberschaubar viele Anthologien. Was die Qualität angeht, ist aber leider längst nicht alles Gold, was glänzt.

Das ist es nie. Leider. Aber wie begegnest du diesem Umstand?

Mein Ziel ist, dass die Bücher, an denen ich beteiligt bin, das oben erwähnte „hohe Niveau“ erreichen.

Und welcher Weg führt dahin?

Dafür braucht es unter anderem eine sorgfältige Autorenauswahl und ein ordentliches Lektorat. Ich sage es mal ganz unbescheiden: Es ist sicher kein Zufall, dass „meine“ letzten drei Anthologien – wir machen die immer im Team, deshalb ist das „meine“ natürlich nicht ganz korrekt – jeweils auch den Gewinner des Deutschen Science Fiction Preises gestellt haben: aktuell Michael K. Iwoleit mit „Im Netz der Geächteten“ (aus „Gamer“), davor Eva Strasser mit „Knox“ (aus „Tiefraumphasen“, 2014) und Heidrun Jänchen mit „In der Freihandelszone“ (aus „Emotio“, 2011). Klingt das jetzt arg arrogant und angeberisch? Na, vielleicht war es doch Zufall oder einfach ein glückliches Händchen.

Nö, ich finde, dass man sich über Erfolge, die man hat auch freuen darf. Es ist schlimm, dass man bei uns zwar selbstbewusst sein soll, aber nur dann über sich reden darf, wenn man „Ich Depp“ sagt. Aber so eine Anthologie ist ja auch ein Megaaufwand.

Und das Verdienst gebührt auf jeden Fall immer den Autoren, ich möchte mich da nicht mit fremden Federn schmücken.

 

Was macht für dich eine gute Anthologie, ein gutes Anthologie-Thema aus?

Ein Thema kann eine gute Leitlinie sein – das ist uns bei „Gamer“ wie auch beim Vorgänger „Tiefraumphasen“ gut gelungen. Es kann aber auch zu eng gefasst sein, dann schränkt es die Autoren ein und der Leser bekommt im schlimmsten Fall einen Haufen ganz ähnlicher Storys und langweilt sich. Wichtiger als das Thema sind deshalb in meinen Augen die Autoren. Wenn man die Szene aufmerksam beobachtet, hat man mehr Leute, die Garant für gute Geschichten sind, zur Auswahl, als man zwischen zwei Buchdeckeln unterbringen kann. Und es gibt auch immer wieder spannende Newcomer zu entdecken.

Das ist mir bei dir auch schon aufgefallen, dass ihr da immer eine sehr gelungene Mischung aus großen Namen in der Szene und Newbies habt, die so ihre Chance bekommen. Das hat ja in den USA eine große Tradition, dass die Großen so ihren Nachwuchs ein bisschen unter die Arme greifen, aber in Deutschland klappt das irgendwie weniger. Was nicht so sehr an den Autoren als an den Lesern liegt, die da oft sehr festgefahren sind.

Woran liegt das und woher nimmst du den Mut/die Kraft/die Sturheit, es trotzdem zu versuchen?

Ich liebe Kurzgeschichten – als Leser und als Autor, auch wenn ich natürlich auch Romane schreibe. Der Massengeschmack ist ein wenig anders, das lässt sich nicht leugnen, da kann der Roman nicht dick genug sein, je mehr Fortsetzungen es gibt, desto besser.

Und woran liegt das deiner Meinung nach?

Das mag daran liegen, dass sich viele Leser gerne in vertrauten Gefilden bewegen. Kurzgeschichten sind da anders: Jede neue Story entführt dich in eine neue Welt, konfrontiert dich mit neuen Figuren und Ideen. Das ist auch für den Leser eine Herausforderung, die leider nicht jeder mag. Daran werden wir mit unseren Anthologien nichts ändern. Aber vielleicht können wir doch mit guten Büchern den einen oder anderen neuen Leser für die Kurzgeschichte begeistern.

Ich hoffe es. Das ist ja auch einer der Gründe, warum wir diesen Anthologie-Preis beim Skoutz-Award aufgenommen haben. Meine nächste Frage haben wir ja schon ein bisschen vorweggenommen, aber ich stelle sie trotzdem mal:

 

Nach welchen Kriterien wählst du die Geschichten aus? Vielfalt? Bekannte Namen? Persönlicher Geschmack? Würfeln oder Orakeln?

Wir haben uns ein einziges Mal zu einer öffentlichen Ausschreibung hinreißen lassen, das ist schon über zehn Jahre her, ich kann mich aber immer noch gut daran erinnern.

Ich ahne, was da kommt, aber lass uns teilhaben…

Das Ergebnis war eine dreistellige Zahl von Einsendungen und leider, leider jede Menge Mist – diplomatischer lässt sich das nicht sagen. Viele Leute fühlen sich zum Schreiben berufen, scheinen aber vorher selbst nie etwas gelesen zu haben, anders kann ich mir das gar nicht erklären. Glücklicherweise waren damals unter den vielen Totalausfällen auch einige Perlen, auf die wir ohne die Ausschreibung nie gestoßen wären. Die Quälerei hat sich also unter dem Strich gelohnt, ganz so leidensfähig bin ich aber heutzutage nicht mehr. Deshalb ist es der deutlich erfolgversprechende Weg, Autoren gezielt für ein Projekt anzusprechen, wen man denkt, dass sie dazu passen könnten. Auch dann wird natürlich nicht jede Geschichte angenommen, auch dann gibt es Kandidaten, die im Lektorat mehr Arbeit machen als andere. Aber die Trefferquote ist garantiert höher.

