zu Besuch bei Marc Hamacher

Im schönen Backnang in der Nähe von Stuttgart treffen wir heute Marc Hamacher, seines Zeichens Chef des Leseratten Verlags und Herausgeber etlicher Anthologien. Ich bin schon ziemlich neugierig, was mich so erwartet. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass sich der Verlag auf humorvolle Fantastik spezialisiert hat. D

Doch nicht nur das, Marc Hamacher ist regional sehr aktiv und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Literatur der Region zu fördern. Mit seinem Schreibwettbewerb “Backnang Stories” sucht er einmal im Jahr die besten Stories aus der Umgebung, aus denen sogar der ein oder andere Roman entstanden ist. Mir gefällt der Lokalpatriotismus – vor allem da Marc Hamacher eigentlich waschechter Kölner ist. Mal sehen, wie stark die schwäbische Mentalität schon auf den Rheinländer abgefärbt hat …

 

zu Besuch bei Marc Hamacher, für den Bücher das Fenster zu Welt sind …

 

In der Kürze liegt die Würze – Warum gilt das auch für Geschichten?

Die Antwort ist so kurz wie gute Kurzgeschichten: »Lang kann ja jeder«.

Eine spannende These, die du aufstellst 🙂

Nein, mal im Ernst: Ich kenne einige Autoren, welche die »Kunst« der Shortstory extrem schwer finden, weil man eben direkt in die Geschichte und dann auch schnell auf den Punkt kommen muss. Es muss fesseln, es muss KLICK machen. Da kann man nicht die ersten 100 Seiten die Bäume des Auenlandes beschreiben.

Da gebe ich dir recht … Allerdings empfinde ich den Gedanken, 100 Seiten mit Landschaftsbeschreibungen füllen zu müssen, als viel komplizierter 😉 Aber das ist vielleicht rein subjektiv …

 

Was bewegt dich, Anthologien herauszugeben?

Es macht mir Spaß, »kurz« zu lesen.

Böse Menschen würden da direkt Faulheit wittern … Schau nicht so, bin ja schon ruhig 🙂

Es sind tolle Snacks für Zwischendurch. Zu Uni-Zeiten habe ich viel gependelt und da reicht dann eine Geschichte immer für eine Fahrt. Das ist perfekt.

Okay, das macht Sinn. Doch nun pendelst du wahrscheinlich weniger, bist Verleger …

Als Verleger ist es aber auch eine Möglichkeit, neue Autoren kennenzulernen. Diese Bücher sind immer bunt, jeder hat seinen eigenen Stil, seine eigene Art von Humor. Und wenn mich dann ein Autor so auf sich neugierig gemacht hat, dann schau ich genauer hin. Wir haben im Verlag durch unsere Anthos auch schon neue Autoren entdeckt, die dann einen Vertrag für einen langen Roman bekommen haben.

 

Was braucht eine gute Anthologie für dich? Was ist ein gutes Anthologie-Thema?

Abwechslung und Kurzweile. Ich lache gern. Deswegen machen wir vor allem lustige Anthologien in der Funtastik.

Klingt gut, aber ist doch ein recht weites Feld. Wie wählst du ein spezielles Thema aus? Persönlicher Geschmack oder doch eher wirtschaftlich am aktuellen Kundengeschmack orientiert?

Das Thema muss die Leute interessieren, es muss einen Hauch von Kult haben. Das ist nicht immer einfach zu finden. Mit dem Schnitter scheinen wir aber einen Nerv getroffen zu haben, denn er ist als Figur, nicht nur durch Pratchett, extrem beliebt. Entsprechend hat uns die Anzahl der Einsendungen umgehauen.

 

Was glaubst du, wie viele Geschichten sind perfekt für eine Anthologie und wieso?

Die Anzahl der Geschichten ist gar nicht so wichtig.

Was dann?

Ich finde, dass ein Taschenbuch mit mehr als ca. 400 Seiten irgendwann unhandlich wird. Die tatsächliche Anzahl der Geschichten richtet sich somit eher an der Seitenzahl. Das hat als kleiner Verlag auch teilweise wirtschaftliche Gründe.

