zu Besuch bei Jörg Benne

Meine Interview-Tour führt mich heute nach Nordrhein-Westfalen, genauer gesagt nach Ratingen, wo ich Fantasy-Autor Jörg Benne treffe. Mit vielen Fragen bewaffnet, werde ich dem studierten Informatiker, der 2006 seinen Beruf als Entwickler für seine Familie aufgab, auf den Zahn fühlen. Dass er neben Geschichten über fantastische Welten auch Spielebücher schreibt, konnte ich schon herausfinden, doch ich bin mir sicher, es gibt noch viel mehr über ihn zu erfahren …

 

zu Besuch bei Jörg Benne, der die Kids in fantastische Welten entführt …

 

In einem Wort: Was bedeutet für dich „Schreiben“?

Kopfkino.

Eine wahrlich treffende Beschreibung …

 

 

Was ist der seltsamste Ort, an dem du je geschrieben hast?

Vor einem Klassenraum der Grundschule, in dem mein Sohn an musikalischer Früherziehung teilnahm.

Wie darf ich mir das vorstellen?

Während ich mit Stift und Papier in eine Fantasy-Welt abtauchte, drangen aus dem Raum allerlei arythmische Klänge und Gesangsversuche.

Oh je … Kopfkino 🙂

Die Auswirkungen auf das Werk hat der Lektor später dann ausgebügelt. 🙂

 

 

 

Wie entstehen deine Geschichten?

Ich habe mich vom »Spontanschreiber« zuletzt mehr und mehr zum »Plan-über-den-Haufen-Werfer« entwickelt.

Eine Entwicklung ist deutlich erkennbar 🙂 Wie läuft der Schreibprozess einzeln ab?

Bevor ich loslege, habe ich einen mal mehr, mal weniger detaillierten Handlungsplan, der aber nicht in Stein gemeißelt ist. Letztlich entwickle ich immer erst beim Schreiben ein richtiges Gespür für Szenen und Figuren und oft erscheinen mir dann meine ursprünglichen Ideen halbgar oder unpassend. Wenn ich merke, dass eine andere Richtung für den Plot doch viel besser wäre, schmeiße ich auch gern mal die Hälfte über den Haufen.

Geht das so einfach?

Im Idealfall habe ich sofort bessere Ideen parat, läuft es schlecht, hänge ich dann auch mal ein paar Tage, bis ich einen Geistesblitz habe, denn einfach mit der ursprünglichen Idee weitermachen, kommt dann nicht mehr in Frage.

Kann ich sehr gut nachvollziehen. Wie kritisch bist du mit deinem Text? Muss er perfekt sein, bevor du ihn aus den Händen gibst?

Ich bin ein Autor, der immer mit seinem Werk hadert, deshalb hole ich auch nach einer ersten Überarbeitung sofort Feedback von engen Freunden und Familie ein, von denen ich ein ehrliches Urteil erwarten kann. Erst wenn die ihr grundlegendes Okay geben, gehen meine Geschichten – nach einer weiteren Überarbeitung – an Betaleser, oft auch völlig Fremde, die ich mir in Autorenforen oder via Facebook suche.

 

 

„Es wird immer weniger gelesen“ – Wie reagierst du auf diesen Satz?

Mit Bedauern, aber da muss ich mir auch an die eigene Nase packen.

Inwiefern?

Seit Netflix & Co ist mein Lesepensum pro Jahr auch nochmals gesunken und ich merke, das meine Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird.

Wahrscheinlich ist es ein Phänomen der Weiterentwicklung, dass wir fauler werden und uns lieber vor den Fernseher setzten und uns die aufbereiteten Bilder ansehen, anstatt sie uns in unseren Köpfen mithilfe von Worten selbst zu erschaffen …

Meinen Kindern habe ich trotzdem die Liebe zum Buch zu vermitteln versucht. Bei meiner Tochter erfolgreich, beim Sohnemann … sagen wir mal, ausbaufähig.

 

 

Wie stehst du zu Schreibregeln, die bestimmen, was der 1. Satz auf keinen Fall enthalten darf, welche Worte man verwenden soll und welche zu vermeiden sind, wie lang ein Satz sein darf, etc.?

Jeder Autor sollte seinen eigenen Stil entwickeln, sich dabei natürlich die Kritik von Lesern oder Lektoren zu Herzen nehmen, aber nicht sklavisch irgendwelchen Vorgaben folgen. Sonst haben wir irgendwann nur noch Einheitsprosa.

