Classics: Mitternachtsbesuch von Ludwig Tieck

Mitternachts-Gespräche Mitternachts-InterviewsHeute interviewen wir Ludwig Tieck, einen der großen Romantiker. Dichter, Autor und Übersetzer. Falls ihr euch wundert, wie es dazu kam: nein – wir haben keine Zeitmaschine entdeckt (leider!)

Skoutze sind wie alle Eulenvögel nachtaktiv. Und in manchen sternenklaren Nächten, wenn auch die Gedanken freier fliegen, begegnen sie Geistern. In einigen kommen sie mit ihnen ins Plaudern. Speziell mit jenen, denen wir uns über unsere Leidenschaft für Geschichten, für Bücher und die Welt verbunden fühlen.  Man kann diese Besuche nicht lenken, sie kommen und gehen geisterhaft, wie sie wollen. Meist angelockt von Gedanken, die sie selbst auch interessant finden. Oder weil sie uns was zu sagen haben.

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Mitternachtsbesuch von Ludwig Tieck

Wie so oft, wenn ich nicht schlafen kann, sitze ich auf der Terrasse und schaue die Sterne an. Das ist in diesem ungewöhnlich warmen Tagen, die der Fönsturm im Januar nachts noch beinahe T-Shirt-warm sein lässt, keine Leistung. Erst fällt mir erst gar nicht auf, dass der Skoutz-Kauz ganz aufgeregt herumflattert und schließlich sogar zu mir auf der Terrasse kommt. Nicht nur er.

Vor mir steht wie aus dem Nichts ein gut gekleideter Herr mit einem Gehrock, Hemd und Tuch und Hosen, wie ich sie aus Filmen aus der Biedermeierzeit des  frühen 19. Jhdt. kenne.

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Das Märchenhafte als Herzensangelegenheit

Tatsächlich habe ich gerade sehr intensiv über Märchen und ihre großen Sammler gegrübelt, so dass ich vermute, einen von ihnen angelockt zu haben. Einen der Grimms vielleicht oder Wilhelm Hauff?

Oh? Besuch zur Geisterstunde.

Mit wem habe ich denn die Ehre?

Das habe ich mich auch gerade gefragt. Ich muss gestehen, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich bin. Ich bin Johann Ludwig Tieck, Schriftsteller, Übersetzer und Dramaturg aus Berlin.

Mein Name ist Kay Noa und das ungehorsam auf der Regenrinne herumzappelnde Tier ist der Skoutz-Kauz. Sie sind in München in meinem Haus. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten? Ich habe gerade frischen aufgebrüht.

Das ist sehr zuvorkommend. Danke schön.

Setzen Sie sich doch. Ich muss mich entschuldigen. In so klaren Nächten passiert es ab und an, dass ich ich mit meinen Gedanken andere Denker anlocke. Das passiert ganz zufällig. 

Schätzen Sie das nicht gering, denn an manchen Zufälligkeiten hängt oft ein wichtiger Teil unsers Lebens. Doch vielleicht ist es auch kein Zufall, denn ich kann mich Märchen nicht entziehen. Konnte ich noch nie. Nur mit dem Theater ist es noch ärger.

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Dann erzählen Sie mir doch bitte, was sie an Märchen so fasziniert, Herr Tieck!

Mond, Nebel, Gras, Wolken, Sternenklarer HimmelIst nicht das Märchenhafte das Großartige? Das menschliche, das uns verbindet und zu allen Zeiten gleichermaßen fasziniert. Ich bewundere die positive Kraft der Märchen.

An deren Kraft haben Sie ja einen unerheblichen Anteil. Ihr gestiefelter Kater oder auch Ritter Blaubart sind heute noch beliebt und werden von vielen Kollegen aufgegriffen, zitiert, adaptiert und bearbeitet.

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Wie fühlt es sich für Sie an, dass man sich heute bei Ihren Geschichten bedient?

Das freut mich!

