zu Besuch bei A.D. Wilk

Heute treffe ich Andrea Dorothea Wilk, doch da sie sich ihren Nachnamen nur geliehen hat – noch zumindest – und sich ihren Zweitnamen mit Mama teilt und der eigentlich ihrer Oma gehört und das alles ziemlich verwirrend ist und ihr sie ja eigentlich *Luft holt* auch nur unter dem Namen A.D. Wilk kennt, werde ich dabei bleiben. Puh, das war jetzt vielleicht konfus und viel Information auf einmal, aber auch schon fast alles, was ich bei meiner Recherche herausfinden konnte. Mit meinen Fragen werde ich ihr mal ein wenig auf den Zahn fühlen und schauen, was ich ihr noch so an Details und Antworten entlocken kann. Motiviert bin ich … *zwinker*

 

zu Besuch bei A.D. Wilk, deren Debüt wir Stephen King verdanken …

In einem Wort: Was bedeutet für dich „Schreiben“?

Erfüllung

Eine schönes Bild …

 

Was ist der seltsamste Ort, an dem du je geschrieben hast?

In der Autowerkstatt von meinem Bruder.

Oh, das ist wirklich mal etwas anderes 🙂

 

Wie entstehen deine Geschichten?

Bevor ich das erste Wort einer Geschichte schreibe, geistert sie in der Regel schon monatelang in meinem Kopf herum. Diese Geister bringe ich nur sehr selten in Form von Notizen zu Papier. Wenn mich einer von ihnen packt, dann verfolgt er mich in der Regel so lange, bis seine Konturen klarer werden und meine Gedanken beginnen, ihm eine eigene Welt zu bauen. Zur Zeit gibt es zwei dieser Welten in meinem Kopf und ich habe noch nichts zu ihnen notiert. Aber ich weiß, dass ich jede von ihnen mit Worten beschreiben kann, sobald ich bereit dazu bin. Und alles, woran ich mich nicht mehr erinnere, war einfach nicht für diese Geschichte bestimmt.

Eine fast schon philosophische Arbeitsweise … Aber zurück zur Frage. Angenommen, die Geschichte ist nun bereit, geschrieben zu werden, wie geht es weiter?

Wenn ich dann mit dem Schreiben beginne, plane ich so gut wie nichts. Das funktioniert aber auch nur deshalb, weil ich ein ziemlich klares Bild von meinen Charakteren und ihrer Geschichte im Kopf habe. Ich weiß, wo sie hingehen und welche wichtigen Ereignisse die Geschichte prägen. Die Lücken zwischen diesen Ereignissen kann und will ich aber nicht schon vor dem Schreiben füllen. Für mich entwickelt sich die Geschichte erst dann, wenn ich ein Gefühl für sie bekommen habe, wenn ich meine Charaktere kennenlerne. Sie erzählen mir, was ihnen geschieht, und ich bin diejenige, die ihre Geschichte aufschreibt. Das klingt abgedroschen, aber tatsächlich ist es so. Für mich ist das Schreiben, als würde ich einen Film ansehen, den ich nicht kenne, von dem mir aber jemand die wichtigsten Ereignisse verraten hat.

Deine Protagonisten spoilern dich … Das klingt spannend.

Aus dem Grund muss ich zunächst auch erst einmal alles aufschreiben. Ich kümmere mich während dem Schreiben nur wenig um perfekte Sätze oder punktgenaue Recherche. Das kommt später. Ich markiere mir im Text, was ich noch wissen muss. Bei meinem aktuellen Buch zum Beispiel weiß ich nicht mehr, wie die Nachbarin heißt, oder ob ich ihr überhaupt schon einen Namen gegeben habe. Das ist aber für diese erste Fassung auch vollkommen irrelevant und die Suche nach dieser Information hielte mich nur auf. Ich kann es später einfügen.

Ich bin wirklich fasziniert. Hast du es schon einmal anders probiert?

Es würde mich aus dem Schreibprozess herausholen, wenn ich anders vorgehen würde. Ich könnte nicht so eine enge Beziehung zu meinen Charakteren aufbauen, wenn ich mir ständig Gedanken darüber machen würde, ob es an dieser Stelle nicht besser wäre, ein Synonym für ein Wort zu verwenden, das bereits im vorherigen Satz vorkam.

Du lässt der Kreativität freien Lauf.

