Skoutz-Lyrik: Winterdämmerung von Georg Trakl

Weil irgendwie alles gerade schwierig schönzureden ist, dachten wir uns, dass wir es mal anders angehen und das Mäßige schön beschreiben (lassen).

Passend zur Jahreszeit und dem Wetter vor dem Fenster und der Situation in den Krankenhäusern und überhaupt …
Gepflegte Katastrophen in zartschmelzend schönem Wortgewand vom großen Georg Trakl.

 

Animal, Autumn, Background, Bird, Black, Crow, Dark

Schwarze Himmel von Metall.
Kreuz in roten Stürmen wehen
Abends hungertolle Krähen
Über Parken gram und fahl.

Im Gewölk erfriert ein Strahl;
Und vor Satans Flüchen drehen
Jene sich im Kreis und gehen
Nieder siebenfach an Zahl.

In Verfaultem süß und schal
Lautlos ihre Schnäbel mähen.
Häuser dräu’n aus stummen Nähen;
Helle im Theatersaal.

Kirchen, Brücken und Spital
Grauenvoll im Zwielicht stehen.
Blutbefleckte Linnen blähen
Segel sich auf dem Kanal.

Georg Trakl

 

Anmerkungen zu Winterdämmerung

„Winterdämmerung“ ist thematisch, wenn auch nicht formal, ein typischer Vertreter des Expressionismus. Die grammatischen Brüche im Gedicht, die Wortschöpfungen und Bezugslosigkeiten, sind Zeichen des Protests. Ein Aufbegehren gegen die Regeln. Dämmerung ist für Expressionisten ein Begriff, der Anfang und Ende zugleich ausdrückt. Die Stimmung und weitere Symbolik im Text belegen aber, dass hier ein Ende gemeint ist.

Das Gedicht wird gelegentlich auch mit „An Max von Esterle“ überschrieben. Diese Widmung bezieht sich auf den österreichischen Maler und Karikaturisten, dem Trakl 1913 in Wien begegnet ist (Link*)

Weiterführende Links

  • Seite*  über Georg Trakl und sein Werk
  • Werke von Trakl über unseren Affiliate-Link bei Amazon*
    Georg Trakls lyrisches Werk besticht durch die sinnliche Kraft seiner Bilder und eine „Lyrik in Moll“. Er wird zu den bedeutendsten Frühexpressionisten deutscher Sprache gezählt. Sein hermetisches Schaffen weist jedoch weit darüber hinaus. Gebrandmarkt als Vertreter der „Décadence“, die den Verfall stilisiert anstatt eine soziale Utopie zu entwerfen, träumt er von einem neuen, „natürlichen“ Menschen, von einer Erneuerung der paradiesischen Unschuld in der Gesellschaft.
  • Weitere Gedichte hier

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.