Interview Leah Hasjak

Zu Besuch bei Leah Hasjak

Heute darf ich eine Autorin besuchen, die ich mir quasi selbst ausgesucht habe, denn ihr Fräulein aus Mykene, das auf Schliemanns Spuren wandelt, hat mir so gut gefallen, dass ich es aus den über 250 Vorschlägen der Longlist auf die Midlist History gepackt habe.

Und nun lernen der Skoutz-Kauz und ich also die Autorin hinter diesem bezaubernden Buch kennen: Leah Hasjak, der ich bislang eben noch nie getroffen habe.

 

Zu Besuch bei Leah Hasjak, die mit Knigge mehr als Tischmanieren verbindet

Portrait Leah HasjakLiebe Leah, vielen Dank, dass wir dich besuchen dürfen, ich freue mich so, dich zu treffen, weil mir dein Buch so gut gefallen hat. Du hast das Flair der Zeit so toll eingefangen, die Fakten so schön eingewoben. Ich bin wirklich gespannt, nun den Geist hinter der Geschichte kennenzulernen.

Ich bin gespannt …

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Welches ist die größte Herausforderung, der man sich als Autor stellen muss?

Die größte Herausforderung beim Schreiben ist es, bis zum Ende der Geschichte zu kommen. Oft verzweifelt man in der Mitte, hadert mit den Figuren oder denkt sich eine noch bessere Prämisse für einen noch besseren Roman aus.

Das klingt jetzt aber so, als sei das von Anfang an ein Problem …

Ja, aber je näher man dem Ende rückt, desto größer werden die Hürden und die Selbstzweifel.

Dann kämpft man nicht nur mit dem Roman, sondern vor allem gegen sich. Man wird sein ärgster Feind.

Das ist jetzt arg hart ausgedrückt, aber ich weiß, was du meinst. Ich persönlich tappe da auch immer gern in die Überarbeitungsfalle. Das Bessere ist der Feind des Guten. Wir sollte da mal eine Therapiegruppe gründen.

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Hast du Lieblingsworte in deinen Skripten, die vom Lektorat regelmäßig angestrichen werden?

Unnötige Adjektive sind meine Erznemesis.

Erznemesis gleich! Uhuhuuuuu!

Ich unterschätze den Leser und schmücke Handlung, Orte und Figuren mit unnötigem Wortbeiwerk aus.

Ist dieses Beschreiben nicht etwas, das die Geschichte erst bunt macht? Das Fleisch auf den Rippen?

Nicht unbedingt. Oft sind die Lücken, die wir als Autoren lassen, stets die aufregendsten Stellen, die der Leser viel besser auszufüllen weiß.

So gesehen hast du natürlich recht, weil sich jeder Leser die Stelle oder Person so vorstellt, wie sie für ihn richtig ist. Es heißt ja auch, dass nie zwei Menschen dasselbe Buch lesen werden.

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Was ist deine präferierte Erzählform?

Ich habe keine. Ich suche mir die Erzählform nach Genre aus.

Nach Genre? „1. Person“ für Romance und „3. Person“ für Science Fiction oder wie meinst du das?

Ich bevorzuge jeweils die Erzählperspektive, die in der Lage ist, vor dem Leser die meisten Geheimnisse auf lange Zeit zu wahren.

Das ist eine gute Vorfrage, wenn es darum geht, die richtige Perspektive zu wählen. Das nehmen wir als das „Hasjak‘sche Perspektiv-Mysterium in unsere Schreibtipps auf.

Ich glaube, die Antwort auf die nächste Frage weiß ich schon …

Bist du im Team Adjektiv oder bevorzugst du eher einen „schnörkellosen“ Stil?

Ich bevorzuge kurze, präzise Sätze, auch wenn ich mich dazu zwingen muss und oft scheitere. Inhalt sollte der Ästhetik stets übergeordnet sein.

Soviel zur Theorie und wie hältst du es in der Praxis?

Leider lasse auch ich mich immer wieder dazu hinreißen, vor Substantiven hübsche Adjektive zu platzieren oder eine besonders poetische Metapher im Text unterzubringen. Ein Jahr später schäme ich mich oft dafür und gelobe Besserung.

Die Scham für frühere Texte kennt wahrscheinlich jeder Autor. Ich weiß jetzt natürlich nicht, welche du meinst, aber ich finde deine Sprachbilder sehr gelungen. Mir ist nichts negativ, aber einiges positiv aufgefallen.