Für mich ist der erste Entwurf deshalb auch kein Roman, sondern ein extrem grobes Ding, das sehr, sehr oft geschliffen werden muss, bevor man es einem Leser in die Hand drücken kann. Und zwar nicht nur durch mich. Meine Lektorin und sehr vertraute Testleser sind wichtige Impulsgeber, wenn es darum geht, meine Lieblingsszenen zu streichen oder das Verhalten eines Charakters zu überdenken. Das finde ich enorm wichtig, denn ich selbst stecke viel zu tief in meinem Text, um ihn objektiv betrachten zu können.

 

 

„Es wird immer weniger gelesen“ – Wie reagierst du auf diesen Satz?

Dann sollten wir Wege finden, das zu ändern.

Ich wäre sofort dabei. Hast du eine Idee, wie?

Durch gute Bücher. Durch einen noch leichteren Zugang zu Büchern, besonders für Kinder und Jugendliche. Und durch die Zusammenarbeit von Bloggern, Buchläden, Bibliotheken, Autoren und Lesern. Wenn man sich in den sozialen Medien in den Buchwelten bewegt, hat man diesen Eindruck überhaupt nicht. Autoren und Leser sind eng miteinander verbunden. Da gibt es keine Schwelle. Viele Autoren sind heute für ihre Leser greifbar und erreichbar. Es gibt so viele junge Menschen, die über Bücher diskutieren und sich intensiv mit ihnen auseinandersetzen. Ich frage mich auch immer, ob in diesen Statistiken auch die Zahlen der E-Books und besonders der selbstveröffentlichten Bücher eingerechnet sind.

Das weiß ich leider nicht …

Diese Bereiche wachsen so stark. Ich möchte mich lieber auf dieses Wachstum fokussieren und ich glaube, dass der Buchmarkt sich wandeln muss, und das auch tut und das Lesen deshalb immer interessant bleiben wird.

 

Wie stehst du zu Schreibregeln, die bestimmen, was der 1. Satz auf keinen Fall enthalten darf, welche Worte man verwenden soll und welche zu vermeiden sind, wie lang ein Satz sein darf, etc.?

Puh, also um ehrlich zu sein, beachte ich solche Regeln so gut wie nicht. Zumindest nicht bewusst. Lange Sätze finde ich in der Regel anstrengend und vermeide sie. Ich versuche, Dinge auf den Punkt zu bringen und bildhaft zu schreiben. Da fallen Füllwörter zum Beispiel fast automatisch weg. Manchmal finde ich sie aber wieder wichtig.

Eher intuitives Schreiben …

Bewusst folge ich solchen Regeln also nicht. Ich schreibe bzw. überarbeite meine Sätze dafür aber sehr bewusst. Da hilft es zum Beispiel, wenn ich mir den Text laut vorlese. So erkenne ich am besten, ob ein Satz hakt. Wiederholungen streiche ich auch strikt und ich verwende keine Jugendsprache oder Dialekte. Das endet nur in absoluter Megapeinlichkeit, weil ich es ja doch nicht so hinkriege, wie es wirklich ist.

 

Welches Buch hat dich am meisten geprägt und warum?

Geprägt. Das ist nicht so leicht zu beantworten.

*lach* Einfach wäre doch langweilig …

Ich lese, seit ich es kann und ich denke, jedes einzelne Buch hatte einen Einfluss auf mein Schreiben und mein Denken. So richtig bewusst wurden mir viele Dinge, glaube ich, als ich Anne Franks Tagebuch gelesen habe. Seit der dritten Klasse hatte ich mich mit dem Holocaust befasst, aber Annes Worte zu lesen, ihre Liebe zum Leben zu spüren und diesen Drang, alles mit Worten auszudrücken … Das hat mich nicht nur fasziniert. Ich konnte mich so sehr damit identifizieren, dass ich das Buch immer wieder gelesen habe. Dieses Gefühl der Verbundenheit hält bis heute an. Nicht wegen ihrer Geschichte, die mich noch immer tief berührt, sondern wegen ihrer Einstellung zum Leben.

Das hast du sehr schön gesagt und ich weiß genau, was du meinst.

„Seinen endgültigen Charakter prägt der Mensch aus eigener Verantwortung“ – Diesen Satz hat mir erst vor ein paar Tagen eine Freundin geschickt. Und er drückt so klar aus, warum mich ihre Worte bis heute faszinieren.

Das spürt man deutlich …

Das Seltsame ist, als du gerade die Frage vorgelesen hast, dachte ich, ich würde Stephen King’s „A memoir of craft“ nennen, weil ich das immer tue. Aber jetzt gerade erkenne ich, dass Annes Tagebuch ein wichtiger Stein in dem Fundament ist, auf dem ich mein Leben aufbaue.