 

Anthologien sind in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – relativ schwer an den Leser zu bekommen. Woran liegt das und woher nimmst du den Mut/die Kraft/die Sturheit, es trotzdem zu versuchen?

Es ist weniger Mut oder Sturheit, sondern einfach die Liebe zur Kurzgeschichte.

Das hast du schön gesagt 🙂

In erster Linie muss mir als Verleger das Buch und die Idee Spaß machen. Wenn ich nicht selbst hinter einem Buch stehe, dann kriege ich es auch nicht zum Leser. Und ich sehe das auch als Möglichkeit, Autoren zu fördern.

Kannst du das ein wenig erläutern?

Wir haben regional unser jährliches Projekt »Backnang Stories«, bei dem wir auch direkt mit Schulen zusammenarbeiten und so neuen Talenten eine Chance zu einer Veröffentlichung geben. Und die Kurzgeschichte ist und bleibt der perfekte Ort, um sich als Autor »die Hörner abzustoßen«.

 

Nach welchen Kriterien wählst du die Geschichten aus? Vielfalt? Bekannte Namen? Persönlicher Geschmack? Würfeln oder Orakeln?

Ich entscheide das nicht alleine, sondern wir haben eine kleine Jury. Das Auswahlverfahren läuft über viele kleine Bausteine.

Was kann ich mir genau unter diesen Bausteinen vorstellen?

Zu allererst muss die Geschichte zum Thema passen. Dann dürfen sich die Geschichten nicht zu ähnlich sein. Ein bekannter Autor ist als Verleger sicherlich eine nette Sache, aber bei unseren öffentlichen Ausschreibungen spielt das keine Rolle. Da kriegt jeder eine Chance und es kommt immer NUR auf die Geschichte an.

Ein wahrlich skoutziges Ansinnen 😉

Anders ist das, wenn ich gezielt Autoren zu einer geschlossenen Anthologie einlade, wie es bei »German Kaiju« der Fall war. Auch im kommenden Jahr wird es zwei Anthologien geben: Einmal die Weltraumkneipe »Waypoint FiftyNine«, die für alle offen ist und für die man sich bis Ende des Jahres noch bewerben kann. Außerdem noch eine Antho mit dem Arbeitstitel »Blutige Welten«, wo wir gezielt Autoren angefragt haben.

 

Was war dein emotionalstes / verrücktestes / außergewöhnlichstes Erlebnis als Herausgeber?

Hmmm … das ist schwer zu beantworten.

Fällt dir nichts ein oder willst du es mir nur nicht verraten? 🙂

Wirklich verrückt war sicher das Projekt »German Kaiju«, denn dort habe ich einige Autoren kennengelernt, die eigentlich eher aus dem Bereich Horror und nicht aus der Funtastik kommen. Auch die Aufmachung des Buches hat Spaß gemacht. Die Reaktionen der Fans sind wahnwitzig.

Wahnwitzig scheint der passende Ausdruck für eine horrorangehauchte Funtatsik zu sein *grins*

Apropos witzig. Bei der ersten Anthologie »FUNTASTIK« habe ich eine Geschichte von Ju Honisch angenommen  und hatte keine Ahnung, wer das eigentlich ist. Die Story war einfach toll.

Sie hat dich mit ihrem Können und nicht ihrem Namen überzeugt. Das ist doch super.

Ich googel meine Autoren nicht vorher. Das war dann fast ein wenig peinlich. 🙂

Ach komm, im Nachhinein ist das doch eine super Anekdote, die zeigt, wie viel Leidenschaft du in deine Arbeit steckst 🙂 

Emotional ist bei mir aber irgendwie alles. Die Welt ist oft zu ernst und zu hart genug. Deswegen auch FUNtastik, denn ich mag es selbst, zu lachen und freue mich einfach, wenn unsere Geschichten ein wenig Irrsinn in das Leben der Leser bringen.

 

Mit vielen Autoren zusammenzuarbeiten kann schön, aber sicher auch anstrengend sein, oder?

Durchaus. Aber da muss man als Verleger eh durch. Autoren sind eigentlich alle nett.

Ein versteckter Relativismus?