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Hast du einen speziellen Trick, um aus deinen Figuren echte Persönlichkeiten zu machen?

Ja, ich lasse sie am Anfang einer Geschichte eine Katze retten und sorge dafür, dass die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. So werden sie auf der Stelle sympathischer. Außerdem lesen meine Figuren alle sehr viele Bücher und sind nicht so wie andere Frauen.

Das klassische „Save the Cat“ kenne ich natürlich auch. Aber dass Waisen die besseren Protas abgeben, würde ich jetzt so nicht sagen. Viele Figuren würden gar nicht ohne ihre Eltern funktionieren, denke ich mal.

Genau, Spaß beiseite: Ich versuche meinen Figuren Leidenschaft für eine Sache oder ein konkretes Ziel im Leben mitzugeben. Menschen, die für etwas brennen, sind auf Anhieb wahrhaftiger und greifbarer.

Das ist richtig. Daraus entstehen dann unweigerlich auch die Ticks und Marotten, die oft von den Kollegen zur Individualisierung ihrer Figuren herangezogen werden.

Da du dich ja offensichtlich auch mit den Gurus der Schreibszene befasst, bin ich auf die nächste Frage gestpannt.

 

Welchen Fehler darf man beim Schreiben keinesfalls machen?

Man darf nicht auf die falschen Propheten des Internets hören, die einem suggerieren wollen, dass Schreiben Kunst sei und kein Handwerk.

Ja. Diese „ich bin zu faul zu lernen“-Künstler kann ich auch gut leiden. Da ist mir Picasso lieber. Man muss die Regeln kennen, bevor man sie bricht.

Ja. Viele junge und auch alte Neuautoren fallen darauf rein und beschäftigen sich nicht mit Theorie und Praxis. Sie schreiben gleich drauf los, kümmern sich nicht um Struktur, Dramatik und Dialog und leiden an der aufkommenden Kritik an ihren Werken. Auch sehr schwierig und problematisch: Sein Werk als ein „Baby“ zu sehen. Bücher sind Produkte, die Menschen gebrauchen. Sie sind keine Babys.

Da möchte ich in vollem Bewusstsein der Metapher widersprechen! Wer jetzt so wie ich, wirklich an jeder Szene leidet und immer die jeweils aktuelle oder nächste, als die schwierigste ansieht, für den ist der Schreibvorgang selbst ein einer Geburt vergleichbarer Prozess, an dessen Ende dann eben ein Baby steht. Das man erschöpft und glücklich in die Welt entlässt. Auch wenn man sich ein paar Jahre später, wie bei einem Teenager, dann durchaus auch für es schämt. Aber ich stimme dir zu, ein bisschen mehr kritische Distanz zu ihrem Werk würde vielen, gerade jungen Autoren helfen – und ihren Werken auch.

Bleiben wir mal noch beim Lesen…

 

Über den Umgang mit Menschen (Fischer Klassik Plus) von [Adolph Freiherr von Knigge]Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Adolph Knigge: „Über den Umgang mit Menschen“. Ein aufklärerisches und geniales Buch, von dem man mehr als einmal viel lernen kann. Anders als oft angenommen dreht es sich nicht um Tischmanieren oder Begrüßungsformeln. Das Buch ergründet das Menschsein, seinen Charakter, seine Neigungen und Stärken. Kann ich jedem Autor, der Inspiration für glaubwürdige Figuren sucht, wärmstens empfehlen. Nach all den Jahrhunderten hat es nichts an Wahrheit und Lebensklugheit verloren.

Da stimme ich dir absolut zu. Ich freue mich immer, wenn ich auf Menschen treffe, die wie ich die alten Schmöker lesen und schätzen. Ich finde auch die Erkenntnis wichtig., dass die Umgangsformen dazu dienen, einen reibungsfreien und wertschätzenden Umgang miteinander ohne große Anstrengung zu ermöglichen. Das müsste man in der heutigen Zeit den modernen Leuten mal wieder ins Bewusstsein rufen.

Jetzt sind wir ganz schön philosophisch geworden.

 

Welche 3 Dinge sind dir aktuell am wichtigsten im Leben?

Meine Feige ist mir gerade wichtig.

Deine Feige?

Im Mai zeigte sie kein Bestreben zu erblühen. Dabei sind wir seit drei Jahren dicke Freunde. Ich habe Angst, dass meine Liebe und viel Wasser im Topf sie umgebracht haben.

