Skoutz-Buchregal #115 – Ukraine Special

Eigentlich wollte ich heute über den Skoutz-Award, seine Jury und deren Bücher berichten. Ich wollte vorfreudig von schönen Geschichten und wundervollen Büchern sprechen. Aber das wäre – so mein Gefühl – gerade unpassend.

Derzeit verbringen wir viel Zeit vor den Bildschirmen, ungläubig, geschockt. Corona hat uns gezeigt, wie über Nacht Gesundheit in Frage gestellt wird. Das Sommerhochwasser, dass die Natur uns binnen Stunden alles wegnehmen kann. Putin zeigt, das Frieden ein Geschenk ist. Jeden Tag, denn er war nie selbstverständlich, auch wenn wir das geglaubt haben.

Ich gebe zu, dass ich von der Ukraine schändlich wenig weiß und weil ich annehme, dass es nicht nur mir so geht, habe ich hier ein paar Informationen zusammengestellt, über ein Land, mit dessen Menschen wir uns in diesen Stunden verbunden fühlen, deren Verzweiflung uns erschüttert und denen wir helfen wollen, aber nicht wissen, wie. Vielleicht ist Verständnis ein erster Schritt. Und der Versuch, ihnen eine Stimme zu verleihen.

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Wer ist die Ukraine?

Die moderne Ukraine ist fast doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa halb so viele Einwohner. Damit ist sie übrigens der größte ganz in Europa liegende Staat. Vor dem ersten Weltkrieg war die Ukraine Teil des zaristischen Russlands und des österreichsisch-ungarischen K&K. Danach währte ihre nationale Eigenständigkeit nur kurz, denn nach der bolschewistischen Machtergreifung und den nachfolgenden Bürgerkriegen wurde sie Teil der Sowjetunion bzw. Polens. Hart für ein Volk mit eigener Sprache, eigener Geschichte und eigenständiger europäischer Kultur und einem Zentrum des europäischen Judentums, das sich auch gegen die Nazis zur Wehr setzen musste. Die Geschichte der Ukraine ist geprägt von Übergriffen aus Ost und West, Kriegen, Holodomor und Shoa.

Die orange Revolution und die Revolution der Würde brachte die moderne Ukraine hervor, die seit 1991 wieder souverän ist. Es ist eine Nation, die sich um Weltoffenheit und Toleranz bemüht, die skeptisch gegen Politkasten ist und lieber Menschen aus dem Volk wählt, so etwa seinen Präsidenten Selenskyj, der als studierter Jurist erst als Satiriker tätig war, bevor er kandidierte. Wirtschaftlich lebt die leider trotz aller Mühen von Korruption und einer weit auseinanderklaffenden Einkommensschere geprägte Ukraine vor allem von ihren Getreide- und Stahlexporten.

Die Ukraine ist ein Land mit reicher Kultur und wie nicht anders zu erwarten, gibt es viele Bücher aus und über die Ukraine, von denen wir heute ein paar vorstellen wollen. Denn die Ukraine soll nicht zum Schweigen gebracht werden.

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Ukrainische Bücher

Wir haben recherchiert und uns wurden von Menschen, die Land und Leute etwas besser kennen, viele Bücher empfohlen, die ein Gefühl für die Ukraine vermitteln. Hier eine Auswahl:

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Museum der vergessenen Geheimnisse – Familiensaga von Oksana Sabuschko

Daryna ist Fernsehproduzentin in Kiew. Eines Tages entdeckt sie ein Foto der Partisanin Helzja, Mitglied der Ukrainischen Aufstandsarmee in den 40er Jahren, und beschließt, ihrer Geschichte nachzuspüren. Als sie sich im Zuge ihrer Recherche in Helzjas Enkel Adrian verliebt, steckt sie bereits mitten im Geschehen und wird in eine aufregende Recherche der Schicksale von drei Generationen verwickelt, die stellvertretend für viele Menschen in der Ukraine stehen.

Skoutz meint: Unser russisch-ukrainischer Nachbar hat uns Oksana Sabuschko empfohlen, eine Autorin, die für viele das Gesicht der ukrainischen Literaturszene ist. Es ist ein klassischer Generationenroman, der sich aber eben auch mit den historischen Entwicklungen befasst, die diese Geschichte von Liebe und Freundschaft begleiten und ein plastisches Bild der jungen Ukraine vermitteln. (jr)

Das Buch ist 2014 im Fischerverlag in Deutsch erschienen und ist z.B. über unseren Affiliate-Link* bei Amazon erhältlich.