Manche tarnen sich als Zicken oder Diva. Anstrengend wird es eigentlich immer erst, wenn die Deadlines gerissen werden und der Zeitdruck sehr groß wird. Aber das liegt in der Natur der Sache, denn 80% aller Autoren, die ich kenne, liefern gerne auf den letzten Drücker.

Da sitzt man zum Schluss dann sicher auf heißen Kohlen 🙂

Aber wenn es hart auf hart kommt, dann hab ich ja Kontakte zum Schnitter.

 

Was wäre das größte Kompliment für dich als Herausgeber?

Wenn Leser sagen, dass ihnen das Projekt gefallen hat. Und das Autoren sagen, dass sie sich gut und fair behandelt fühlen und gerne mit uns zusammenarbeiten.

Das sind wirklich schöne Komplimente …

Ich finde, Ehrlichkeit und Offenheit, vor allem bei Problemen, sind sehr wichtig in der Szene. Da versuche ich, alles richtig zu machen.

 

Wer ist für dich der ideale Leser?

Der ideale Leser kauft das Buch, findet es toll und erzählt es weiter. Im Namen aller Kleinverlage muss ich sagen: Wir leben von EUCH, den Lesern. Wir haben oft keine Werbemöglichkeiten in Zeitungen oder dem TV. Wenn wir wirklich etwas brauchen, dann Mundpropaganda.

Im Gespräch sein … 

Genau. Und wenn wir irgendwo auf einer Messe oder einer Con sind, dann besucht uns, einfach nur so. Feedback und Weitererzählen ist extrem wichtig.

 

Gibt es Unterschiede zwischen Anthologie- und Roman-Covern?

Sicher. Bei einer Anthologie versuchen wir immer, Highlights oder Figuren aus mehreren Geschichten zusammen abzubilden. An dieser Stelle ein Lob an die Menschen, die genau diese Cover erstellen.

Der optische Eindruck ist also auch bei Anthologien ein wichtiges Element.

Ohne Chrissi Schlicht wäre »Schnittergarn« nicht ein so auffälliges Buch. Und ohne Christian Günther wäre »German Kaiju« einfach nichts. An alle Leser da draußen: Achtet im Impressum einfach auf die Coverdesigner und wenn diese auf Messen/Cons sind, dann geht hin. Leider werden diese Künstler viel zu selten so in den Mittelpunkt gestellt, wie es sich eigentlich gehört.

 

Welche Superkraft hättest du gern?

Beruflich die Teleportation.

Warum ausgerechnet die?

Was an Reisezeit für die Arbeit draufgeht, das ist nicht nett.

Ist ja auch Arbeit und kein Vergnügen, wobei ich glaube, bei dir könnten die Grenzen da schon verschwimmen 🙂 Und privat?

Privat hätte ich gerne einen Handschuh wie Thanos. Einmal schnippen und alle populistischen Vollidioten in dieser Welt wären weg. Der schnellste Weg zum Weltfrieden.

 

 

Für welches Produkt würdest du Werbung machen?

Im Moment?

Ja, oder auch generell. Das überlasse ich dir …

Für ein Buch. Eine Anthologie. Aber nicht von uns, sondern vielleicht eine der wichtigsten Anthologien des Jahres …

Jetzt bin ich aber gespannt. Klingt wirklich großartig.

»Dunkle Ziffern« aus dem Verlag Edition Roter Drache.

Und warum ausgerechnet dieses Buch?

Weil ich den Verleger und die Herausgeberinnen sehr schätze und weil mir das emotionale Thema einfach sehr wichtig ist. Ein Buch, dass sich mit Missbrauch beschäftigt, wo Betroffene Geschichten, teilweise ihre eigene Geschichte erzählen, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder wüten soll. Und der Erlös geht komplett an Dunkelziffer eV.

Das ist wirklich eine wichtige Sache, die man unterstützen sollte. Wenn ihr mehr darüber erfahren wollt, schaut doch auf der Seite des Verlag Edition Roter Drache nach. (Hier geht es zum Verlag)

 

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Buchinterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

Willst du einen Keks?

Ich dachte, du fragst nie!!!!!!!!!!!

