Genrekompetenz

Genrekompetenz – und alles, was dazugehört

Am Anfang war das Wort. Und daraus wurde die Geschichte. Aber was für eine Geschichte? Irgendwie ist jede Geschichte einzigartig. Wie aber findet dann eine Geschichte ihre Leser? Oder umgekehrt? Das geht nur über über Schubladen und Regalfächer oder Etiketten. Moderner ausgedrückt, werden Geschichten über ihre Kategorien, Schlagworte und Genres sichtbar und gefunden.

Damit nämlich suchen die Menschen, denen ihr eure Geschichten erzählen wollt. Auf der Suche nach dem nächsten Buch, dem nächsten Film oder allgemeiner der nächsten Geschichte, erfolgt über einen Blick in die Schublade oder auf die Genres. Soweit, so gut.

Und darum geht es heute.

Genres und ihre Erwartungen

An ein Genre knüpfen die allermeisten Lektürewilligen bestimmte Erwartungen. Es ist daher überhaupt nicht zielführend, wenn Amazon und Co. nun inzwischen mehr Kategorien einführen als es Bücher gibt, denn dann findet man schon die Kategorien nicht. Auch Autoren kann ich nicht empfehlen, sich auf Subsubsubgenres zu versteifen. „Fantasy-Thriller mit paranormalen Elementen in einer ländlich-mittelalterlich geprägten Welt“

Das mag zwar die Geschichte beschreiben, aber man grenzt seine Zielgruppe sehr ein, und manipuliert vor allem die Erwartungen, die an das Buch geknüpft werden. Wo liegt der Schwerpunkt? Auf dem Thriller? Auf den Fantasy-Elementen oder doch eher auf dem historischen Setting? Ich wüsste es nicht, und würde das Buch vermutlich nicht näher anschauen, wenn ich ein anderes Buch sehe, dass klarer meinem Beuteschema entspricht, obwohl ich Thriller, Fantasy und Historienromane sehr schätze. Nur sowas klingt eben mehr nach unentschlossenem Allerlei, Restelesen quasi.

Diese Genre-Erwartung ist umso ausgeprägter, je deutlicher (Klischee-Alarm!) ein Buch, ein bestimmtes Genre ansteuert, gilt aber durchaus auch außerhalb der typischen „Genre-Literatur“. Woran liegt das? Die Antwort darauf vermittelt Genrekompetenz.

Erwartungshaltungen

Ein Blick auf das Grundgerüst einer Geschichte, ihren Plot, zeigt, dass es genau genommen nur eine höchst überschaubare Zahl von Geschichtstypen gibt. Puristen sagen, es gibt 2, weil die Lesererwartung erfüllt wird oder nicht. Andere sagen, es gäbe 3, denn es geht entweder gut aus, tragisch oder das Ende bleibt offen. Wir hangeln uns durch die verschiedenen Theorien auf maximal 100. So oder so – überschaubar wenig. Mit diesen Plottheorien haben wir uns in der Schreibstube schon intensiv befasst.

Genrekompetenz erkennt an, dass, bewusst oder nicht, jeder beim Lesen, Hören, Anschauen eine gewisse Erwartungshaltung hat. Und die kann nun beim Erzählen bestätigt oder überraschend widerlegt werden.

Genres und ihre Themen

Man muss jetzt mit dem Begriff „Genre“ vorsichtig sein. Während „Fantasy“, „Historisch“ oder „Science Fiction“ zunächst mal nur den Rahmen beschreiben, in dem die Handlung geschieht, sind „Erotik“, „Horror“ und „Humor“ Hinweise auf die Art, in der erzählt wird. Bezogen auf die Handlung gibt es also tatsächlich nur

  • Abenteuer, die zu bestehen sind (Erreicht der Held sein Ziel, kann er eine Bedrohung abwehren?)
  • Entwicklungen, die der Held machen muss (Zu was für einem Mensch wird der Held)
  • Liebesromane (Findet der Held seinen Seelenmenschen und gewinnt ihn für sich)
  • Rätsel (Kann der Held ein Geheimnis aufklären, etwa den Kriminalfall)

Damit lassen sich tatsächlich so ziemlich alle Geschichten einordnen.

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Genre-Botschaften

Wenn man so streng bist, fallen auch die meisten Untergenres weg, denn diese werden bezogen auf die unausgesprochene Leseerwartung von der Grundaussage geprägt.

So zum Beispiel beim Liebesroman. Glaubt der Autor an die Liebe? Das ist romantisch. Kämpft man um die Liebe? Das ist dramatisch. Oder versagt die Liebe? Das ist tragisch. Das hat nun nichts mit Happyend oder nicht zu tun, sondern mit der Botschaft. Das Ende kann durchaus glücklich sein, wenn sich die Heldin gegen die Liebe und für die Karriere entscheidet und dann glücklich mit der schwarzen Kreditkarte ihr Leben gestaltet. Aber es ist womöglich nicht das, was der Leser erwartet und sich wünscht.