Du setzt also Individualismus vor Regelkonformität. Klingt plausibel, zumal ja Literatur eine Kunstform ist und Kunst bekanntlich gern mal Grenzen sprengt …

Viele dieser Regeln sind sicher sinnvoll, aber an die meisten hält man sich ohnehin automatisch, eben weil man durch das Lesen schon so geprägt wurde. Es ist ein bisschen wie mit den zehn Geboten: Ich muss kein bibeltreuer Christ sein, um mich daran zu halten.

 

 

Welches Buch hat dich am meisten geprägt und warum?

Sorry, Klischee für einen Fantasy-Autor, aber Der Herr der Ringe.

Ich bitte dich, dafür musst du dich doch nicht entschuldigen. Ich kann das absolut nachvollziehen.

Immerhin, nicht wegen der Geschichte, sondern viel mehr wegen der beiliegenden Karten. Als ich 7 oder 8 Jahre alt war, haben meine älteren Schwestern das Buch gelesen und ich war von den Mittelerde-Karten total fasziniert. Ich habe sie mir ausgeliehen und dann meine eigenen Abenteuer darauf erlebt, ohne irgendeine Ahnung von Orks, Elben und Hobbits zu haben.

Welche Abenteuer hast du dir im Kopf zurechtgesponnen?

Bei mir waren es Piraten die auf große Fahrt gingen oder Ritter die eine Stadt verteidigten.

Und wie alt warst du, als du das erste Mal mit Frodo und seinen Freunden Mittelerde gerettet hast? Oh, ich hoffe, das war jetzt kein Spoiler …

Gelesen hab ich Der Herr der Ringe dann erst mit 13 oder 14.

 

 

Wenn du für einen Tag in ein Buch reisen könntest, in welches würde es dich ziehen?

Für einen Tag würde ich gern nach Zamonien, konkret in die Die Stadt der träumenden Bücher, reisen und all die skurrilen Figuren von Walter Moers mal selber treffen.

Ein einmaliges und sicher prägendes Erlebnis …

Ja, aber ich glaube, ich würde mich nach einem Tag bereits wieder nach einer »normalen« Welt sehnen 😉

 

 

Bist du ein mutiger Mensch? Wann hast du das letzte Mal was zum ersten Mal gemacht und was war das?

Nein, mutig sind für mich Extrembergsteiger, Feuerwehrleute …

Wie würdest du dich definieren?

Ich bin eher der vorsichtige Typ.

Und dein letztes erstes Mal? 

Letzten Sommer habe ich zum ersten Mal einen Schreibworkshop für Kinder gegeben, es ging um das Thema Zauberei. Es hat wirklich Spaß gemacht, sie zu Kreativität anzuleiten und sie ihre eigene Fantasy-Geschichte rund um ihren Lieblingszauberspruch schreiben zu lassen.

 

 

Für welches Produkt würdest du als Testimonial Werbung machen? Warum?

Also, wenn das gilt, dann einige Filme.

Du kannst Werbung machen, für was du möchtest 🙂

»Lässt einem Ohren und Herz übergehen«, wäre z.B. mein Testimonial-Zitat für den Film Die Kinder des Monsieur Mathieu.

 Gäbe es außer Filmen noch etwas anderes?

Sonst, muss ich gestehen, fiele mir gerade kein Produkt ein, dass ich dermaßen zu schätzen wüsste. Vielleicht irgendwas, womit man Energie sparen kann. 😉

 

 

Was machst du, wenn du eine Nacht im Kaufhaus eingeschlossen wärst?

Anfangs würde ich mich entweder zur Bücher- oder zur Brettspielabteilung durchschlagen und dort entweder schmökern oder Spiele ausprobieren.

Und wenn der Programmpunkt abgehakt ist? Die Nacht ist noch jung und das Kaufhaus groß 😉

Später würde ich mir einen angenehmen Schlafplatz suchen, denn so spannend das auch sein mag, ich bin keine Nachteule und würde sonst vermutlich irgendwo auf dem Boden sitzend einnicken.

Dann lieber die Bettenabteilung 🙂

 

 

Was ist der erste Gedanke nach dem Aufstehen? Was machst du in der ersten Stunde nach dem Aufstehen?

Der erste Gedanke: »Boah, ich würd‘ so gern noch liegenbleiben.« 😉

Das unterschreiben sicher viele – nicht nur Eltern 😉 Wie sieht bei dir der Alltag aus?

Die erste Stunde ist zumindest wochentags fest verplant: Kindern Schulbrote schmieren und sie zum Bus schicken, Frühstücken und dabei Morgenmagazin gucken, mit dem Hund Gassi gehen.