Sehen Sie das nicht als unlauteres Abschreiben? 

Das war zu meiner Zeit eine moderne Sache, die von England zu uns herüberschwappte. Das sogenannte Statute of Anne erlaubte Autoren über die Vervielfältigung zu bestimmen. Damit konnten sie es an Verleger verkaufen. Das galt aber nicht für alles, was man so schrieb, sondern nur für gelungene Werke, die man registrieren ließ. In Frankreich griff man das dann auf und führte in den 1790er Jahren ein Propriété littéraire et artistique ein. Mir kam das gelegen, denn so konnte ich erst mit Nicolai und später mit Brockhaus einen einträglichen Handel schließen. In Deutschland beschloss die Bundesversammlung erst 1837 eine zehnjährige Schutzfrist. Über diese Zeit hinaus finde ich es aber gut und richtig, wenn die Kunst allen zur Verfügung steht. Das habe ich auch gesagt.

So genau wusste ich das gar nicht. Heute sind Werke sehr lange geschützt. Bis zu 70 Jahre über den Tod des Künstlers hinaus. 

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Warum ist es für Sie so wichtig, dass literarische Werke frei sind?

Weil sich Kunst mit Kunst befassen will, würde ich sagen. Ich habe auch immer gern mit Vorlagen und Vorbildern gearbeitet und mit meinen Literaturfreunden viele Stunden über alte Stoffe sinniert. Wenn uns das Lesen verändert, ist nicht alles, was daraus entsteht, dann nicht anders zu erklären, als über Ältere?

So gesehen, stimmt das natürlich. Sie haben ja, soweit ich weiß, immer versucht, Literatur möglichst einem breiten Publikum vorzustellen. Speziell Theater für alle.

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Braucht Kunst, braucht man zum Schreiben ein Publikum?

Zum Schreiben nicht, aber zum Wirken! Wir erzählen für die Leidenschaft. Ohne Echo kann das Wort nicht wirken. Ich war, in aller Bescheidenheit, in der Schriftstellerei durchaus erfolgreich und durfte erleben, wie im Vortrag die Geschichten lebendig werden. Ich kann nur ersinnen, was geschieht, doch erfühlen muss es der Mensch, der liest! Als schösse man einen Pfeil in die Welt, der erst sein Ziel finden muss, um zu wirken. 

Solche Leseabende, von denen Sie sprechen, gibt es heute auch noch. 

Ich habe es genossen, vor Publikum zu lesen und im Anschluss zu plaudern. Das Sprechen über Literatur bereitet fast so viel Freude wie die Lektüre selbst. Spricht man in Ihrer Zeit auch noch in den Salons über die Geschichten oder lauscht man schweigend?

Hahaha. In unserer Zeit wird nichts mehr schweigend gemachtSalons in dem Sinne haben wir keine mehr. Aber immer noch treffen sich Menschen, um energisch über Geschichten zu diskutieren. Was sie bewirken können, was sie uns lehren können und lehren sollen. Und immer mit viel Leidenschaft und Gefühl!

Das ist sehr löblich! Auch wenn ich Lehraufträge zugunsten des Theaters abgelehnt habe, finde ich es gut, wenn Literatur in den Alltag getragen wird. Gerade von den großen Meistern kann man viel lernen.

Nun, da wird in unseren Tagen doch eher einfache Kost und Unterhaltung bevorzugt, so leid es mir tut. 

Aber das macht doch nichts, Frau Noa! Ich habe selbst als junger Bursche mit meinen Lehrern zusammen für ein lesehungriges Publikum ganz triviale Abenteuergeschichten geschrieben. Man muss für große Wahrheiten keine großen Worte wählen. Ich habe mich darüber öfter mit Rahel Levi in Berlin gestritten. Die hehre Kunst, was will sie denn? Mancher steht und wartet in der Welt. Und weiß nicht recht, worauf er warten soll. 