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Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet – fantastischer Roman von Jjubko Deresch

Sommer 1993. Brütende Hitze im (fiktiven) Karpatenstädtchen Midny Buky. Mischka hockt in der Datscha seiner Eltern, liest Edgar Allan Poe, hört Pink Floyd und ist in Dzwinka verliebt. Mit Hippie, seinem besten Freund, bilden sie einen eigenen Kosmos und schotten sich von der Außenwelt ab. Als »Brüder und Schwestern im Untergrund « ziehen sie den Haß von Fedja und seiner Proltruppe auf sich. Als die Feindseligkeiten in regelrechten Terror ausarten, schmieden die drei einen Mordplan. Fedja muß sterben …
Skoutz meint: Ein ganz und gar ungewöhnliches Buch, in dem westliche Popkultur, wie wir sie kennen, und die postsozialistische neue auch östlich geprägte Ukraine eine spannende Beziehung mit fantastischen Elementen eingehen. Inspiriert von Pink Floyd und Jim Morrison entsteht so eine bizarre und ungemein spannende Geschichte. (kt)
Dieses Buch ist bei der Edition Suhrkamp erschienen und kann z.B. über unseren Affiliate-Link* auf Amazon bezogen werden.
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Im Schatten der Mohnblüte – Über ein geheimnisvolles Lied in dunklen Zeiten von Jurij Wynnytschuk

Ein Ukrainer, ein Deutscher, ein Pole, ein Jude. Die Heimat der vier jungen Freunde, das multikulturelle Lemberg der 1930er, ist ein bunter Ort voller bezaubernd kurioser Figuren – von der Großmutter, die leidenschaftlich als professionelles Klageweib arbeitet, bis hin zur uralten Bibliothekarin, die nicht sterben kann, bevor ihr Verlobter nicht aus den mystischen Tiefen der Regalreihen zurückgekehrt ist.

Mit der Ankunft der Sowjets und später der Nazis wandelt sich die Stadt in einen düsteren Ort. Inmitten der Kriegswirren hinterlässt eine schicksalhafte Melodie Spuren, die bis in die Gegenwart führen: der Todestango. Auf geheimnisvolle Weise bringt er die Erinnerung an ein früheres Leben zurück und macht so möglich, dass geliebte Menschen sich wiederfinden können – dort, wo der Mohn tanzt.

Skoutz meint: Ich habe das Buch vor ein paar Jahren gelesen, ganz unpolitisch wegen der im Klappentext erwähnten Bibliothekarin. Bekommen habe ich ein Buch, das unterhaltsam und liebenswert in eine weltoffene und tolerante Stadt führt, deren Bewohner sich selbst nicht so ernst nehmen, als dass sie nicht wirklich Vielfalt aushalten könnten. Das kippt, als Lemberg erst von den Bolschewiken und dann von den Nazis mit äußerster Gewalt zerstört wird und die Stadt in eine trostlose Schreckenswelt verwandelt. Umso bewegender ist, wie im Moment größter Grausamkeit Freundschaft, Ideale und Mut überdauern und Licht und Hoffnung am Leben halten. Ein Buch, das perfekt auch in diese Zeit passt und das ich auch dann empfehlen würde, wenn es nicht auch noch von einem Ukrainer geschrieben worden wäre. (kn)

Das bei Haymon verlegte Buch ist auf Deutsch erhältlich, etwa über unseren Affiliate-Link* bei Amazon.

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Die Fünf – Gesellschaftsroman aus dem alten Odessa von Vladimir Jabotinsky

Die Welt Beginn des 20 Jahrhunderts. Es sind die letzten Tage des alten Odessa: Im Vielvölkergemisch der kosmopolitisch-toleranten Stadt am Schwarzen Meer, in der das Ukrainische und das Russische, das Jüdische und das Deutsche, das Armenische und das Griechische nebeneinander existieren, wachsen die fünf Geschwister der Familie Milgrom zwischen revolutionärer Gewalt und Assimilation auf. Doch bald trennen sich ihre Lebenswege auf dramatische Weise.

Vladimir Jabotinsky, brillanter Feuilletonist und streitbarer Mitbegründer der zionistischen Bewegung, unternimmt eine imaginär-romanhafte Reise in die Stadt, in der er 1880 geboren wurde und in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte. In der Ukraine ein Klassiker, aber erst jüngst in Deutsch erhältlich.