Nur die Perlen gehen verloren, weil du die Muscheln ja vorher schon kennen musst. Aber natürlich verstehe ich das mit Blick auf den mit einer solchen Sichtung verbundenen Aufwand. Frag nicht, wie es bei uns in der Redaktion aussieht, wenn wir die Longlist-Vorschläge sichten.

 

Was war dein emotionalstes Erlebnis als Herausgeber?

Das emotionalste Erlebnis? Keine Ahnung, ehrlich. Aber es hat jede Menge emotionaler Erlebnisse gegeben.

Dann lass uns über die reden, die dir einfallen. 🙂

Natürlich vor allem das berühmte erste Mal: die erste „eigene“ Anthologie in Händen zu halten; das erste Feedback von Leserseite darauf, und dann auch noch positiver Natur; die erste Nominierung einer der Storys für einen Preis; und schließlich die Anwesenheit bei der ersten Preisverleihung, bei der einer „deiner“ Autoren tatsächlich eine Auszeichnung in Empfang nehmen darf. Das sind in der Erinnerung schon besondere Momente.

 

Was wäre das größte Kompliment, das man dir als Herausgeber machen kann?

„Klasse Buch, gerne gelesen“, damit bin ich schon zufrieden. Überhaupt ist es einfach schön, wenn die Bücher gelesen werden.

Das macht jeden Autor glücklich, aber ich glaube dir, dass das bei Anthologien ganz besonders gilt.

 

 

Wer ist für dich der ideale Leser?

Der sich gerne auf etwas Neues einlässt.

 

Was macht für dich ein gutes Anthologie-Cover aus? Gibt es da andere Regeln als für einen Roman?

Über Geschmack lässt sich ja immer streiten, aber ein gutes Buch-Cover sollte ein Hingucker sein. Da würde ich keinen Unterschied zwischen Anthologie und Roman machen.

Hm, ich weiß nicht. Bei einer Anthologie ist es ja deutlich schwerer, die Grundstimmung zu transportieren, weil sie keine hat, da verschiedene Autoren regelmäßig sehr verschiedene Geschichten erzählen. Aber gut. Ich frage das vielleicht mal unsere Coverleute.

 

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Buchinterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

Gibt’s bald etwas Neues von dir?

Und? Ist es so? Hoffentlich – und das sage ich nicht nur im Namen der Skoutz-Leser, sondern auch aus ganz persönlichem Egoismus.

Lieber Armin, vielen Dank für das wie erwartet sehr vergnügliche Gespräch. Ich wünsche euch auf alle Fälle viel Erfolg im weiteren Wettbewerb und hoffe sehr, dass wir dann auf der Skoutz-Leserparty in Frankfurt einen weiteren emotionalen Höhepunkt in deiner Herausgeberkarriere hinzufügen können!

 

Hier könnt ihr Armin Rößler treffen:

Homepage von Armin Rößler

 

Lesetipp: Cantals Tränen – 9 Kurzgeschichten aus dem Argona Universum von Armin Rößler

„Angriff.“
Luz Andrade hörte den Schrei, schloss die Augen und öffnete seinen Geist.
Tatsächlich. Er fühlte die tödliche Welle des unverständlichen Hasses heranrasen, sah die Spur, die sie hinter sich herzog, den sich rasch ausbreitenden Korridor, in dem sich die Schwärze des Weltraums von einem Moment auf den anderen blutrot verfärbte. Die Flammen des Verderbens näherten sich unaufhaltsam. Grell leuchtend bahnten sie sich ihren Weg.
(aus „Barrieren“)

Geschichten aus einer fernen Zukunft und von fernen Welten, weit draußen, in den Tiefen des Weltraums: exotische Außerirdische, mächtige Raumschiffe, Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten und Wurmlöcher, die viele tausend Lichtjahre voneinander entfernte Planeten verbinden – das sind die Zutaten von Armin Rößlers „Argona-Universum“. Nach den Romanen „Entheete“, „Andrade“ und „Argona“ liegt mit „Cantals Tränen“ der erste Band mit neun Erzählungen aus diesem Universum vor. Sie spannen den Bogen über die unterschiedlichsten Epochen und Schauplätze dieser groß angelegten Space Opera.

Skoutz meint: Armin Rößler kann so schreiben, dass man keine Verfilmung braucht, weil die Bilder direkt im Kopf entstehen. Das gelingt natürlich umso leichter, als das Argona Universum ein sehr gelungenes lebens-/lesenwertes ist. Ich mochte die vielen Details, die überraschenden Wendungen und ungewöhnlichen Perspektiven. Wirklich toll ist, das Armin Rößler es versteht, echte Kurzgeschichten zu schreiben und somit dem Genre eine klare Empfehlung ausspricht! Unbedingte Leseempfehlung.

 

 Hinweis:

Gamer (fantastic episodes) – Science Fiction-Anthologie, herausgegeben von Armin Rößler u.a.

Gamer ist eine Science Fiction-Anthologie mit 15 Kurzgeschichten, die das Herausgeberteam um Armin Rößler im Begedia Verlag herausgegeben hat.

Das avantgardistische Projekt wurde von Jurorin Jana Oltersdorff für die Midlist Anthologie 2017 des Skoutz-Awards aus über 150 Titeln der Longlist nominiert.

Die Cyberpunk-Geschichten sind sicherlich das bunteste Buch, das wir uns für die Anthologie-Midlist angesehen haben, wie wir es fanden, könnt ihr hier weiterlesen.

 

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