zu Besuch bei Ulrike Schimming


Heute bin ich im schönen Hamburg unterwegs, wo ich Ulrike Schimming treffe. Ich bin schon ziemlich gespannt auf die Literaturübersetzerin, Lektorin und Rezensentin eines E-Magazins, die mit ihrem außergewöhnlichen History-Roman “Glaube Liebe Stigmata” unsere Jurorin begeistern konnte. Zugegeben, ich bin ziemlich aufgeregt, was mich erwarten wird, aber ich freue mich darauf, die Autorin kennenzulernen und vielleicht mit meinen Fragen einen persönlichen Einblick zu erhaschen.

 

zu Besuch bei Ulrike Schimming, die sich beim Schreiben nicht drängen lässt

 

Bildrechte Kirsten Haarmann

Beschreibe dich in einem Wort!

freiheitsliebend

Unerwartet, aber spannend 🙂

 

 

Strukturierter Planschreiber, Bandenmitglied oder kreativer Chaot – was ist dein Schreib-Erfolgs-Konzept?

Sobald ich eine Idee habe, die sich meist an einem realen Erlebnis orientiert, fange ich an zu recherchieren und Bücher zum Thema zu lesen. Meist entsteht dann in meinem Kopf ein rudimentärer Plot. Den bringe ich dann zu Papier, mache Notizen und beklebe schließlich eine Wand in meinem Büro mit Packpapier, auf dem ich dann alle Ideen zusammentrage, mit Post-Its die Szenenreihenfolge festlege oder wieder umstoße. Meist fange ich da schon an, Szenen zu schreiben. Schließlich läuft dann alles parallel und doch chaotischer, als es bei so einer Planung erscheint.

Aber du scheinst doch recht gut den Überblick zu wahren … Und wie würdest du dich defninieren? Schreib-Eremit oder eher doch die Gruppendynamik nutzend?

Im Ganzen bin ich eher eine Einzelkämpferin, die ganz lange mit den eigenen Texten unzufrieden ist und alles fürchterlich findet.

Also eher selbstkritisch 🙂

Meine Texte zeige ich nicht gern in einem frühen Stadium her, sondern eher erst, wenn ich alles zusammen und x-mal überarbeitet habe.

 

 

Welche Taste ist die am meisten abgenutzte auf deinem PC?

N  – da ist bereits eine fette Kerbe drin und die Beschriftung ist vollkommen weg.

*huch* Das klingt nach exzessiver N-Nutzung 🙂 Wobei wenn man die Buchstabenhäufigkeit betrachtet … Aber weiter im Text …

 

 

Wenn eine Fee dir einen perfekten Autorentag anböte, wie sähe der aus?

Die Fee würde mich dann rund um die Uhr lecker bekochen, ich müsste keinen Brotjob ausführen, nicht einkaufen, nicht putzen, hätte unendlich Zeit zum Denken und Recherchieren, niemand würde mich anrufen oder mit Mails aus meiner Romanwelt reißen.

Klingt wirklich nach einem perfekten Tag …

Zwischendrin würde ich bei schönem Wetter einen Spaziergang im Wald, am Strand oder durch die Stadt machen, bei dem ich weiter über die Figuren und den Plot nachdenken könnte. Danach würde ich dann das Gedachte, Recherchierte und Ersonnene in den Computer tippen. Draußen darf es dann auch gern regnen. Abends dann mit interessierten Menschen speisen, Wein trinken und über das Geschaffte kurz reden, und dann endlich wieder die Geschichten der anderen und aus der ganzen Welt hören.

Und die Fee beseitigt im Hintergrund das Chaos, das sie beim Zubereiten des Festmahls verursacht hat … *seufz* Wahrlich perfekt!

 

 

Wie viel Autobiografie steckt in deinen Geschichten?

In meinem Roman „Glaube Liebe Stigmata“ steckt nur indirekt Autobiografisches drin. Man könnte sagen, ich verarbeite da meine katholische Erziehung.

Also nur ein Hauch, im Ansatz …

Die Figuren und ihre Erlebnisse haben jedoch nichts mit mir zu tun.

Auch mein neues Projekt hat keine autobiografischen Züge.

 

 

Was ist dein Geheimrezept, um die Muse anzulocken und Schreibblockaden (große und kleine) zu überwinden?

Wandern gehen. Gern lange. Gern alleine. Dann wird mein Kopf frei, der Körper bekommt Bewegung und plötzlich ploppen die Ideen auf.

Gibt es noch andere Kreativitäts-Katalysatoren?

