Skoutz-Wiki: Horrorliteratur

Seit sich Menschen Geschichten erzählen, gehören Grauen und Schaudern als starke Emotionen fest dazu. Schon Aristoteles bezeichnet “Phobos” als zentralen Bestandteil einer Tragödie, die den Zuschauer ergreifen und verändern soll. Horror hat damit neben dem Unterhaltungswert auch eine erzieherische Aufgabe.
Heute jedenfalls gehört Horror als Stimmungs-Genre fest zur Literatur und mehr noch zum Film und erfreut sich wellenweise immer wieder größter Beliebtheit.

Und bei so viel Spaß am Grusel sind die Skoutze ganz in der Tradition der Brüder Grimm ausgezogen, um das Fürchten zu lernen. Lest selbst, was wir herausgefunden haben.

Horrorliteratur in Kürze:

Horror ist ein Genre, das von der heraufbeschworenen Stimmung, einer Atmosphäre der Angst, des Ekels oder des unterschwelligen Grauens, lebt. Im Mittelpunkt stehen daher abstoßende oder angsteinflößende, oft übernatürliche oder unerklärliche Elemente. Horror kann dabei aber auch durch die Erzählstruktur und -Technik entstehen.

Typisch für Horrorliteratur ist ihr Bestreben, die Grenzen des Erträglichen auszuloten, wobei das von körperlicher, psychischer oder auch seelischer Qual über Hass und Empörung bis hin zu Ekel gehen kann.

Unsere kurze Definition eröffnet nun ein enorm weites Feld. Nicht jede quietschende Tür macht ein Buch zu einem Horror-Roman und wenn ein Leser zufällig von einem durch die Szene trabenden Hund getriggert wird, ist das zwar hochemotional, aber dennoch kein Horror.

Eingrenzend sollte man also sagen: Horrorliteratur beginnt dort, wo Horror ein handlungsgestaltendes, bewusst eingesetztes, nicht völlig untergeordnetes Element ist.

 

Horrorliteratur ausführlich betrachtet:

Das Bedürfnis nach Horrorliteratur entspringt wohl dem Bedürfnis des Menschen, seine Ängste zu verstehen und sich mit dem unangenehmen Unausweichlichen, wie Tod, Strafe, Gewalt und Ohnmacht irgendwie zu arrangieren. Horrorliteratur ist ein Training, um eigene Ängste in den Griff zu bekommen. Eine Erklärung, die so ähnlich auch Großmeister des Genres wie H.P. Lovecraft (“Literatur des Grauens”) und Stephen Kin (“Danse Macabre”) vertreten. Das deckt sich auch mit der antiken Dramentheorie, die den Zuschauer durch starke Reaktionen (Emotionen) erziehen und weiterbilden wollte.

Wie in unserer Horror-Liste zu Skoutz-Classics zu sehen, hat sich auch die Literatur schon immer mit Horror befasst, und zwar sehr intensiv.

Entstehung

Wie gesagt, begleiten uns Horrorgeschichten vermutlich schon in die Höhlen des Neandertals. Legenden und Sagen, lehrten uns bereits im Altertum mit den Gefahren – und unserer Angst – umzugehen. Schon in der Odyssee sind Horror-Elemente enthalten, ebenso in der Bibel und bei vielen römischen Autoren wie Vergil.

In zahlreichen mittelalterlichen Texten finden sich handfeste Horror-Elemente, die damals sicher eher wirkungsvoller als heute waren. Auch Shakespeare befasst sich in seinen Dramen wie Macbeth oder Hamlet mit klassischen Horror-Elementen.

Zahlreiche Märchen befassen sich mit schauerlichen Begebenheiten wie Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel und auch Sagen und Legenden kokettieren mit dem Grauen, gerne auch im historischen Kontext. So zum Beispiel die Erlkönig-Sage, die Goethe in einer Ballade unsterblich machte.

