zu Besuch bei Magret Kindermann

Im schönen Thüringen werde ich heute Magret Kindermann treffen. Weil ich von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, habe ich natürlich auch im Vorfeld dieses Gesprächs ein wenig recherchiert und dabei erfahren, dass Magret Online Journalismus studiert hat und danach einige Zeit als Redakteurin und Produzentin bei einigen Fernseh-Produktionen gearbeitet hat. Jetzt verwirklicht sich die geborene Hessin als freie Autorin und Lektorin. Mal sehen, was ich ihr mit meinen Fragen noch alles entlocken kann und ob ich dabei vielleicht das ein oder andere Geheimnis lüften kann …

 

zu Besuch bei Magret Kindermann, die sich für Verhaltensmuster und Emotionen, für leichte Sprache für große Themen und kuriose Menschen interessiert …

 

In der Kürze liegt die Würze – Warum gilt das auch für Geschichten?

Weil Geschichten, die zu sehr ausufern, oft nur noch Gelaber sind oder viel zu viele Themen unterbringen wollen.

Man verliert also den Fokus?

Man liest kurze Geschichten gewissenhafter, weil man nicht so viel davon hat. Wie ein kleines Stück gute Zartbitterschokolade.

 

 

Was bewegt dich, Anthologien herauszugeben?

Schreiben ist eine einsame Kunst.

Ein spannender Ansatz …

Eine Anthologie ermöglicht es, gemeinsam an einem Werk zu arbeiten, trotzdem ist auch jeder für sich. Autoren und Autorinnen sind ein interessanter Schlag, oft schwierig und kauzig und ich mag diese Art sehr.

Kannst du mir das erläutern?

Wir erwarten alle zu viel und zu wenig gleichzeitig. Ich mag es, die Ansprechpartnerin zu sein und etwas auf die Beine zu stellen. Gerade für chaotische Buchmenschen ist eine gute Organisation oft das fehlende Element, um ein Projekt zu beenden. Umso befriedigender ist es, unser Werk am Ende sehen zu können.

 

 

Was braucht eine gute Anthologie für dich? Was ist ein gutes Anthologie-Thema?

Vor allem Vielfalt und Raum für Experimente.

Wie äußert sich das?

Eine Anthologie muss wie eine Wundertüte sein und bei jedem Hineingreifen finde ich eine neue Überraschung.

 

 

Was glaubst du, wie viele Geschichten sind perfekt für eine Anthologie und wieso?

Je nach Länge der Geschichten zehn bis zwanzig davon.

Wonach richtet sich diese Einschätzung?

Zu wenige bieten nicht die nötige Vielfalt und zu viele erschlagen. Obwohl ich mir auch vorstellen kann, dass es anders funktioniert. Etwa fünf sehr lange Geschichten oder fünfzig sehr kurze. Es kommt immer auf das Konzept an, das muss am Ende rund sein.

Also ist das auch in gewisser Weise immer ein subjektiver Eindruck.

Ich persönlich mag es, wenn die Geschichten unterschiedlich lang sind.

 

 

Anthologien sind in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – relativ schwer an den Leser zu bekommen. Woran liegt das und woher nimmst du den Mut/die Kraft/die Sturheit, es trotzdem zu versuchen?

Ich versuche es mit Kurzgeschichten, weil ich den Erfolg nicht zu wichtig nehme.

Wenn nicht der Erfolg, was ist es dann?

Ich schreibe sie gerne. Allerdings ist es in der deutschsprachigen Literaturlandschaft wirklich schwer,  gute Kurzgeschichten zu finden.

Was sind deiner Meinung die Gründe dafür?

Sie sind schwer zu schreiben. Viele gehen davon aus, sie seien wie ein Roman, aber kurz. Was das bedeutet, das bedenken wenige. Das Resultat sind unbedeutsame Worthülsen von Erzählern, die ihre Probleme zu wichtig nehmen. Deutsche Leser mögen zur Zeit vor allem Fantasy, ein Genre, das typisch für dicke Schinken ist. Irgendwann wird sich das wieder wandeln und dann kommen sicher auch wieder die Perlen der kurzen Sachen ans Licht. Denn die gibt es!

 

 

Nach welchen Kriterien wählst du die Geschichten aus? Vielfalt? Bekannte Namen? Persönlicher Geschmack? Würfeln oder Orakeln?

Die Autorengruppe von Nikas Erben ist mehr oder weniger feststehend.

Und wie läuft das dann genau ab?

Schlägt jemand daraus jemanden vor, fragen wir an. Einige von uns sind Bestsellerautoren, andere haben neben der Anthologie noch nichts Eigenes veröffentlicht.  Grundsätzlich müssen wir in den Geschichten trotzdem Potenzial sehen. Durch unser dreifaches Lektorat hat jeder die Möglichkeit, dieses auszuarbeiten. Natürlich ist bei der Auswahl viel Bauchgefühl verantwortlich, aber im Grunde kann  man es auf Folgendes runterbrechen: Die Geschichte muss was zu sagen haben, was sprachlich und stilistisch wiedergespiegelt wird, und sie darf das Thema nicht verfehlen.