Andere Bücher lesen, Filme und Dokumentationen schauen, in Ausstellungen gehen, neue Dinge in meiner eigenen Stadt anschauen, die ich noch nicht kenne, andere Städte und Länder bereisen, Sport machen, mit Familie und Freunden treffen.

Eine Menge …

Eigentlich ist alles, was nicht vor dem Computer stattfindet, eine mögliche Quelle für Schreibideen. Ich versuche, offen für alles Mögliche zu bleiben, denn man weiß nie, was da an interessanten Geschichten, Anekdoten oder Skurrilitäten um die Ecke kommt.

 

 

Welchen Anteil hat das reine Schreiben im Autorenjob und was gehört noch dazu?

Da ich erst ein Buch veröffentlicht habe, kann ich das nicht genau einschätzen. Zumal ich den Roman in meiner Freizeit neben meinem normalen Job geschrieben habe. Das Schreiben (von 650 Manuskriptseiten) hat jedoch sehr viel mehr Zeit gebraucht, als Überarbeitung, Austausch mit der Grafikerin, die mir das Cover und die Dateien erstellt hat.

Heutzutage kommen ja noch andere Bereiche wie Marketing und Social Media Präsenz hinzu … Wie aktiv bist du da und wie zeitaufwendig gestaltet sich das?

Der Kontakt zu den Lesern hält sich bis jetzt noch in Grenzen (meine Leserunde auf Lovelybooks war aber eine ganz wunderbare Erfahrung). Jetzt müsste ich eigentlich noch viel mehr die Werbetrommel rühren, Lesungen organisieren, Marketing machen, die Presse anschreiben. Aber ich habe eben noch einen Brotjob, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten muss.

Und der Tag hat nur 24 Stunden … *seufz*

 

 

Was macht für dich ein gutes Buch aus?

Es darf nicht langweilen.

*lach* Okay, das geht sicher vielen so, aber was bedeutet das genau? Was muss es haben?

Im besten Fall sehen die Leser_innen die Geschichte wie einen Film vor sich, fiebern mit, werden von Figuren, Settings und Ereignissen gefangen genommen. Wenn all diese Aspekte sie berühren und ihnen etwas für ihr eigenes Leben mitgeben oder zum Nachdenken anregen, ist es gut.

 

 

Welche Gefahren lauern im Alltag auf deine Manuskripte, was kann dich von deiner Geschichte trennen?

Ich arbeite hauptberuflich als Übersetzerin und Lektorin, habe also bereits den ganzen Tag mit Texten zu tun. Das Romane-Schreiben ist eher eine Freizeitbeschäftigung und dafür brauche ich Ruhe und Abstand von anderen Texten.

In Berlin würde man sagen: Nachtigall, ick hör dir trapsen …

Das ist bei den vielen Aufträgen, die ich gerade abarbeiten muss, schwierig – denn irgendwann brauche ich einfach auch Pausen, schaue dann lieber Filme oder Serien oder gehe zum Sport.

Absolut verständlich.

Das geht dann meist auf Kosten der eigenen Texte.

 

 

Und wenn du mal den Kopf freibekommen willst, womit beschäftigst du dich dann am Liebsten?

Ich gehe dann am liebsten wandern, an der Elbe entlang oder durch den Sachsenwald oder quer durch die Stadt, im Urlaub an der Nordsee oder in den Bergen.

 

 

Bei welchem deiner Protagonisten würdest du den Beziehungsstatus mit dir als »schwierig« bezeichnen?

Bei meiner Hauptfigur, dem stigmatisierten Mönch Padre Pio.

Interessant, was macht ihn so “schwierig”?

Denn eigentlich kann ich sein Verhalten nicht so richtig nachvollziehen. Aber ich habe versucht, ihn nicht zu verurteilen. Jede_r Leser_in soll sich selbst ein Urteil über ihn machen.

 

Wie groß ist dein SUM (Stapel ungeschriebener Manuskripte) und wie gehst du mit ihm um?

Auch das kann ich nicht genau sagen. Wenn ich eine Idee habe, die mich nicht mehr loslässt, konzentriere ich mich ganz darauf, da haben andere Ideen kaum eine Chance, auch nur gedacht zu werden. Ich plane nicht in Jahresabständen, dafür sind meine Themen zu anstrengend. An „Glaube Liebe Stigmata“ habe ich fünf Jahre geschrieben (immer in meiner Freizeit). Die Idee hatte ich aber schon drei Jahre zuvor.

Was ist in diesen drei Jahren mit der Idee passiert? Warum hat es so lange gedauert, bis du die Idee zu Papier gebracht hast?

