Skoutz-Wiki – Mängelexemplar

Immer wieder sieht man Bücher, auf deren Schnittkanten in großen Lettern “Mängelexempar” gestempelt steht. Das wirkt wie ein Schandmal, mit dem das Büchlein ausgegrenzt und ins Abseits gestellt wird. Ein scharlachroter Buchstabe sozusagen, um einen literarischen Vergleich zu ziehen. Oder eben eher ein hässliches Entlein …?

Aber ist die Verachtung, mit der man diese Bücher straft, wirklich gerechtfertigt? Skoutz hat ein Herz für Minderheiten in der Buchwelt und widmet dieser ins Abseits gedrängten Buchspezies einen ganzen Artikel:

Das Mängelexemplar – Schönheit blüht im Verborgenen.

Das Mängelexemplar in Kürze

Hauptgrund für die Auszeichnung eines Buches als Mängelexempar ist das Buchpreisbindungsgesetz. Das besagt, das grundsätzlich in Deutschland (und vielen anderen Ländern auch) Bücher nur zu einem einheitlichen Preis verkauft werden dürfen. Eine Ausnahme bilden z.B. Mängelexemplare. Also Bücher mit Charakter oder wie immer man Leserillen, Knicke, Flecken etc. nennen möchte, die einen deutlichen Mangel darstellen. Die dürfen nämlich unter dem offiziellen (gebundenen) Buchpreis und damit billiger verkauft werden. Man nennt das dann auch verschämt “Modernes Antiquariat”. Dazu sind die Bücher deutlich sichtbar zu kennzeichnen. Meist mit einem Stempel oder einem dicken Strich an der unteren Schnittkante.

Das Mängelexemplar ausführlich betrachtet

Von der Idee her sind Mängelexemplare also Exemplare mit Mängeln. Meist hat sich das Buch seine Mängel in der weiten Welt zugezogen, bei Ansicht, Lagerung und Transport vor allem. So zum Beispiel als Auslage-Exemplar im Buchladen, wenn unsachgemäße Lagerung zu Wellenwurf führen, oder auch als Remittend. Denkbar ist aber auch ein Mangelexemplar wegen “angeborenen Fehlern”, die in der Herstellung passiert sind, wie z.B. ein schiefer Druck oder eine fehlerhafte Bindung/Leimung. Da spricht der Fachmann dann allerdings eigentlich von Defektexemplaren.

Sonderfall Scheinmangelexemplar

Daneben gibt es auch sogenannte Scheinmängelexemplare. Also nicht anders als die vorgegaukelten Leiden einiger Bettler in den Fußgängerzonen. Da werden quietschgesunde Bücher mit einem Makel abgestempelt, um so die Buchpreisbindung zu unterlaufen. Das finden die Konkurrenz und auch die Gerichte allerdings gar nicht toll und verurteilen in solchen Fällen regelmäßig zu Strafen und Schadensersatz.

Ein echtes, von der Buchpreisbindung befreites Mängelexemplar ist nämlich nach Auffassung der Richter nur ein Buch, dass “einen deutlich sichtbaren, nicht ohne Weiteres behebbaren und damit spürbar wertmindernden Schaden aufweist”.

Da mögen jetzt ein paar Extrem-Buchschoner entsetzt aufschreien, die in ihren Buchschätzen nur noch Transportmittel für das eigentlich interessante Cover sehen, und es nach dem Auspacken aus der neuerdings ökologisch inkorrekten Zellophanhülle mit frischgewaschenen Baumwollhandschuhen ins Regal stellen, wo es dekoriert mit Funkos und anderem Dekoschmuck nach einem kurzen Instagram-Fototermin nie wieder angerührt, geschweige denn gelesen wird. Aber für die Mehrheit der Buchwelt ist das Buch immer noch ein Gebrauchsgegenstand, der einen Inhalt transportiert, und kann als solcher kleinere Mängel verkraften.

Die bloße Entwertung durch eine entsprechende Aufschrift oder einen schwungvollen Filzstiftstrick genügen jedenfalls nicht.

Die Qualität von Mängelexemplaren

Nun, darüber kann man streiten. Den meisten Skoutz-Redakteuren ist ein verdengeltes Lieblingsbuch immer noch lieber als ein druckfrisches Schundbuch (wobei wir hier ausdrücklich und wohlweislich keine Beispiele nennen wollen…). Aber gehen wir jetzt mal wirklich nur von der Hülle der Geschichte, also dem Buch selbst, aus, so gibt es auch da gravierende Unterscheide.

Das geht von den eigentlich nicht seriösen Scheinmängelexemplaren mit nur scheinbaren Mängeln bis hin zu Büchern, die in Fehlfarben, mit Flecken, Wellen oder losen Seiten wirklich liebevoll als “Charakterbuch” zu qualifizieren sind. Davon hängt dann auch meist der Nachlass ab. Je schwerer der Schaden, desto billiger das Buch.

