Zu Besuch bei Julia Freidank

Heute sind wir bei Autorin Julia Freidank im schönen München – also Heimspiel für unseren Skoutz-Kauz. Natürlich habe ich mich auch auf dieses Interview, auf das ich mich schon sehr freue, im Vornherein vorbereitet. Dabei habe ich erfahren, dass die unter Pseudonym schreibende Autorin neben ihrer akademischen Laufbahn auch eine Gesangsausbildung hat, mehrer Sprachen und auch fremdsprachliche Dialekte beherrscht, neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch an einer deutschen Universität arbeitet und Mitglied der Hochbegabtenvereinigung Mensa e.V. ist. Zudem sagt sie über sich, dass sie sich nicht für irgendwelche Schubladen verbiegen lassen will und für Individualisten schreibt. Ich könnte noch mehr aus ihrer Vita zitieren, doch ich denke, es wäre viel spannender, sie nun selbst zu Wort kommen zu lassen …

 

 

zu Besuch bei Julia Freidank, die gerne mal das Schwert schwingt …

 

Wie würdest du dich in einem Wort beschreiben?

Vielschichtig.

Beruf oder Berufung – was macht dir an deinem Job als Autor am meisten Spaß?

Das Eintauchen in neue Welten, das Erfahren vergangener Zeiten, die Charaktere, die irgendwann anfangen, ein Eigenleben zu entwickeln. Das Stöbern in den Bibliotheken bei der Recherche ist wunderbar, aber der schönste Moment ist für mich immer der, wenn die Geschichte anfängt zu leben.

Das kann ich mir vorstellen. Kannst du mir das ein wenig genauer ausführen?

Ich bin in München geboren, aber nach dem „Brauhaus“-Band „Spiel des Schicksals“ habe ich die Stadt mit ganz anderen Augen gesehen: Lebensgenuss und Lebensüberdruss kennzeichnen die Zeit – und natürlich die Prüderie des Wilhelminismus. Wir machen uns ja heute kaum noch bewusst, dass die Tabuisierung von Sexualität zu psychischen Krankheiten und zu sexuellem Missbrauch führen kann. Gleichzeitig gehe ich das Thema Gesellschaft aber auch humorvoll an. Auch heute noch hat München diesen Gegensatz von Schickeria („Bionade-Bourgeoisie“) und Bodenständigkeit. Dieses Spannungsfeld ist oft unheimlich lustig. Und natürlich hat es Spaß gemacht, einen blasierten Dandy wie meinen Romanhelden Melchior auf ein urbayerisches Naturgewächs wie seinen künftigen Schwiegervater prallen zu lassen!

 

Wann hast du dein erstes Buch veröffentlicht und wie lange hast du daran geschrieben?

Der erste Julia-Freidank-Roman „Die Gauklerin von Kaltenberg“ erschien 2010.

Wie lange hast du daran geschrieben?

Ich habe etwa ein Jahr daran gearbeitet. Mit den Carmina Burana, um die es damals ging, habe ich mich auch schon als Wissenschaftlerin beschäftigt. Und als Sängerin, ich habe sie schon mit einigen großen Dirigenten aufführen dürfen, etwa mit Herbert Blomstedt.

 

Wie läuft ein typischer Tag als Autor bei dir ab?

Ich sitze nicht nur am Schreibtisch.

Sondern?

Phasenweise verbringe ich auch sehr viel Zeit in der Bibliothek, mit der Recherche. Oder ich fahre an die Orte des Geschehens. Einen typischen Arbeitstag gibt es insofern nicht.

Wie kann ich mir so eine Recherchetour der Schauplätze bei dir vorstellen?

Bei „Spiel des Schicksals“ lief ich durch Giesing, um einen Platz für das Brauhaus zu suchen, oder suchte Häuser in München, die als Vorbild für die Villa dienen könnten. Die Anwohner hielten mich wahrscheinlich für verrückt oder vermuteten womöglich, ich wolle einbrechen oder eine Bombe legen.

Je nachdem, wie oft du vor Ort warst, könnte das sicher für irritierte Blicke gesorgt haben 🙂

Für die Fortsetzung „Im Sturm der Zeit“ habe ich mir das Gefängnis Stadelheim von außen angesehen. Ich will gar nicht wissen, was die Anwohner oder die Leute vom Wachdienst da gedacht haben!