Von Horrorliteratur im eigentlichen Sinne spricht man jedoch ab dem 18. Jahrhundert, denn mit der Aufklärung bestand zunehmend Bedarf an Gegenentwürfen, die jenen Emotionen und unterbewussten Bedürfnissen ein Ventil boten, die in ein rationales Leben nicht mehr passten. Je sachlicher der Alltag wurde, desto größer war der Bedarf nach hochemotionaler Zerstreuung, und zwar durchaus auch mit Abgründigem und Dunklem. So wurde im 19. Jahrhundert dann mit den Gothic Novels und Schauerromanen der Hunger nach Rätseln und Nervenkitzel gestillt.

Im 20. Jahrhundert entstand parallel zum Horror-Film vor allem enorme Nachfrage nach Thrillern mit Horror-Elementen.

Horror im Literaturbetrieb

Ähnlich wie die Fantasy wird auch Horrorliteratur von der Literaturwissenschaft nur mit gerümpfter Nase behandelt. Und das, obwohl sie seit jeher die Menschen mit Geschichten versorgt, und mit Dante, Goethe, Kafka oder Süskind durch alle Zeiten geniale Autoren inspiriert hat. Dabei ist Horrorliteratur zum Teil sehr komplex und präsentiert ausgefeilte Psychogramme und psychologische Studien. Sie ist in hohem Maße kulturfördernd und -prägend, da wir über unsere Ängste deutlich stärker beeinflusst werden als über andere Emotionen.

Nach der Blütezeit der Gothic Novels und Schauerromanen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gilt Horror heute als Trivialliteratur, und zwar mit derselben Attitüde wie auch bei der Fantasy, dass ein gutes Exemplar dieses Genre dann eben verlässt, wie z.B. Süskinds Parfum.

Genre-Mixes und Cross-Genre

Reine Horrorliteratur, in der Horror zum einzigen Selbstzweck wird, ist eher unwahrscheinlich. Die These, die Gothic Novel habe begonnen, Horror in seiner reinen Form darzustellen, als ausschließliche Darstellung angsteinflößender und übernatürlicher Umstände, überzeugt nicht. Denn immer wird man ein genrebegründendes Handlungselement benötigen (Abenteuer, Rätsel, (Liebes)Beziehung) und ebenso irgendein Setting (Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit).

Naturgemäß gibt es daher viele Überschneidungen zu anderen Genres, z.B. Fantasy oder Thriller. Horror kann in allen Formen erzählt werden, in Reimform ebenso wie in Prosa, wobei die Kurzgeschichte in diesem Genre deutlich mehr Einfluss hat, als in anderen.

Wir sind an dieser Stelle wie immer tolerant und verweigern die in der Literaturwissenschaft gerne vorgenommenen Einstufung nach Schwerpunkten und meist als mehr oder weniger “wertig” angesehenen Genres. Lesen ist ein individueller Vorgang und so kann ein Aspekt auf den einen Leser mehr oder weniger wirken. Was also spricht dagegen, die Einordnung in mehrere Genres zuzulassen?

Die Sub-Genres des Horrors

Generell ist es ja schon schwierig, eine Geschichte in eine Schublade zu stecken. Aber innerhalb dieser Schublade dann noch Unterfächer und Schächtelchen einzuziehen, die für noch mehr Überblick und Ordnung sorgen sollen, klappt nach unserer Erfahrung im Bücherregal wie auch im Kleiderschrank einfach nicht. Auch wenn IKEA in seiner Werbung Optimisten etwas anderes vermittelt. Deshalb beschränken wir uns in der Skoutz-Datenbank auch bewusst auf einige wenige Subgenres, die eine grobe Einteilung ermöglicht, ohne zu kompliziert zu werden. Sozusagen Sommer- und Winterkleidung.

Skoutz hat sich daher auf 4 Genres festgelegt.