Skoutz meint: Die unterschiedlichen Lebenswege der fünf Kinder des wohlhabenden Händlers Abram Milgrom und seiner Frau Anna zeigen stellvertretend und kenntnisreich die letzten Tage des alten Odessa. Der Roman stammt aus dem Jahr 1935, wurde aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Es ist ein schwärmerischer Blick eines wortgewaltigen Autors auf seine Heimatstadt, die vieles – aber eben auch nicht alles – richtig macht. Wo man sieht, wie Toleranz funktionieren kann und wo man an seine Grenzen stößt. Die Wirren einer politisch-kulturellen zwischen Extremen schwankenden Zeit wird großartig eingefangen, mit 5 sehr verschiedenen Menschen und ihren Schicksalen. Eine Zeit- und Kulturreise, die uns verstehen lässt, warum die Ukrainer so für ihre Heimat kämpfen. (kf)

Das bei atb verlegte Buch könnt ihr über unseren Affiliate-Link* bei Amazon beziehen.

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Die Erfindung des Jazz im Donbass – Eastern mit Thriller-Elementen von Serhij Zhadan

Herman, ein junger Werbeunternehmer, wird von einem ominösen Anruf aufgeschreckt: Sein Bruder, der am Rande der Steppe eine Tankstelle betreibt, ist spurlos verschwunden. Am Ort des Geschehens trifft Herman auf die Angestellten seines Bruders, verliebt sich in Olha, die eigenwillige Buchhalterin, und versucht, die Tankstelle vor den Attacken eines einheimischen Oligarchen zu retten. Dabei wird ihm klar, dass weit mehr auf dem Spiel steht: nämlich das Glück und der Sinn des Lebens.
Skoutz meint: Auch ein Buch, das ich gelesen habe, ohne darauf zu achten, dass es ukrainisch ist. Eine Reise in den wilden Osten, in die kargen Weiten, wo die Gedanken fließen können und man einen neuen Begriff von Heimat findet. Weil die Menschen über die Serhij Zhadan schreibt, anders sind. Weil er selbst Einflüsse einer anderen Kultur mitbringt, ist das Rätseln, wo zwischen Realität und Traum die Grenzen verlaufen, besonders spannend. Es ist ein anderes Denken, um dieselben Themen, aber irgendwie auch ein gleiches Fühlen in einer anderen Situation. Sehr faszinierend und aufschlussreich, auch für einen selbst. (kn)

Das Buch ist bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen und kann z.B. über unseren Affiliate-Link* bei Amazon bezogen werden.

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Sonder-Tipp

Bei der Recherche habe ich dieses Buch entdeckt und mir gleich bestellt, auch wenn es eigentlich die Krimkrise schildert.

Ukrainisches Tagebuch – Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests von Andrej Kurkow

(Das Buch stammt aus dem Jahr 2014 und bezieht sich auf die Krimkrise)
Rund zehn Jahre nach der Orangen Revolution blickt die Welt wieder gebannt auf die Ereignisse in der Ukraine: wochenlange Demonstrationen auf dem Kiewer Majdan-Platz, die Eskalation der Gewalt, die Annexion der Krim durch Russland, die drohende Spaltung des Landes – aber wie ist es dazu gekommen? Und wie wird es weitergehen?
Andrej Kurkow lebt wenige Gehminuten vom Majdan-Platz entfernt und hat das Geschehen hautnah miterlebt. Als einer der bekanntesten ukrainischen Autoren und Kolumnist internationaler Zeitungen lädt Kurkow in diesem hochaktuellen Buch ein, die Ukraine besser kennenzulernen, zu verstehen, was sie geprägt hat und was die Menschen bewegt. Jenseits gängiger Klischees schildert er die Tage des Umbruchs in seiner Heimat und liefert so eine sehr persönliche Chronik der Ereignisse. Zudem beleuchtet er schlaglichtartig die wechselvolle Geschichte der Ukraine und porträtiert handelnde Personen, zentrale Schauplätze und Ereignisse.

*Tagebuch über die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine
*vom ukrainischen Starautor und Kolumnisten internationaler Zeitungen
*der Ukraine-Konflikt aus der Innenperspektive
*man erfährt, was tatsächlich passiert ist!
*liest sich spannend und flüssig wie ein Roman
*schöner Erzählton
*wissenswerte Hintergrundinformationen: der politisch engagierte Autor kennt viele Akteure persönlich

Das Buch ist bei Haymon auf Deutsch erschienen und kann z.B. über unseren Affiliate-Link* bei Amazon bezogen werden.

 

Hier könnt ihr euch weiter über die Ukraine informieren.

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