Und das ist auch der Ansatzpunkt, den viele Mängel-Leser vertreten: Wenn man mit ein paar Reserillen, die das Buch bei der eigenen Lektüre womöglich eh bekäme, ein Buch um die Hälfte bekommt, ist das gerade bei knapper Kasse und heftigem Leseentzug, eine Überlegung wert.

Auch für Popcorn-Bücher, die man für den Urlaub oder das Krankenhaus kauft und ziemlich sicher nicht mehrmals lesen wollen wird, sind Mängelexemplare eine gute Wahl, denn sie transportieren.

Bücher sind zum Lesen da. Oder?

Auch für diejenigen, für die ein Buch (auch) Dekorationsgegenstand ist, stellt sich die Frage, was an einem Buch so viel besser als etwa an einem Bild im Regal ist? Richtig – die Geschichte, die es verkörpert. Wir sagen ja bei Skoutz seit jeher, nur die Geschichte zählt. Und darum kommt es doch nicht darauf an, in welcher Verpackung sie daherkommt?

Eine Geschichte kann, das ist die Essenz von Leid und Frust der Autoren, nur dann wirken, wenn sie gelesen wird. Die Geschichte ist das Samenkorn, das erst durch die Fantasie der Leser blühen kann. Ein ungelesenes Buch ist daher eigentlich … Krempel. Von daher spricht doch vieles dafür, dass eine Bibliothek, voller gelesener, mehrfach verschlungener Bücher, die ihre Leser getreulich und vielleicht über Generationen hinweg, durch alle Lebenslagen begleitet haben, viel schöner, viel buchverliebter (bibliophil) als eine sterile Buchwand, in der ein Meter Cover effektvoll für überfilterte Instagramfotos drapiert wurde, ohne je ein Leserherz erreicht zu haben.

Ein Buch, dem man ansieht, dass es am Strand dabei war, uns in ruckelnden Zügen neben der Kaffeetasse begleitet hat und womöglich sogar mit nur leichten Schmauchspuren aus einem brennenden Haus gerettet wurde, bevor es an die nächste Lesergeneration für neue Eselsohren und Leserillen weitergegeben wurde, ist bereits durch die Wertschätzung spannend. Das Buch macht mich neugierig, lange bevor ich den Titel, das Cover, den Klappentext oder gar den Inhalt kenne. Wer so geliebt wird, ist interessant. Also sperrt eure Bücher nicht ein, lasst sie an eurem Leben teilhaben und gebt auch Mängelexemplaren eine Chance. Da sie schon Macken haben, sind sie vielleicht eine gute Anfängerübung zurück zum unbefangenen Umgang mit Büchern. Sie sind die Tierheimtiere unter den Büchern. Man kann dort günstig Schätze finden, die einen fürs Leben verändern.

Wo kann man Mängelexemplare kaufen?

Mängelexemplare gibt es fast überall. Viele Supermärkte haben Ramschtische meist in Kassennähe, um den ungeduldig wartenden Kunden noch mit einem Buch zu ködern. Es gibt Online-Shops (medimops, rebuy und arvelle) aber auch Buchhandelsketten wie Jokers, die neben antiquarischen Büchern auch solche Titel führen. Inzwischen bieten das auch viele Verlage, insbesondere über die aktuell so beliebten Buchboxen an.

Bonus-Wissen zum Mängelexemplar (Klugscheißmodus)

Am Ende ist alles Ramsch. Wie das, werdet ihr fragen, denn gerade hieß es doch noch, nur die Geschichte zählt. Tatsächlich ist der Fachbegriff in der Buchwelt, wenn man ein Buch unter dem Buchbindungspreis verkauft, “verramschen”. Ein biliges Buch ist – so will es das Gesetz – Ramsch. Die Umgangssprache hat das übernommen und verwendet den Fachbegriff auch auf andere preisreduzierte (oder von vornherein billige) Produkte an.

Ähnlich verhält es sich mit der seltener, aber eben schon auch gehörten “Makulatur“. Wenn wer genervt ausrutft, das sei doch alles Makulatur, meint er, es sei umsonst und wertlos. In der Buchwelt ist makulieren der Tod eines Buches. Wenn ein Titel nicht einmal mehr verramscht werden kann, dann wird er makuliert – vernichtet, eingestampft, zu Pappmaché verarbeitet, verheizt.

 

So, jetzt seid ihr hoffentlich etwas schlauer. Wir hingegen sind neugierig.

Wie steht ihr zu Mängelexemplaren?

Kauft ihr sie, liebt ihr sie? Versteckt ihr sie? Oder lasst ihr doch lieber die Finger davon? Ein Skoutz meinte dazu: So wenig wie ich fremde Unterwäsche auf der Haut haben will, stecke ich meine Seele in ein benutztes Buch. Das bezieht sich zwar eher auf Second-Hand-Bücher, aber irgendwie passt es auch.

 

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