  • Alienroman (Unheimliche Begegnungen der dritten Art)
  • Geister, Teufel & Dämonen
  • Extreme (Splatter, Grindhouse und Co.)
  • Besessenheit, Beherrschung und Wahnsinn
Aber natürlich ist es interessant, auch einmal zu sehen, welche Subgenres es noch gibt und wonach die Horror-Experten so sortieren. Und irgendwie ist es auch erschreckend. Aber das soll ja bei Horrorliteratur durchaus so sein.

Weitere Horror-Kategorien

  • Dark Fantasy
    Sozusagen der Gegenentwurf zur Romantasy, die sich – meist in Urban Fantasy-Settings – mit paranormalen Phänomenen befasst, die meist gruselig aber auch der reine Horror sein können.
  • Dark Fiction
    ist eigentlich kein Genre, sondern ein “Kunstgenre” für alle, die zu feige sind, zuzugeben, dass ihr Buch Horror ist, weil es sich dann (angeblich) schlechter vermarkten lässt.
  • Erotic Horror
    Cross-Genre zwischen Erotik und Horror, wie es Marquis de Sade in Die 120 Tage von Sodom selbst am besten zeigt, aber auch Ellis in American Psycho aufgreift.
  • Extreme
    Eigentlich auch selbst beschreibend geht es bei Extreme an die äußersten Grenzen, wohin nicht jeder Leser folgen will und kann. Meist geht es um explizite Gewalt und Ekelelemente; Splatter und Grindhouse sind hier oft zu verorten.
  • Gothic
    Literaturhistorisch war Gothic einst ein Synonym oder eher Vorgänger der heutigen Horrorliteratur. Heute wird er meist verwendet, um auf historische Bezüge im Buch, meist aus viktorianischer Zeit, hinzuweisen, der Zeit der Gothic Novels oder Schauerromane. Klassiker wie Poes Werke oder Bram Stokers Dracula zählen hierzu ebenso wie History-Romane wie Dan Wells’ Sarg niemals nie.
  • Haunted
    Übersinnliche, feindselige Erscheinungen, die nicht oder nur schwer zu bezwingen sind, bevölkern dieses Genre. Amityville Horror von Jay Anson etwa, doch es kann auch heiter sein, wie z.B. Wildes Geist von Canterbury.
  • Paranormal
    Geister und Dämonen gibt es zuhauf und in vielerlei Ausprägung, wie etwa dem Ring von Suzuki.
  • Teufel
    Höllengedanken und Teufel dürfen natürlich nicht fehlen. Wie das geht, hat Dante in seiner göttlichen Komödie vorgemacht und seither viele, viele Autoren motiviert, gleichfalls den Teufel zu beschwören.

Eine wahrhaft beeindruckende Abhandlung (wenn auch mit Beispielen aus Film) inkl. Flow-Chart bietet Popcorn-Horror für alle, die englisch lesen können. (externer Link).

Elemente des Horrors

Im Prinzip folgen die Autoren damit den verschiedenen Formen der Angst, die wiederum genau genommen nichts anderes als eine ausgeprägte Vermeidehaltung ist:

  • Schreck – das plötzliche und unvorhergesehene, potentiell aber nicht notwendig tatsächlich Gefährliche, wie z.B. ein lauter Knall.
    Handwerklich sehr wirkungsvoll und einfach einzusetzen, nutzt der Schrecken sich jedoch schnell ab.
  • Ekel – der Wunsch etwas als abstoßend empfundenem nicht ausgesetzt zu sein. Dies kann durch einzelne Elemente (Fäkalien, Ungeziefer) aber auch durch Handlungen (explizite Gewaltszenen oder Qualen) hervorgerufen werden.
  • Grauen – wo der Schreck von vorn kommt, schleicht sich das Grauen hinterrücks an, beginnt unterschwellig, vermeintlich harmlos und steigert sich erst allmählich bis er zum bestimmenden Element wird, das dem Leser schier den Atem raubt.