Wenn du was gesagt hättest – da hätte unsere Chefredakteurin Kay als Münchner Strafverteidigerin sicherlich was organisieren können. 

Das Jahr 2020 stellt uns alle vor neue Herausforderungen. Wie sehr beeinflusst Corona deinen Schreiballtag?

Medizin interessiert mich sehr, deshalb lese ich wahnsinnig gerne die wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu. Angst hatte ich zum Glück nie.

Haben dich die Corona-bedingten Maßnahmen trotzdem in irgendeiner Weise als Autorin beschränkt?

Als der Lockdown kam, war ich in der Endphase meines neuen Romans, der Fortsetzung zum „Brauhaus“ („Im Sturm der Zeit“), der mit den Folgen der Spanischen Grippe beginnt. Es war quasi Anschauungsunterricht: Wie fühlt es sich an, wenn plötzlich alles stillsteht? Wenn – he, ich wohne in Bayern! – sogar das Oktoberfest abgesagt wird?! Das war schon ein bisschen unheimlich, weil man spürt, was es bedeutet, wenn plötzlich alles Mögliche verboten ist (obwohl man in der Endphase eines Romans ehrlich gesagt ohnehin kaum vor die Tür kommt).

Das kann ich mir gut vorstellen. Eine bisher nicht gekannte Ausnahmesituation.

Genau deshalb ist heute die Regierung auch verpflichtet, solche Maßnahmen nur befristet und vor allem verhältnismäßig einzusetzen. Sie belasten besonders uns Frauen, etwa durch das Homeschooling, und viele haben das Gefühl, gar nichts mehr richtig machen zu können. Da würde ich mir viel mehr Solidarität wünschen.

 

Kreativ oder doch eher regeltreu? Wie flexibel bist du beim Schreiben?

Alles zu seiner Zeit …

*hat Fragezeichen in den Augen*

Wer nicht kreativ ist, hat keine Ideen, wer keine Disziplin hat, kann seine Ideen nicht aufs Papier bringen.

 

Welches war dein erstes selbstgelesenes Buch? Und hast du es heute noch?

„Bambi“ von Felix Salten, da war ich 6. Was habe ich Tränen vergossen!

Auch wenn ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich das absolut nachempfinden. Hast du das Buch heute noch in deinem Regal stehen?

Das Buch hatte ich aus der Bibliothek meiner Eltern, und soweit ich weiß, steht es dort auch noch. Vorher gab es wahrscheinlich auch ein paar Kinderbücher aus der „Was ist Was“-Reihe – das über Vulkane habe ich geliebt. Aber die kann ich zeitlich nicht mehr so genau festmachen. Mit dem Bambi-Roman lag ich während einer Lungenentzündung in der ersten Klasse kurz nach Weihnachten auf dem Sofa, deshalb erinnere ich mich gut daran.

 

Stell dir vor, du könntest eine beliebige Figur aus einem Buch zum Essen treffen. Was würde passieren?

Nur zum Essen – das ist kein Date, oder? 😊

Ähm, also da war ich jetzt nicht festgelegt und würde das dir überlassen 🙂

Dann Iwan Karamasow aus „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski. Ich würde ihm seine Ansichten über Freiheit und Autorität zu gern um die Ohren hauen!

Oh, damit hatte ich jetzt wahrlich nicht gerechnet …

Und weil seine Thesen primär seiner Neurose geschuldet sind und nicht seinem IQ, könnte er mir hoffentlich auch herausgeben, sodass es eine echte Diskussion mit wirklich verschiedenen Standpunkten geben würde. Das könnte Spaß machen.

Das könnte ich mir auch vorstellen und ich wäre wahnsinnig gern als Mäuschen dabei 😉

Oder soll es eine Figur aus einem meiner eigenen Bücher sein?

Das wäre auch möglich. Ich habe es bewusst offen gelassen.

Ein Treffen mit eigenen Figuren wäre doch immer eine Art Selbstgespräch. Außerdem mag ich sie fast alle, und das macht die Entscheidung viel schwerer … – Nein, ich drücke mich und nehme Iwan Karamasow.

 

Bei welchem historischen Ereignis wärst du gern dabei gewesen und warum?