Es hat gedauert, bis ich den Mut aufgebracht habe, es wirklich zu versuchen. Da ich mein Geld auf anderem Wege verdiene, brauche ich auch nicht jedes Jahr ein Buch zu veröffentlichen.

Nicht finanziell vom Erfolg abhängig zu sein, ist sicher auch ein Vorteil, der Druck herausnimmt.

Meine Geschichten benötigen aus vielerlei Gründen immer viel Zeit. Ich bin keine Schnellschreiberin und lasse sie auch gern reifen.

 

 

Was war dein emotionalstes Erlebnis beim Schreiben?

Im Grunde war die ganze Idee, einen Roman über Padre Pio zu schreiben, schon sehr kurios.

Ungewöhnlich, okay, aber kurios …?

Ja, denn ich stehe ihm als historische Person eigentlich ziemlich skeptisch gegenüber. Aber dann hat mich seine Geschichte nicht mehr losgelassen und ich konnte nicht mehr aufhören, über ihn zu recherchieren. Im Laufe dieser Recherche sind dann immer mehr Figuren aufgetaucht, die auch „mitmachen“ wollten, wie Mary, Maria Montessori oder Doktor Moscati, die allesamt eben auch real-existierende Personen waren.

Sehr spannend. Inspiriert von der Geschichte, die dann eine Art Eigenleben entwickelt 🙂

Zwischenzeitlich kam ich mir vor, wie in dem Theaterstück von Luigi Pirandello „Sechs Personen suchen einen Autor“ – was mir als studierte Italianistin schon ein Schmunzeln entlockte.

 

 

Wie definierst du Erfolg?

Erfolg wäre für mich: Die Menschen lesen meinen Roman. Doch Erfolg ist nicht überlebenswichtig. Ich bin mittlerweile einfach froh, dass „Glaube Liebe Stigmata“ in der Welt ist und von anderen gelesen werden kann.

Das klingt sehr bescheiden … Und Verkaufszahlen, Rankings, Bestsellerlisten?

Bestsellerlisten und Rankings finde ich überbewertet, zumal man meist nicht erkennen kann, wie die Rankings zustande kommen. Sie sagen zudem nichts über die Qualität der Geschichten aus. Die meisten Romane auf irgendwelchen Bestsellerlisten interessieren mich inhaltlich überhaupt nicht. Ähnlich ist es mit Literaturpreisen: Natürlich wäre es schön, einen Preis zu gewinnen, aber es gibt so viele Veröffentlichungen und so viele unterschiedliche Geschmäcker – gerade auch bei den Jurys – das ist eher wie eine Lotterie, ob man da mal Beachtung findet. Das muss man sportlich nehmen. Auf die eine oder andere Art im Literaturbetrieb dabei zu sein, ist an sich schon gut.

Ich kann mich nur wiederholen 🙂 Sehr sympathisch und mal eine andere Art, die Dinge zu sehen …

Zudem schreibe ich meine Geschichten eigentlich auch nicht für eine bestimmte Zielgruppe, sondern weil sie mir selbst etwas bedeuten. Sollten dann auch andere Menschen an der Geschichte Gefallen finden und sich mit mir darüber inhaltlich auseinandersetzen und sich beim Lesen nicht gelangweilt haben, dann ist das für mich das schönste Kompliment.

 

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Autoreninterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

 

Können Sie vom Schreiben leben? (das ist aber Wunschdenken… ;-))

Vielleicht werden Wünsche wahr 🙂 Ich wünsche es dir von Herzen.

Liebe Ulrike Schimming, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mir all meine Fragen so geduldig zu beantworten. Es war wirklich spannend und ich würde mich sehr freuen, wenn wir mal wieder miteinander plaudern könnten – vielleicht schon in Frankfurt auf der Skoutz-Award-Verleihung. Für den weiteren Wettbewerb wünsche ich deinem historischen Roman viel Erfolg.

 

 

Mehr über Ulrike Schimming erfahrt ihr auf:

 

 

Hinweis:

Glaube Liebe Stigmata” von Ulrike Schimming ist ein 594 Seiten langer, im Oktober 2017 im Selbstverlag erschienener Historienroman über drei junge Menschen, einander völlig unbekannt,die sich immer wieder im Lauf der Handlung begegnen, und deren komplett unterschiedliche Religions- und Glaubensansichten im Alltag.

Ulrike Schimming konnte mit ihrem faszinierenden Historienroman “Glaube Liebe Stigmata” unsere Skoutz Jurorin Laura Gambrinus direkt überzeugen. Aus über 200 Titeln der History-Longlistergatterte sie sich einen der begehrten Midlist-Plätze und damit vielleicht die Chance auf den Skoutz Award 2018.

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