 

Wenn du für einen Tag in ein Buch reisen könntest, in welches würde es dich ziehen?

Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, denn sie hängt davon ab, wie ich mich gerade fühle und ich könnte fast jedes Buch nennen, das ich in meinem Leben gelesen habe. Und das sind sehr, sehr viele.

Die Qual der Wahl. 🙂  Gibt es ein paar Abenteuer, die du erleben wollen würdest und direkt benennen kannst?

Ich möchte auf der Morgenröte durch Narnia reisen, in der Winkelgasse einen Zauberstab kaufen, mit Werther auf der Wiese liegen und mit Galilei in die Sterne gucken. Ich möchte mit dem alten Mann aufs Meer hinausfahren und mit Huck Finn böse Menschen jagen. Aber auch in die Welten von Luca di Fulvio, Nicholas Sparks und so vielen anderen würde ich gern mal einen Ausflug machen.

 

 

Bist du ein mutiger Mensch? Wann hast du das letzte Mal was zum ersten Mal gemacht und was war das?

Ich hab mal gehört, dass Mutigsein nicht bedeutet, keine Angst zu haben.

Wie du es definierst, überlasse ich dir.

Ich fühle mich eigentlich nicht besonders mutig, aber ich probiere ständig Neues aus. Meine ersten Male der vergangenen Zeit waren: Tauchen mit Ausrüstung, die Leipziger Buchmesse, einen Buchhändler bitten, mein Buch aufzunehmen und AirBnb nutzen.

 

 

Für welches Produkt würdest du als Testimonial Werbung machen? Warum?

Für Produkte, die mich wirklich überzeugen.

Und die wären *neugierig schaut*

Davon gibt es viele. Ich kennzeichne meine Beispiele mal vorsichtshalber als Werbung:

Scrivener, weil es das beste Schreibprogramm ist, mit dem ich bisher gearbeitet habe.

Leuchtturm Bullet Journals, weil sie durchdacht sind und mir viel Gestaltungsraum lassen.

Meine Liforme Yogamatte, weil ich auf ihr nicht rutsche und sie so schlicht wunderschön ist.

 

Was machst du, wenn du eine Nacht im Kaufhaus eingeschlossen wärst?

Hmmmm, ich würde vermutlich alle Stifte in der Schreibwarenabteilung ausprobieren, mit jedem Paar Laufschuhe, das mir gefällt, ein paar Runden laufen, alle Kopfhörer testhören, ausgiebig Computerprogramme testen und die Büchertische umsortieren.

Das klingt nach einer aufregenden Nacht 🙂

 

Was ist der erste Gedanke nach dem Aufstehen? Was machst du in der ersten Stunde nach dem Aufstehen?

Mein erster Gedanke ist: Ist mein Kind zugedeckt? Und der zweite: Ein neuer Tag!

Wie geht es danach weiter?

Ich habe eine ganz feste Morgenroutine, denn ich möchte, dass mein Tag magisch beginnt. In dieser ersten Stunde möchte ich eine Basis für meinen Tag schaffen, auf die ich bis zum Abend hin zurückblicken kann. Deshalb starte ich meinen Tag mit einem leckeren Ingwer-Tee, Yoga, Meditation und dann notiere ich mir meine Ziele und denke darüber nach, welche Dinge ich an diesem Tag erledigen möchte. Danach checke ich meine Nachrichten und ein paar andere Sachen und dann beginne ich zu arbeiten.

Wow, das nenne ich wohl strukturiert und durchorganisiert. Beeindruckend. Wann stehst du auf, um all das umzusetzen?

Ich stehe zwischen halb und um sechs auf und wenn ich mein Kind zwischen sieben und halb acht wecke, habe ich schon einiges geschafft und kann entspannt in unseren gemeinsamen Tag starten.

 

  Welche Superkraft hättest du gerne?

Ich würde gern fliegen können.

Was daran fasziniert dich so?

Die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten. Den Wind um mich herum spüren. Das Gefühl zu erleben, keinen Halt zu haben und dennoch sicher zu sein und von der eigenen Kraft getragen zu werden. Diese Freiheit, die gleichzeitig so viel Verantwortung für das eigene Leben mit sich bringt, wird einem in der Luft bestimmt viel bewusster. Und das obwohl wir sie doch hier unten genauso haben.

