Interview Erik D. Schulz

Zu Besuch bei Erik D. Schulz

Heute besuchen der Skoutz-Kauz und ich einen Autor, der ein sehr ungewöhnliches und damit auch sehr spannendes Buch zum Skoutz-Award beisteuert und auf den ich deshalb schon sehr gespannt bin.

Mit „Der Weizen gedeiht im Süden“ hat Dominik A. Meier einen postapokalyptischen Roman auf die Midlist Science Fiction gesetzt, wo Erik D. Schulz nun trotz einer wirklich intergalaktischen Konkurrenz beharrlich seinen Weg in Richtung SciFi-Skoutz 2021 fortsetzt.

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Kay zu Besuch bei Erik D. Schulz, der einen Plan zur Weltverbesserung hat

Lieber Erik, ich freue mich sehr, dass das mit dem Interview-Termin geklappt hat. Dein Buch fand ich sehr ungewöhnlich, Kammerspiel und Roadtrip zugleich, mit einigen Ansätzen, bei denen ich tatsächlich eine Lesepause eingelegt habe, um erst einmal nachzudenken.

Umso gespannter bin ich auf das, was du zu unseren Fragen zu sagen hast. Fangen wir gleich an.

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Welches ist die größte Herausforderung, der man sich als Autor stellen muss?

Folgende Frage mit JA beantworten zu können: Habe ich mein Bestes gegeben und mit der höchstmöglichen Professionalität gearbeitet?

Okay, das ist jetzt mal eine ganz andere Herangehensweise an diese Frage. Wie kommst du dazu?

Früher war das anders. Da galten vor allem Durchhaltevermögen für kontinuierliche Arbeit, Disziplin und konsequente Beharrlichkeit sich über lange Zeit einer einsamen Beschäftigung zu widmen.

Und das hat sich geändert?

Ja! Das ist heute selbstverständlich und Schreiben wie eine Droge.

Und noch dazu eine, von der man keinen Entzug fordert. Aber lass uns mal über womöglich unerwünschte Nebenwirkungen des Rauschschreibens sprechen …

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Hast du Lieblingsworte in deinen Skripten, die vom Lektorat regelmäßig angestrichen werden?

Ach, du Grundgütiger

Da ich meinen Lektor schon mehr als zehn Jahre kenne, kille ich diese Wörter in tapferer Selbstzensur inzwischen selber.

Das ist sehr löblich, sozusagen grundgütig. Willkommen im Club der Selbstkritischen. Claudia Meimberg und ich führen dazu regelrecht Listen. Was bemeckert der Lektor dann?

Zu häufigen Gebrauch von Ausrufezeichen und drei Punkten (…).

Das kann ich mir gar nicht vorstellen … !

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Was ist deine präferierte Erzählform?

50/50 Ich-Erzähler und eingeschränkt auktorialer Erzähler.

Aha, der versöhnliche Ansatz

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Bist du im Team Adjektiv oder bevorzugst du eher einen „schnörkellosen“ Stil?

Ich bin eher der schnörkellose Erzähler, wobei sie von Zeit zu Zeit mit mir durchgehen und ich einen Adjektiveexzess einbaue.

Das klingt jetzt durchaus abwechslungsreich. Bietet sich aber auch an, um den Anforderungen in verschiedenen Szenen gerecht zu werden.

Genau! Schreiben lebt ja von Kontrasten.

Wenn wir bei „lebendigen Texten sind“ …

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Hast du einen speziellen Trick, um aus deinen Figuren echte Persönlichkeiten zu machen?

Oh, ja.

Verrätst du den auch?

Seit vielen Jahren benutze ich ein Template für jede Hauptfigur, in dem ich die physiologisch-körperliche, die soziologisch-soziale/psychologische und die seelisch-geistige Dimension mit Leben fülle.

Also regelrechte Protagonisten-Steckbriefe? Das ist sehr gründlich. Ich arbeite da eher aus dem Bauch heraus mit Bildern vor meinem inneren Auge. Was vermerkst du dann in dem Template?