Archetypen des Horrors

Wir haben Horror als die Suche nach Emotionen im Grenzbereich definiert. Mit welchen Elementen versucht die Horrorliteratur aber, diese Emotionen auszulösen?  Dabei bedient sich die Horrorliteratur seit jeher typischer Figuren, die in vielen Varianten doch immer wieder auftreten und selten fehlen. Sie werden so oder so ähnlich in vielen Abhandlungen der Horrorliteratur aufgezählt:

  • Das Schatten-Ich
    Die dunkle, unterdrückte Seite eines Menschen, die sich oft, aber nicht zwingend auch in einer körperlichen Verwandlung zeigt.
    Ob das nun Mr. Hyde ist, den Stephenson Dr. Jeckyll quälen lässt, oder ein Werwolf, der sich bei Vollmond Bahn bricht, Wildes Bildnis des Dorian Gray oder eine Störung wie sie Bates in Psycho zeigt – immer lauert hinter einer Maske die Gefahr.
    .
  • Die hungrige Bestie
    Das bekannteste Beispiel ist sicherlich der Vampir, der wie Bram Stokers Dracula das Blut seiner Opfer benötigt. Doch letztlich sind es auch Figuren wie Grenouille in Süskinds Parfüm oder Ellis’ American Psycho, die auf der Suche nach Sättigung ihres Hungers zum Monster werden. Es können moderne Energievampire, die das Leben ihrer Mitmenschen diktieren wie die Gouvernante in James’ Turn of the Screw, oder nach Hirn gierende Zombies.
    .
  • Das Alien
    Wesen, die in unserer Welt keinen Raum haben und so für das Gefüge ihres Umfelds eine Bedrohung sind. Es kann dies ein von Menschen geschaffenes Monstrum wie das von Frankenstein sein, aber auch Mutationen oder Aliens wie Koontz’ Unheil über der Stadt, Maschinen wie Kings Christine oder Dämonen anderer Welten sein.
    .
  • Jenseitige
    Gespenster und Geister und alles, was aus dem Jenseits zurückkehrt, beleben seit jeher die Horrorliteratur, wie z.B. Walpoles Schloss von Otranto aber auch Du Mauriers Roman Wenn die Gondeln Trauer tragen. Dazu gehört natürlich auch der Teufel als prominentester Bewohner des Jenseits und der Horrorliteratur, wie z.B in John Miltons Paradise Lost oder Rosemarys Baby.
    .
  • Schreckensorte
    Verwunschene Orte sind auch im realen Leben Spukplätze und bevölkern so auch die Horrorliteratur. Dantes Schilderung der Hölle ist ein berühmtes Beispiel. Ob das jetzt der Suicide Forrest von Bates ist, oder Mastertons Opferung – auch moderne Autoren setzen auf diese Elemente.
    .

Bonuswissen (Klugscheißmodus)

Woher kommt der wohlige Schauer beim Hören von Gruselgeschichten oder der Lektüre eines Horrorromans?

Es liegt an unserem Angstzentrum. Wir sind seit dem Neandertal darauf getrimmt, potentielle Gefahren abzuwehren, indem man sich duckt, die Arme hochreißt, nicht weitergeht oder auch davon läuft. Damit das funktioniert leitet das Angstzentrum, ein etwa mandelgroßes Nervenbündel über dem Stammhirn sofort die entsprechenden Reaktionen ein. Erst einmal ein Reflex, der uns aufspringen lässt, lange bevor wir wissen, wovor genau wir uns fürchten. Damit wir vorbereitet sind, wenn auf dem langsamer arbeitenden rationalen Weg die Informationen eintrudeln. Damit das funktioniert, wird der Körper mit einem ordentlichen Schwall Adrenalin in Alarmbereitschaft versetzt, Der Puls beschleunigt sich, der Blutzuckerspiegel steigt und die Hände werden feucht.

Weiterführende Quellen

Lesenswerte Links haben wir hier entdeckt:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.