 

  Welcher Irrtum kursiert über dich?

Mein Taekwondo-Trainer sagt, ich sei misstrauisch. Dabei vertraue ich anderen Menschen sehr schnell. Manchmal zu schnell.

Wie kommt er dann zu dieser Annahme?

Wenn dann misstraue ich eher mir selbst, glaube nicht daran, gut genug für etwas zu sein.

 

Was würdest du deinem 10 Jahre jüngeren Ich raten?

Investiere in Amazon-Aktien und zieh in eine größere Wohnung in Berlin. Nein, Spaß beiseite.

*lach* Schade, ich fand die Tipps wirklich schlau … was würdest du denn raten?

Um ehrlich zu sein, nichts. Eine Freundin meinte einmal zu mir, dass es doch schade wäre, dass niemand mein Schreibtalent entdeckt hätte, als ich zwanzig war. Und ich dachte nur, Nein. Ich bin heute die, die ich bin, weil ich all die Erfahrungen der letzten 35 Jahre gemacht habe. Vielleicht hätte ich eine größere Wohnung, schon ein zweites Kind oder würde an meinem zwanzigsten Roman schreiben, aber ich glaube fest daran, dass ich meinen Weg so gehe, wie es am besten für mich ist. Nicht wie er vorgezeichnet ist, sondern wie er zu mir und meinem Leben passt. Ich würde die 25-jährige Andrea deshalb nicht von ihrem Pfad abbringen wollen.

 

  Was wolltest du der Welt schon immer einmal sagen? Raus damit!

Liebe das Leben. Liebe und sehe den Moment. Sei bei dir und akzeptiere die anderen so wie sie sind.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Tausend Dank, liebe A.D. Wilk, dass du dir die Zeit genommen hast, all meine Fragen zu beantworten. Es war wirklich spannend bei dir und ich hoffe, wir haben mal wieder das Vergnügen. Deinem Roman wünsche ich für den weiteren Wettbewerb viel Erfolg und wer weiß, vielleicht sehen wir uns bereits in Frankfurt zur Verleihung des Skoutz-Awards wieder.

 

 

Mehr über A.D. Wilk und ihre Bücher erfahrt ihr auf:

Skoutz-Lesetipp: Nur für diesen Moment – atemberaubender Liebesroman von A.D. Wilk

Marie befindet sich auf einem Transatlantikflug in die Karibik, um eine Freundin zu besuchen. Neben ihr sitzt Vincent. Er überredet ihren Sitznachbarn, die Plätze zu tauschen, erzählt von seinen Träumen und hält sie im Arm, als die Lichter erlöschen und sich das Flugzeug mit hoher Geschwindigkeit dem Meer nähert. Seine Nähe fühlt sich vertraut an. Sein Lächeln vertreibt ihre Angst. Dennoch hat sie das Gefühl, dass er etwas vor ihr verbirgt. Und warum reagiert er so feindselig auf Mika, der ihnen doch nur helfen will?

Skoutz meint: Wie nah manchmal Glück und Leid, aber auch die Vergangenheit und die Zukunft liegen, zeigt dieses Buch sehr eindrücklich. Ein spannendes Abenteuer voller Emotionen, Überraschungen und Geheimnissen, gefühlvoll erzählt von einer Autorin, die es versteht ihre Leser mit ihren Worten zu umgarnen. Wir erleben Protagonisten, so sympathisch und dennoch mit ihren vielen Facetten und Eigenheiten auch authentisch. Die Dialoge sind teils witzig, teils tiefgründig und das ein oder andere Mal rühren sie zu Tränen. 

Definitiv ein Roman, der einen von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. 

 

 

Hinweis:

Mit ihrer unaufgeregt, aber mit viel Tiefgang erzählten Dreiecksbeziehung “Wenn du wieder gehst”, das die Autorin im Februar 2018  im Verlag Andrea Kuhn veröffentlicht hat, gelang A.D. Wilk ein beeindruckendes Debüt. Kann man die Zeit zurückdrehen, um seiner ersten Liebe eine zweite Chance zu geben? Will man es?

Große Fragen, die auch die Neugier unserer Herzens-Jurorin Heike Wanner weckte. “Wenn du wieder gehst” blieb daher aus über 300 Titeln der Romance-Longlist für die Midlist übrig und damit weiterhin im Rennen um den heiß begehrten Romance-Skoutz 2019.

Mehr Informationen zu A.D. Wilks Debüt bekommt ihr wie immer in der ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

 

 

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