Hm, keine leichte Frage. Ganz allgemein wäre ich gern bei Ereignissen dabei gewesen, über die man wenig weiß. Es wäre schön, Antworten auf die großen Rätsel zu bekommen.

Das kann ich mir vorstellen …

Aber wenn man gerade einen historischen Roman geschrieben hat, ist immer die Zeit, aus der man gerade kommt, die interessanteste: Also in meinem Fall die zwanziger Jahre, um die es in der Brauhaus-Fortsetzung, „Im Sturm der Zeit“, geht.

Eine völlig verrückte, extreme, glamouröse Zeit voller Gegensätze, brandgefährlich und großartig.

Und eine, die uns bis heute nachhaltig prägt. 🙂

Auf welche Frage hattest du in letzter Zeit keine Antwort und hast du sie finden können?

Oh, sehr viele!! Die Welt ist voller Fragen, und das ist wunderbar. Nachdem ich aber deine Fragen schon kenne, würde ich auf eine davon Bezug nehmen: das altbekannte Paradoxon bei Zeitreisen: Gelingt es mir, eine zu machen, bin ich in einer Zeit, in der ich nie war (denn ich wurde ja erst geboren, als sie schon vorbei war). Gerate ich womöglich mit einem meiner Vorfahren in Streit und bringe ihn um, lösche ich damit die Voraussetzung für meine eigene Existenz aus. Dadurch kann ich aber auch nie in die Vergangenheit gereist sein und den Vorfahren umgebracht haben – und so weiter … Falls es ein Multiversum gibt, wird es noch komplexer.

Den Eindruck habe ich auch …

Eine Antwort auf die Frage, wie man dieses Paradoxon umgehen kann (abgesehen davon, niemanden umzubringen 😊), habe ich nicht. Sollte ich sie finden, lade ich Euch auf eine Zeitreise ein, und wir besuchen die, in der das „Brauhaus“ spielt. Versprochen!

Da wäre ich definitiv sofort dabei 🙂  

Aber lass uns das Thema wechseln …

Wie oft schaust du täglich auf dein Handy?

Viel zu selten, deshalb verpasse ich oft sogar Anrufe. Ich bin ein ziemlicher Nerd.

In der heutigen Zeit finde ich das eher charmant als nerdig 😉 

 

Was darf in deinem Kühlschrank niemals fehlen?

Au weia. Da fehlt ständig was. Zählt auch der Gefrierschrank?

Klar!

Dann Eis. Übrigens hat die Erfindung des Kühlschranks sehr viel mit Bier zu tun!

Echt? Das klingt spannend.

Im „Brauhaus“ wird auch verraten, was – und warum Albert Einstein auf dem Oktoberfest „gejobbt“ hat.

Du verstehst es, einen neugierig zu machen!     

 

Für welche drei Dinge in deinem Leben bist du am dankbarsten?

Mich wirklich begeistern zu können. Bücher und Menschen, weil man sich für sie begeistern kann. Und Bananenkuchen – aus sehr viel profaneren Gründen.

 

Über welches Thema könntest du eine 30-minütige Präsentation halten, ohne jede Vorbereitung?

Ganz schön mutige Frage.

Wieso?

Normalerweise werde ich eher gefragt, wann ich mit dem Reden wieder aufhöre. Es ist mir ein bisschen peinlich, aber da gibt es einige Themen, und manche davon sind ziemlich nerdig.

Das erwähntest du schon. Also … was erzählst du uns?

Dann konzentriere ich mich auf das Nächstliegende: Durch das Brauhaus habe ich einen neuen Zugang zu München um die Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre gefunden. Um 1900 war – man glaubt es kaum – Bier tatsächlich wichtig für die Wissenschaft (und nicht nur für die Wissenschaftler, wenn sie mit der Arbeit fertig waren!). Eduard Buchner brachte das Bier sogar den Nobelpreis für Chemie ein! Das Brauhandwerk konnte auf einmal reich machen: Maschinen wurden erfunden, das Handwerk verwandelte sich in eine Industrie, Unternehmervillen wurden gebaut. Als Gegenpol feierte die berühmt-berüchtigte Schwabinger Bohème mit dem Produkt die Nächte durch. Aufgewachsen in einer zugeknöpften Gesellschaft stilisierten die Männer Frauen als Heilige und Hure und flüchteten sich in die erotisch aufgeladene Kunst des Symbolismus, wie etwa die von Franz Stuck – eines seiner Skandalbilder spielt im „Brauhaus“ ja eine zentrale Rolle. Die Frauen wurden krank – oder sie fanden ganz neue Wege. Der Jugendstil prägt die Architektur Münchens bis heute, und wenn ich durch die Straßen gehe, denke ich an die Herausforderung, welche die damalige Gesellschaft für ihre Menschen bedeutete.