Tausend Dank, lieber Marc Hamacher, dass du dir die Zeit genommen hast, mich zu treffen. Es war wirklich nett bei dir und ich hoffe, wir können das mal wiederholen. Deiner Anthologie wünsche ich für den weiteren Wettbewerb alles Gute und vielleicht sehen wir uns bereits in Frankfurt zur Verleihung wieder.

 

Wo kann man euch persönlich treffen?

Wir sind dieses Jahr noch auf der MarburgCon, ComicCon Stuttgart, FeenCon in Bad Godesberg, der FaRK im Saarland, bei den DragonDays und wahrscheinlich beim BuCon. Und natürlich holen wir uns bei der Verleihung des Skoutz-Awards gerne persönlich den ersten Preis. 😉

Das hoffe ich doch schwer 🙂

 

Mehr über Marc Hamacher und den Verlag findet ihr auf:

 

Skoutz-Lesetipp: Vikings of the Galaxy – funtastische Geschichten von Cara D. Strange (Hg) & Thomas Heidemann (Hg) (erscheint am 28.6.)

Wikinger im Weltall? Kurz hielten wir die Herausgeber für irre. Zumindest für zehn Sekunden, denn dann war klar: Das ist genau das Richtige.

Sie zögern?

Überzeugen Met pinkelnde Ziegen, Walküren auf Weltraumharleys und Schweizer-Multifunktionsschwerter noch nicht? Dann womöglich New Woodstock-Wikinger mit einer Vorliebe für das Kraut der Erleuchtung, Cyborg-Wikinger auf der Suche nach dem Funken des Lebens oder In Spek Tor beim Versuch, den Tätigkeitsbereich unserer Weltraum-Wikinger zu kategorisieren.

Immer noch nicht überzeugt?

Dann wird es jetzt Zeit Ihnen zu zeigen, wo Thors Hammer hängt … oder steht … oder, ach, Sie wissen schon. Und immer daran denken: Niemals einen roten Knopf drücken!

Skoutz meint: Wikinger, die den Weltraum erobern … Skurril? Vielleicht, aber definitiv absolut lesenswert. Dieser metgeschmierte Angriff auf die Lachmuskeln ist so außergewöhnlich und genial zugleich. 20 Kurzgeschichten voll mit wahnwitzigem Irrsinn, so anders, so spektakulär. Mythologie meets Science Fiction – nicht nur in der Theorie. Mit viel Fingerspitzengefühl wurden von den Autoren Anspielungen eingebaut. Nicht nur Star Wars, Marvel und Stargate, sondern auch einige Autoren und Verleger finden sich als Insider hier wieder. Wild, metlastig und raubeinig – kurz gesagt ein Lesespaß der besonderen Art.

 

Hinweis:

In “Schnittergarn”, das im Juni 2018 beim Leseratten Verlag veröffentlicht wurde, präsentiert Marc Hamacher eine Sammlung von Kurzgeschichten namhafter und unbekannter Autoren über Gevatter Tod. Und so bekommt auf 432 Seiten der Tod so ein ganz neues und überraschend facettenreiches Gesicht.

Kein Wunder also, dass diese Sammlung von ausgewählten Kurzgeschichten über Leben und Tod Skoutz Jurorin Stella Delaney überzeugen konnte. “Schnittergarn” wurde daher todernst aus über 300 Titeln der Anthologie-Longlist  auf die Midlist Anthologie befördert. Und jetzt wollen wir sehen, ob Schnittergarn seine Konkurrenz aus dem Weg räumen und den Anthologie-Skoutz 2019 holen kann.

Mehr zur funtastischen Antho findet ihr in unserer ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

Und für alle, die neugierig geworden sind, hat der Verlag eine spezielle Preisaktion. Das Ebook dieser unglaublich witzigen und skurrilen Antho gibt es aktuell für 3,99€ statt 9,99€. Aber ihr solltet schnell sein, dieses tolle Angebot ist zeitlich begrenzt 🙂 (Affiliate-Amazon-Link zum Buch)

2 Gedanken zu „zu Besuch bei Marc Hamacher

Schreibe einen Kommentar