Was ist die beherrschende Leidenschaft der Figur? In guten Büchern gibt es klare Motivationen, handfeste Aktionen und Ziele, die ausreichend erstrebenswert sind, um die Figuren anzutreiben.

Das ist wohl wahr. Darüber habe ich kürzlich auch erst mit Jens Bühler philosophiert. Und wie geht es dann mit dem richtigen Motiv weiter?

Die Protagonisten durchschreiten während der Handlung den Transformationsbogen. Dazu kommen Gedanken, Handlungen und Emotionen, die als die drei Dimensionen einer Figur definiert werden. Sie haben einen bewussten und einen unbewussten Wunsch und bitteschön innere Konflikte.

Damit arbeitest du im Prinzip mustergültig ab, was Schreibratgeber empfehlen. Dürfen wir dich mal bei einem Workshop als Dozent buchen?

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Welchen Fehler darf man beim Schreiben keinesfalls machen?

Von einem unverletzlichen Helden erzählen, das Manuskript nicht strukturieren, zu viel fachsimpeln (meine medizinischen Fachbegriffe werden regelmäßig weglektoriert und das ist auch gut so), ausufernde, zu lange Texte schreiben und ohne Bilder agieren, d.h. dem Leser alles erklären.

Huh, das ist ja ein ganzer Katalog! Fehlt noch was?

Bitte nicht die Überraschungsmomente vergessen. „There is only one plot—things are not what they seem“ – sagt Jim Thompson.

Und wer würde ihm da widersprechen. Das ist dann die radikalste aller Plottheorien. Noch vor der These, dass es nur zwei gäbe – Die Lesererwartung wird erfüllt oder nicht. Aber das ist auch eher ein Workshop-Thema.

Bleiben wir mal beim Lesen …

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Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Meist ein Hard-Boiled-Thriller von Chandler, Jim Thompson oder Cornell Woolrich. Ich liebe das. Aktuell aber ein Fachbuch über Exoökologie – das nächste Projekt ist ein Science-Fiction-Roman.

Exo-Ökologie? Also die richtig wissenschaftliche Beschäftigung mit extraterristischen Lebensräumen? Das klingt ja abgefahren. Ich bestehe darauf, dass du uns dieses Buch dann vorstellst, wenn es soweit ist. Aber bleiben wir in der Gegenwart.

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Welche 3 Dinge sind dir aktuell am wichtigsten im Leben?

Gesundheit, Liebe und innerer Frieden.

Oh ja. Das letzte ist vor allem in diesen Tagen so unfassbar schwer zu verteidigen.

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Wenn du wählen könntest, wärst du lieber extrem intelligent oder gut im Umgang mit Menschen?

Noch besser werden im Umgang mit Menschen!

Äh, ja?

Hey, ich schreibe ja schließlich nicht umsonst. Das müsste ich doch gar nicht, wenn ich mich im Zwischenmenschlichen besser ausdrücken könnte.

Ach, der Skoutz-Kauz und ich finden dich eigentlich sehr angenehm im Umgang. Das Defizit ist nicht so groß wie du glaubst.

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Wofür würdest du mitten in der Nacht aufstehen?

Für eine extrem gut klingende Schallplatte einer meiner Lieblingsbands (Beatles, Free, AC/DC, James Taylor, Neil Young, Tom Waits, Townes van Zandt etc.)

Sehr witzige Mischung, wenn ich das so sagen darf. Aber dann können wir mit AC/DC jedenfalls mal bei Jens Mertens vorbeischauen. Der lebt Rock & Roll auch nachts!

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Was ist deine größte Stärke?

Hartnäckigkeit mit hoher Leidensfähigkeit bis hin zur Selbstausbeutung.

Das klingt jetzt eher selbstzerstörerisch, auch wenn Lisa Skydla schwört, genauso müsste ein guter Autor sein. Und mehr mit Fokus auf die anderen?

Anderen kompromisslos helfen, wenn sie mich brauchen.

Aber Erik, dann musst du doch nicht noch besser im Umgang mit Menschen werden? Welcher Mensch würde sich mehr von seinen Freunden wünschen als das?