Und da sag einer noch, Geschichte sei langweilig. Ich finde so etwas total spannend und könnte dir noch länger lauschen … vielleicht bekommen wir für unsere 30 Minuten noch einen Zuschlag. 🙂

Lass uns nochmal auf zeitreisen kommen …

 

Was würdest du rückwirkend ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Wir haben mal ein furchtbares Haus gemietet (übrigens nicht in Giesing!): Ständig lief der Keller voll und schimmelte dann, Straßenlärm, dazu ein Horror-Vermieter … ganz schön dämlich, da einzuziehen.

Das war sicher keine schöne Zeit. Wie hast du das durchgestanden?

Ich habe mich ins Schreiben geflüchtet und dann ganz schnell ein anderes Haus gesucht!

 

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Freiheit und Toleranz.

Das ist ein schönes Schlusswort und diesen Wünschen kann ich mich nur anschließen.

Liebe Julia Freidank, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, mich zu treffen und mir all meine Fragen zu beantworten. Es war wirklich schön und ich hätte dir noch viel länger lauschen können. Vielleicht haben wir mal wieder die Chance zu plaudern. Deinem Buch wünsche ich für den weiteren Wettbewerb viel Erfolg.

 

Mehr über Julia Freidank und ihre Bücher findet ihr auf ihrer Homepage.

 

Skoutz-Lesetipp:

Das Brauhaus an der Isar: Im Sturm der Zeit – die spannende Fortsetzung der Brauhaus-Saga von Julia Freidank

Neue, schillernde Zeiten brechen in der großen Münchner Brauhaus-Saga von Julia Freidank an. Es ist die Zeit der Weimarer Republik. Die lebenslustige Clara wird 1919 von ihren Eltern zurück in die Stadt gerufen. Nach der Kriegszeit soll sie helfen, das Brauhaus Brucknerbräu zu alter Größe zu führen und es später übernehmen. Zwar glaubt Clara seit dem Tod ihres Bruders an den Segen der abstinenten Gesundheitsbewegung. Doch die Aufgabe ist auch verführerisch. Es ist eine neue Zeit: Frauen können früher Undenkbares tun. Clara ist entschlossen, mit ihrer Freundin Magdalena etwas zu bewegen. Dann aber begegnet sie einem Mann, der so gar nicht zu ihren Plänen passt – mitten in dieser politisch aufgeheizten und zugleich lebenshungrigen Zeit, in der Freundschaft wie Liebe jederzeit zu zerreißen drohen.

Skoutz meint: Am 21.7.20 ist es endlich soweit und die Brauhaus-Saga geht in die nächste Runde. Nachdem uns der erste Band schon absolut begeistert waren, können wir es kaum erwarten, wieder ins München der 20er Jahre zurückzukehren und endlich zu erfahren, wie es mit Clara weitergeht und ob sie es schafft, ihre Pläne und Träume umzusetzen. Solltet ihr neugierig geworden sein, lest unbedingt zuerst den Reihenauftakt. Ihr werdet es nicht bereuen und die bayerische Landeshauptstadt mit ganz neuen Augen sehen.

 

Hinweis:

Das brauhaus an der isarWenn Bücher die einfachste Form von Zeitreisen sind, hat sich Vorjahres-Siegerin Anna Castronovo auf einen Streifzug durch die Jahrhunderte gemacht und uns Geschichten aus allen Zeiten mitgebracht. Die Auswahl zu Ihrer Midlist History aus den über 200 Titeln der Longlist History 2020 hat sich Anna nicht leicht gemacht.  Einer der Titel ist der Auftakt der Familien-Saga von Julia Freidank: Das Brauhaus an der Isar

Es geht um die Entwicklung einer Brauhausdynastie im aufstrebenden München, die Julia so anschaulich und mit genug Lokalkolorit schildert, um beste Chancen auf den History-Skoutz zu haben.

Mehr Informationen bekommt ihr wie immer in der ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

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