Ich will wissen, wie es weitergeht! Zur Not könnte vielleicht Miriam Hüberli helfen, die hat einen megagrünen Daumen.

Was meine Feige anbetrifft, so möchte ich nicht wirklich darüber reden. Sie ist vor zwei Wochen von uns gegangen und ich hadere mit mir und ihrem Topf. Noch kann ich die Lücke, die sie hinterließ, nicht füllen …

Oh je! Das tut mir leid. Ich hadere auch immer, wenn mir eine Blume eingeht.

Und was ist dir sonst wichtig?

Was mir auch sehr wichtig ist, ist mein Einkaufschip. Ich habe ihn verloren und konnte deswegen nicht zu Aldi, da man ohne Einkaufswagen nicht mehr einkaufen darf. Kleine Dinge machen am Ende das Leben aus.

Ja und ihren Wert erkennt man viel zu oft erst, wenn man die Lücke bemerkt, die sie hinterlassen.

Das dritte wichtige Ding in meinem Leben ist mein Schlüsselbund. Alle Schlüssel befinden sich daran und wenn der weg wäre … ich mag nicht mal daran denken!

Horror! Als Schlüsselschussel habe ich ein System der Risikominimierung eingeführt und meine Schüssel getrennt – Auto, Haus, Motorrad, Stall, Büro … Was allerdings auch daran liegt, dass die modernen Autoschlüssel und Bürochips so unhandlich sind. Da kann ich wenigstens nur partiell verlieren.

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Wenn du wählen könntest, wärst du lieber extrem intelligent oder gut im Umgang mit Menschen?

Da ich beides bin, möchte ich auf nichts davon verzichten und erbitte lediglich längere Beine, um gut in hohen Schuhen auszusehen.

Sind hohe Schuhe nicht gerade dazu da, dass Bein optisch zu strecken? Ich kann da nicht mitreden, da ich – wenn man die Hosenhersteller fragt – eindeutig deutlich zu lange Beine habe, aber so hab ich das mit den High Heels eigentlich verstanden.

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Wofür würdest du mitten in der Nacht aufstehen?

Für meine Katze, die jede Nacht um 04:30 frisches Wasser aus dem Hahn trinken möchte.

Katzen werden erstaunlich oft bei dieser Frage genannt. Aber könnte hier ein Napf nicht Abhilfe schaffen?

Nein. Sie traut stehendem Wasser nicht und nimmt nur fließendes Wasser zu sich.

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Was ist deine größte Stärke?

Ich fürchte mich nicht vor Dingen, die ich noch nicht kann. Deswegen probiere ich alles aus und rechne damit, zu scheitern. Mit dem Alter findet man Gefallen daran, Fehler zu machen.

Das fand ich als Kind auch schon gut. Ich versuche nur, Fehler nicht zu wiederholen. Das wäre ungerecht gegenüber all den bislang noch auf ihre Chance und Einsatz wartenden Fehler.

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Wenn dein fünf-jähriges Selbst plötzlich deinen jetzigen Körper bewohnen würde, was wäre das Erste, das ihr tun würdet?

Rohen Kuchenteig essen. So viel es will und das den ganzen Tag.

Würdest du das einen ganzen Tag durchhalten?

 

Welcher fiktionale Charakter ist in Buch/Serie/Film unglaublich, wäre aber in banalen alltäglichen Situationen unerträglich?

Don Draper. In „Man Men“ ist der als Anti-Hero großartig und eindrucksvoll. Wäre er jedoch mein Chef oder Freund, würde ich mich auf der Stelle gezwungen sehen, einen perfekten Mord zu planen.

Hihihi … bei dem wäre ich eher für eine Affekttat zu haben. Aber ich weiß, was du meinst. Aber wenn du schon Morde planst, habe ich noch eine gute Frage …

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Stell dir vor, du würdest einen Geheimbund gründen, wie würdest du ihn benennen und was wäre eure Mission?

Ich würde die russische philosophische Strömung der Kosmisten wiederbeleben und den erneuten Versuch starten, die Entropie und den Tod zu überwinden.

Und dann?

Wenn es geht, würde wir alle Menschen wiederbeleben und jene, die am Leben sind, davor bewahren, zu Grunde zu gehen.

Spannende Idee. Aber würde es dann nicht furchtbar eng auf der ohnehin schon beengten Welt werden? Von Philip José Farmer gibt eine Buchreihe, wo alle je gelebten Menschen nebeneinander nach dem Tod in einer Flusswelt landen. Da ist der Clash of Cultures ein Clash of Ages.