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Wenn dein fünf-jähriges Selbst plötzlich deinen jetzigen Körper bewohnen würde, was wäre das Erste, das dein fünf-jähriges Selbst tun würde?

Alle meine Freunde im Kindergarten ausdribbeln und das nächste Spiel 11:0 gewinnen.

Hahaha! Höre ich da die Aufarbeitung kindlicher Traumata heraus? Auf jeden Fall gäbe das sicherlich ein sehr, sehr lustiges Bild.

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Welcher fiktionale Charakter ist in Buch/Serie/Film unglaublich, wäre aber in banalen alltäglichen Situationen unerträglich?

Der Fotograf Thomas aus Michelangelo Antonionis Film „Blow Up“ von 1966.

Da muss ich kurz nachdenken … ja, der war speziell.

Kultig, ikonisch, stilprägend und einfach cool, wie David Hemmings das spielt.

Dafür ist er auch zu Recht berühmt geworden. Aber Thomas im Alltag, ja, ich ahne, was du meinst.

Die Figur würde mir im richtigen Leben höllisch auf die Nerven fallen.

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Stell dir vor, du würdest einen Geheimbund gründen, wie würdest du ihn benennen und was wäre eure Mission?

LA PROTEKTANTOJ

Äh was?

Das ist Esperanto und heißt „Die Beschützer“.

Wen oder was würdet ihr beschützen wollen?

Ich würde mit meinen Verbündeten versuchen, die Menschheit vor existentiellen Risiken zu bewahren. Das tut nämlich leider keiner wie Corona gezeigt hat. Darauf hätte man sich vorbereiten müssen.

Ja, da trete ich bei. Mich hat mehr noch als die Überraschung zu Beginn, die deprimierend flache Lernkurve seither geschockt. Wenn man zuhört, wie alle einfach nur brüllen, dass sie den Zustand ex ante wieder wollen, da könnte ich heulen. Aber welchen Risiken wollen wir uns denn widmen?

Ich wüsste da schon Beispiele: Zweimal im Jahrhundert gibt es einen verheerenden Vulkanausbruch, der mindestens ein Jahr lang zu Missernten und Hunger führt. Oder ein Sonnensturm, der die Stromversorgung der Menschheit auslöschen könnte, trifft die Erde ca. alle 150 Jahre (Carrington-Ereignis 1859). 95% der Menschen würden dabei sterben. Dagegen könnte man Vorsorge betreiben, aber es tut niemand… bis die La Protektantojs kamen 🙂

Wo muss ich unterschreiben?

Mal von revolutionären Ideen abgesehen …

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Gibt es etwas, das du kannst, die meisten anderen Menschen aber nicht?

Ich bin ein kritischer Hörer von Musik und höre Dinge, die den meisten wahrscheinlich entgehen: Die unterschiedliche Qualität des Halls von Kastagnetten auf einem halben Dutzend Vinyl-Pressungen, oder welche Ausgabe hat die meiste pure Rock-Energie und wo klingt das Händeklatschen am natürlichsten.

Puh, ich hör zwar viel Musik, aber ich gebe zu, dass ich mir die Frage authentischen Händeklatschens noch nie gestellt habe. Wie kommst du darauf?

Die Hauptfrage für mich ist: Von welcher Ausgabe werde ich am meisten emotional angesprochen und vergesse, dass dort eine Platte spielt?

Ja, das verstehe ich.

Zudem kann ich die Dialoge von hunderten Filmen auswendig, allen voran „Butch Cassidy and the Sundance Kid“

Oh, da könntest du dich mit meinem Mann zusammentun. Wobei ein Filmabend sicher auch mit Mike Stone lustig würde, der ist der Held des Synchronstimmen-Erkennens.

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Bevor wir das planen, lass uns aber noch schnell die letzte Frage machen:

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Was wolltest du der Welt schon immer einmal sagen? Raus damit!

Einfach mal wieder die Metaebene einnehmen und reflektieren, was für einen selbst wirklich wichtig ist.