Rahmenbedingungen

Natürlich macht es beim Lesen einen Unterschied, ob die Geschichte in einem Altersheim oder der Unterstufe spielt. Ob es eine Gay-Romance ist oder ob sich Hund und Katz ineinander verlieben. Ein Söldner wird womöglich einen Konflikt am Flughafen anders lösen als ein Badboy mit Milliardärsstatus oder ein arbeitsloser Underdog. Jeder knüpft an die Figuren, die ihm im Klappentext vorgestellt werden, bestimmte Erwartungen, die kaufentscheidend sind. Sind diese Erwartungen interessant genug, um neugierig auf die Geschichte zu sein?

Reichweite durch Klischees

Was? Das alles sind Vorurteile, Klischees, mit denen man spielt, wenn man seine Geschichte präsentiert. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn Klischees helfen den Menschen seit jeher in einer Flut von Möglichkeiten eine einfache Vorauswahl zu treffen. Sie helfen Risiken zu vermeiden und ermöglichen andererseits auch Überraschungen. Seit dem Neandertal hat es sich bewährt, auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen zu verzichten, auch wenn man damit unter Umständen eine positive Überraschung verpasst. Jeder Lerneffekt funktioniert so. Das gebrannte Kind scheut das Feuer. Das ist natürlich ein Vorurteil, denn richtig eingesetzt, kann Feuer toll sein.  Aber der richtige Umgang mit Vorurteilen und Klischees ist einem anderen Artikel, einer anderen Reihe vorbehalten.

Book, Read, Bible, Knowledge, Open Bible, Open BookOb eure Geschichten die Menschen dort draußen mögen werden, hängt erheblich davon ab, ob ihren vorab an die jeweilige Geschichte geknüpften, oft unbewussten Erwartungen der nötige Respekt gezollt wird. Denn es muss nicht jede Erwartung erfüllt werden. Die Überraschung, ein gelungener Plottwist, können grandios sein und das Publikum begeistern. Aber die Geschichte und ihre Entwicklung darf nicht frustrierend, nicht enttäuschend sein. Tatsächlich sind erfolgreiche Geschichten meist furchtbar konservativ und in ihrer Struktur vorhersehbar. Aus einem einfachen Grund: Den meisten Menschen macht es mehr Spaß, zu verfolgen, wie ihre Erwartung erfüllt wird, als zu hoffen, dass sie erfüllt wird.

Das habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, sondern kann das auch wissenschaftlich ausdrücken:

Genrekompetenz

Darunter versteht man in der Medienpädagogik die Fähigkeit, mediale Angebote (Buch, Film, Hörspiel) anhand der präsentierten Handlungsmuster einem Genre zuzuordnen. Dies geschieht passiv bei der Hypothesenbildung, also der hier beschriebenen Erwartung. Aktiv ist das Einordnen und entsprechende Gestalten bei der Geschichtenproduktion gefordert.

Im Einzelnen soll die genrespezifische Bedeutung bestimmter Handlungen bewusst erkannt werden, ebenso wie die archetypischen Figurenanforderungen und die zugrundeliegende Motivation.

Genrekompetenz wird meist unbewusst erworben und automatisiert angewendet, etwa bei Kaufentscheidungen oder als Bezugsrahmen in Textinterpretationen.

Es ist Aufgabe der Medienpädagogik, diese Vertrautheit, die ein Indikator der Altersgruppe, aber auch der Milieuzugehörigkeit ist, herzustellen. Zudem soll durch Kenntnis der Erzähltraditionen auch gelehrt werden, kritisch mit den Realitäts- und Werteentwürfen fiktionaler, faktualer und realistischer Gattungen, z.B. in den Reality-Formaten im Fernsehen, umzugehen.

Genrekompetenz ist ein Baustein der allgemeinen Medienkompetenz und sollte vom Lehransatz her neben der Kenntnis dieser Genres auch den kritischen Umgang mit den Genre-Konventionen und deren Wirkung ermöglichen.

Wer sich für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Genrekompetenz interessiert, dem kann ich „Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen“, herausgegeben von Norbert Groeben und Bettina Hurrelmann aus dem Juventa-Verlag (Weinheim, 2002) empfehlen. Ist schon älter, aber sehr anschaulich. Einen Ausschnitt aus einem anderen Buch von Hurrelmann, das ebenfalls einen allgemeineren Einblick erlaubt, gibt es hier* bei der Uni Köln.

 

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