 

Gibt es etwas, das du kannst, die meisten anderen Menschen aber nicht?

Ja: Als Ukrainerin ganz schlecht Ukrainisch sprechen. Die meisten sprechen es entweder gar nicht oder sie sprechen es gut. Ich dagegen spreche es, aber sehr schlecht.

Das kenne ich von meinen hier geborenen asiatischen Freunden. Die sprechen ihre Muttersprache auch oft nur rudimentär. Sehr zum Leidwesen der Großeltern.

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Was wolltest du der Welt schon immer einmal sagen? Raus damit!

Kauft meine Bücher. Vielen Dank.

Dem schließe ich mich gerne an! Ich verspreche euch, dass der Kauf von Leahs Büchern nicht nur sie, sondern auch euch bereichern wird.

Liebe Leah, das war ein sehr aufschlussreiches Interview, das mir wirklich viel Spaß gemacht hat. Ich hoffe sehr, das bleibst uns skoutzig erhalten und meldest dich, wenn du ein neues Buch am Start hast, damit wir einen Grund für ein weiteres Gespräch haben. Natürlich würde ich mindestens genauso gern mit dir bei der Verleihung des Skoutz-Awards plaudern. Meine Daumen sind gedrückt!

Bis hoffentlich bald!

 

 

Hier könnt ihr Leah Hasjak treffen:

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Skoutz-Lesetipp

Ein Fräulein in London – Historische Romanze aus dem 19. Jahrhundert von Leah Hasjak

Fräulein in London - Leah HasjakCarla Jakobson ist eine junge Kunsthändlerin aus Mainz. Als sie von der neuesten antiken Errungenschaft des Earls of Cumberland erfährt, macht sie sich nach England auf, um sie mit eigenen Augen zu sehen. Unangekündigt erscheint sie eines Morgens auf Green Hill Hall. Mit ihr kommt Bewegung in den bis dahin beschaulichen Alltag.

Sie bleibt nicht der einzige Gast. Nach jahrelanger Abwesenheit und in Begleitung eines amerikanischen Freundes kehrt James, Sohn des Earls und Erbe von Green Hill Hall, zurück: ein junger Mann auf Brautschau mit klaren Vorstellungen von seiner Zukünftigen.

Zu guter Letzt und nicht ohne Hintergedanken reisen Lady Allen und ihre bezaubernde Tochter Constance aus London an.
Was als vergnügliches Beisammensein einer bunten Gesellschaft beginnt, birgt erhebliches Konfliktpotential und wird spätestens durch den plötzlichen und gewaltsamen Tod eines Pächters vollends durcheinandergewirbelt.

Skoutz meint: Der Titel mag eine Parallele zum Fräulein aus Mykene nahelegen, aber das täuscht. Die Geschichte ist anders. Dunkler, ein bisschen im Stile der alten Gothic Novels, schaurig-romantisch mit spannenden Rätseln, düsteren Geheimnissen, unerwarteten Wendungen und großen Gefühlen. Ein Buch, dass man bei dem verregneten Sommer 2021 wirklich hervorragend mit einer Tasse guten englischen Tees genießen sollte. Ich war wieder begeistert. (kn)

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Mehr Info

Leah Hasjak hat ein Fräulein aus Mykene mit Heinrich Schliemann das Abenteuer Archäologie für Leser so lebendig und nachvollziehbar erleben lassen, dass sie damit auf der Midlist History des Skoutz-Awards gelandet ist.  Dafür haben wir uns das Buch angeschaut und natürlich auch besprochen (weiterlesen).

Wir hoffen, dass auch dieses Interview von Leah Hasjak dazu bei trägt, dass dieses Buch im Wettbewerb weiterkommt und drücken fest die Daumen.

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Hinweis:
Wenn ihr die Bücher schon kennt, würdet ihr uns, dem Autor und allen lektüresuchenden Lesern einen großen Gefallen, wenn ihr das Buch in der Skoutz-Buchdatenbank mit einer  Skoutz-Buchfieberkurve bewerten würdet. 5 Klicks statt 5 Sterne. Einfacher lässt sich eine Rezension nicht schreiben, bequemer kann man sein nächstes Buch-Date nicht finden. Und so helft ihr, dass unsere Buchfindemaschine weiter wächst.

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