Das musst du jetzt, glaub ich, noch kurz erklären:

Sind es die Dinge, die ständig in den Medien, Talkshows und Social Media bis zum Überdruss im Stundenrhythmus durchgekaut werden? Oder sind es Werte, die man sich für ein möglichst glückliches Leben erarbeitet hat? Leute, lasst uns mit einer kräftigen Portion Optimismus (ohne fahrlässige Sorglosigkeit) an die Dinge herangehen und dabei an die eigenen Stärken glauben. Würzt das Ganze mit einer Prise Gelassenheit und reichlich Humor, dann packen wir auch Schwierigkeiten und Klippen im Leben.

Und damit es nicht ganz schlimm kommt, passen die Protektantoj auf!

 

Lieber Erik, es war ein wunderbares Gespräch, das mir wirklich viel Spaß mit neuen Ideen gemacht hat. Ich hoffe, dass wir das bald fortsetzen können, und zwar wirklich gern auch in der Skoutz-Gemeinschaft, denn da sind viele Leute, die sich sicherlich mit deinen Ideen identifizieren könnten.

Dankeschön!

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Hier könnt ihr Erik D. Schulz erreichen:

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Skoutz-Lesetipp:

Crystal: Zu den Sternen fliegen – Psychogramm einer Sucht von Erik D. Schulz

Crystal - Eric D. Schulz Zehntklässler Niklas bekommt Nachhilfe bei dem Physikstudenten Tobias Menzel. Während einer der Stunden schlittert Menzel in eine Drogenpsychose und bedroht seinen Schüler. Das Physikgenie landet in der Psychiatrie, und Niklas findet in dessen Wohnung ein fettes Lager mit Bargeld und Drogen. Menzel ist ein Dealer! Daraufhin experimentieren Niklas und seine Freundin Lydia mit Crystal Meth. Die Teenager werden überwältigt von der Euphorie des Rausches. Die Welt färbt sich rosarot und die Teenager genießen die sexuelle Enthemmung. Doch das Down mit Depression und Entzug ist unvermeidlich. Nach einem Zusammenbruch versucht Niklas, der Droge zu widerstehen. Lydia dagegen nimmt das Crystal in seine Gewalt. Die Empfindungen des Rausches werden für das Mädchen zu einem Maßstab, an dem sich die Realität nicht messen kann.

Verzweifelt kämpft Niklas um Lydia. Doch hat seine Liebe eine Chance gegen die Sucht? Sind wir wirklich Herr unserer Gefühle, wenn eine Droge diese völlig zu verändern vermag? Mit schonungsloser Offenheit und psychologischer Präzision zeichnet dieser intensive Roman die Geschichte einer Sucht nach.

Skoutz meint: Kann die Liebe eine Drogensucht überwinden? Dieser spannenden Frage geht Eric D. Schulze mit viel Gespür für die medizinisch-psychologischen Vorgänge, die eine Drogensucht ausmachen, nach und zeichnet dabei ein mitreißendes, vielfach verstörendes aber ungemein warmherziges und spannendes Bild eines Kampfes nach, in den jeder von uns gezwungen werden könnte. 

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Mehr Info


Der Weizen gedeiht im Süden ist ein sehr ungewöhnlicher und nachdenklich stimmender Blick auf eine höchst spannend und anschaulich geschilderte postapokalyptische Welt und die Probleme ihrer Bewohner, das wir uns genau angesehen haben (weiterlesen).

Wir hoffen natürlich, dass auch dieses Interview von Eric D. Schulz dazu beiträgt, dass sein Buch im Wettbewerb weiterkommt und drücken fest die Daumen.

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Hinweis:
Wenn ihr die Bücher schon kennt, dann würdet ihr uns, dem Autor und schließlich allen lektüresuchenden Lesern einen großen Gefallen, wenn ihr das Buch in der Skoutz-Buchdatenbank mit einer  Skoutz-Buchfieberkurve bewerten würdet. 5 Klicks statt 5 Sterne. Einfacher lässt sich eine Rezension nicht schreiben, bequemer kann man sein nächstes Buch-Date nicht finden. Und so helft ihr, dass unsere Buchfindemaschine weiter wächst

 

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