 

 

Was war dein emotionalstes / verrücktestes / außergewöhnlichstes Erlebnis als Herausgeber?

In der Nachfolger-Anthologie hatten wir eine Geschichte, die es fast nicht ins Buch geschafft hat. Sie gefiel uns Herausgeberinnen beiden gut, aber irgendwas stimmte nicht. Wir hatten mit dem Autor schon einige Lektoratsrunden hinter uns und der Arme muss sich ganz schön hin- und hergescheucht gefühlt haben. Bis Wiebke und mir schließlich auffiel, dass das Thema Liebe mit Happy End verfehlt war, obwohl es ein Paar gab.

Wie ging es dann weiter?

Ich telefonierte mit dem Autor, der sehr enttäuscht war, aber uns trotzdem noch seine letzte Überarbeitung zuschickte. Und damit hatte er das Problem gelöst! Wir sind alle froh, dass seine Geschichte nun doch im Buch ist.

 

 

Mit vielen Autoren zusammenzuarbeiten kann schön, aber sicher auch anstrengend sein, oder?

Ja! Jeder ist anders und hat eigene Vorstellungen. Dazu kommunizieren wir ja fast ausschließlich online, da entstehen schon mal Missverständnisse.

Das kann ich mir gut vorstellen …

Trotzdem muss ich sagen, dass unser Haufen großartig ist und selten kam es zu Konflikten, die dann nicht mal hochschaukelten. So ein harmonisches Team habe noch nicht erlebt.

 

 

Was wäre das größte Kompliment für dich als Herausgeber?

Wenn einer der Autoren uns eine Mail schreibt, dass wir einen wunderbaren Job gemacht haben und er nicht will, dass wir die nächste nicht mehr leiten. Und genau das ist passiert!

 

 

Wer ist für dich der ideale Leser?

Jemand, der Bücher erwartet, die neue Wege gehen. Der offen ist und sich auf die Geschichte einlässt. Der das Gelesene auf sich überträgt und reflektiert. Jemand, der Bock auf Sartre hat, aber auch mal auf Trash.

Eine extrem spannende Mischung …

 

 

Gibt es Unterschiede zwischen Anthologie- und Roman-Covern?

Bei einem Roman muss das Cover nur eine Geschichte widerspiegeln, bei einer Anthologie darf sich keine nicht angesprochen fühlen.

Also muss das Cover die gesamte Vielfalt der unterschiedlichen Geschichten repräsentieren 🙂 Sicher immer wieder eine neue Herausforderung …

 

 

Welche Superkraft hättest du gern?

Ich würde gerne Schlaf beherrschen können, das ganze Programm.

Wie darf ich mir das vorstellen?

Speicherreserven besitzen, aus denen ich schöpfen kann, wenn ich zu wenig Schlaf abkriege. Sofort und überall einschlafen, Schlaf verschenken und Träume komponieren können. Dazu wäre mein Schlaf erholsamer, weswegen ich nur halb so viel davon bräuchte.

Als Mama verstehe ich diesen Wunsch nur zu gut 🙂

 

 

Für welches Produkt würdest du Werbung machen?

Für Bienenwachskerzen.

Okay, die Antwort hätte ich jetzt irgendwie nicht erwartet. Warum ausgerechnet dafür?

Ich liebe sie, weil sie fantastisch riechen, sofort den Schalter auf Gemütlichkeit umlegen und keine giftigen Stoffe wie normale Wachskerzen beinhalten. Sie sind ein kleiner Luxus, den ich mir sogar ab und zu leisten kann.

 

 

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Buchinterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

Bist du übertrieben stolz auf dein Werk?

Ich glaube zu Recht. Liebe Magret Kindermann, tausend Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mich zu treffen und mir all meine Fragen zu beantworten. Eurer Anthologie wünsche ich für den weiteren Wettbewerb viel Erfolg und wer weiß, vielleicht sehen wir uns bereits in Frankfurt zur Verleihung des Skoutz-Awards wieder.

 

Mehr über Magret Kindermann und ihre Werke findet ihr auf:

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Hinweis:

In “Briefe aus dem Sturm”, das im Juni 2018 bei TWENTYSIX selbst veröffentlicht wurde, zeigt uns Margret Kindermann eine Sammlung mehrerer Kurzgeschichten. Auf 228 Seiten bekommen wir verschiedene Einblicke zum Thema Briefe  – eine Reminiszenz an eine aussterbende Kommunikationsform.

Mit ihrer Sammlung von ausgewählten Kurzgeschichten konnte Margret Kindermann unsere Skoutz Jurorin Stella Delaney überzeugen. “Briefe aus dem Sturm” wurde aus über 300 Titeln der Anthologie-Longlist erwählt. Sie ergatterte einen der begehrten Midlist-Plätze und damit vielleicht die Chance auf den Skoutz Award 2019.

Mehr Informationen zur Anthologie bekommt ihr wie immer in der ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

 

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