 Das klingt nach einem Aber für Samstag und Sonntag …

Am Wochenende, wenn die Morgenrunde mit dem Hund an ein anderes Familienmitglied delegiert ist, bleibe ich erstmal im Bett und lese die erste Stunde.

 

 

Welche Superkraft hättest du gerne?

Telepathie.

Wieso ausgerechnet diese Fähigkeit?

Ich würde gern mein Kopfkino ohne Umweg über Stift oder Tastatur direkt zu Papier oder auf den Bildschirm bringen können. Denn manchmal fällt es mir verdammt schwer, die Bilder in meinem Kopf adäquat in Worte zu fassen.

 

 

Welcher Irrtum kursiert über dich?

Dass ich den ganzen Tag schreibe.

Nicht?

Würde ich ja gern, aber irgendwie grätscht mir immer wieder eine E-Mail, eine interessante Webseite oder sonstwas dazwischen.

Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Prokrastinieren, ich wäre wohl ein Kandidat für das Nationalteam.

Das wäre doch mal eine gute Idee 🙂

 

 

Was würdest du deinem 10 Jahre jüngeren Ich raten?

Dass ich an meinen Ideen dranbleiben und mich nicht immer zu schnell neuen Eingebungen zuwenden sollte, dann hätte es vielleicht früher mit dem ersten Buch geklappt.

Bevor ich dich nun wieder verlasse, wüsste ich gern noch von dir …

 

Was wolltest du der Welt schon immer einmal sagen? Raus damit!

Lasst euch nicht stressen und nehmt euch Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Ein wirklich tolles Schlusswort, dem ich nicht viel zufügen kann. Tausend Dank, lieber Jörg Benne, dass du mich so freundlich empfangen und mir geduldig all meine Fragen beantwortet hast. Es war sehr lustig und ich würde mich riesig freuen, wenn wir das mal wiederholen könnten. Deinem Roman wünsche ich für den weiteren Wettbewerb viel Erfolg und mal sehen, vielleicht klappt es mit dem Treffen bereits in Frankfurt zu Verleihung.

 

Mehr über Jörg Benne und seine Bücher erfahrt ihr auf:

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Skoutz-Lesetipp: VERAX – Das Experiment – intergalaktisches Survival-Spielbuch von Jörg Benne

Deine Mission: Überleben!
Die ferne Zukunft – Dein Raumschiff ist schwer beschädigt. Rettung verspricht eine abgelegene Raumstation im Veraxia-System. Dir gelingt zwar die Landung, doch in den verwüsteten Gängen der Station lauert das Grauen. Scheinbar ist hier ein Experiment aus dem Ruder gelaufen und du wirst schnell zum Gejagten …

Skoutz meint: Mehr als 600 Abschnitte, in denen es um das nackte Überleben geht, bei dem jeder deiner Schritte der letzte sein könnte … Mit diesem Spielbuch hat Jörg Benne neue Wege beschritten, denn die meisten Spielbücher haben einen Fantasy- oder Horror-Backround. Doch in Verax katapultiert uns der Autor direkt ins All und lässt uns anhand zweier Figuren (taktischer Offizier oder Bordingenieur) Aufgaben erfüllen. Klingt erst einmal einfach, doch das beschädigte Raumschiff hält allerhand Horrorszenarien bereit und die Helden taumeln immer irgendwie am Abgrund entlang. Besonders hervorzuheben sind die sogenannten Speicherpunkte. Ein toller Clou, denn selbst wenn man scheitert, muss man nicht wieder alles von Anfang an durchspielen, sondern kann von diesen Punkten erneut starten. Spannend, actionreich und voller Abwechslung – ein geniales Werk für alle Pen&Paper-Freunde.

 

Hinweis:

Düster und spannungsgeladenen sind nur einige der Worte, die einem zu Jörg Bennes Fantasyroman “Dämonengrab”, der im Januar 2018 bei Mantikore veröffentlicht wurde, einfallen. Bereits zum fünften Mal entführt uns der Autor nach Nuareth, wo wir auf 330 Seiten erleben, wie ein junger Abenteurer endlich die Chance erhält, aus seinem langweiligen Leben auszubrechen. Es wartet auf ihn eine Expedition, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Skoutz Juror Andreas Suchanek war sofort begeistert von dem geheimnisvollen Dark-Fantasy-Titel und hat “Dämonengrab” aus über 300 Titeln der Fantasy-Longlist nominiert. Mit einem der begehrten Midlist-Plätze hat er eine gute Chance vielleicht den Skoutz Award 2019 zu gewinnen.

Mehr Informationen zum Roman findet ihr wie immer in der ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

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