Wir haben gerade eine Zeit zu durchleben, in der es vielen Menschen nicht so gut geht. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der man nicht so recht weiß, wie es weitergeht und viele zweifeln, dass die Änderungen zum besseren sind. Da wollen sich beim Lesen viele lieber ablenken, mit leichter Kost statt weiteren Problemen.

Wir richtig! Ich habe schon immer gesagt, heiter soll die Bühne sein, denn das Leben selbst ist finster und trübsinnig genug. Das hat sich offenbar nicht geändert.

Seufz. Das Leben hat sich schon verbessert. Die Krankheiten, die Sie soquälten, sind heute beherrschbarer geworden. Das Reisen unendlich viel leichter und selbst die Armen sind zumindest ihierzulande nach den Begriffen Ihrer Zeit nicht mehr wirklich arm. Aber weil Menschen sich nicht ändern, bleibt es irgendwie trotzdem finster und trübsinnig. Das stimmt mich traurig. 

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Sie hatten ja auch gute und schlechte Zeiten zu durchleben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Damals habe ich oft mit dem Schicksal gehadert, aber rückwirkend betrachtet, würde ich sagen, das ganze Leben ist nicht der Sorge wert.

Wie meinen Sie das?

Unglück macht menschenfeindlich, mißtrauisch, verschlossen, der Mensch wird dadurch ein finstrer Egoist, und nur indem er auf alles resigniert, hat er den Stolz, sich selbst zu genügen

Haben Sie nicht auch gesagt, dass wer das Glück liebt, auch sein Unglück willkommen heißen muss? Das klingt gerade aber anders. 

Pusteblume, Makro, Löwenzahn, Samen, Nahaufnahme, NaturGewiss gehört auch das Unglück zu einem erfüllten Leben dazu. Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft, die unser Herz in Bewegung erhält. Aber ich habe gelernt, dass wir in jedem Moment der Leidenschaft schon auf diese Abwechslung rechnen sollten. Verständigerweise sollten wir aber nach Heiterkeit trachten. Denn der heitere Mensch lernt und denkt in einer Stunde mehr, als der trübe und verstimmte in Wochen. Nur Heiterkeit bringt den wahren gedeihlichen Fleiß hervor. Ich habe immer versucht, das auch in meinen Werken, im Buch wie auf der Bühne, nahezubringen. Das kann man Menschen, wenn ich Sie recht verstehe, auch heute noch gar nicht oft genug sagen.

Nein. Das schadet auf gar keinen Fall. Aber das bringt mich auf eine Frage, die mir wirklich auf der Seele brennt.

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Woher nahmen Sie diesen beeindruckenden Blick für Zeittendenzen?

War der beeindruckend? Mich interessierte stets die Welt und die Menschen um mich herum. Und ich legte großes Gewicht auf die eigene Wahrnehmung. Das mag so wirken, als könnte ich etwas besonderes, aber das glaube ich nicht.

Das ist aber besonders. Jedenfalls in unserer Zeit. Da wird gerne über Meinungen gesprochen, wenn man keine Fakten hat.

Ach, das hat ihre Zeit nicht erfunden! Nichts ist so bequem, als etwas zu glauben, das ein anderer meint, und dieser hat seine Meinung gewöhnlich auch nur vom Hörensagen. Darum will ich verstehen, wovon ich spreche. Vielleicht aber verstärkt sich das auch durch die Übersetzung historischer Werke wie denen von Shakespeare und Cervantes. Es schärft den Blick für zeitlos universelle Wahrheiten. Mir war es stets ein Anliegen, meine Novellen wirklichkeitsgetreu zu zeichnen. Auch in den Märchen übrigens, wenngleich dort, der Erzählstruktur geschuldet, mit satirischen Tönen, um das Wunderbare nicht zu zerstören.

Darum zählt man Ihre Märchen auch zur Romantik, während die Novellen schon als frühe Form des Realismus gelten. Herr Tieck, Sie sind in Ihrem Schreiben so zeitlos, dass Sie auch heute noch modern sind. 

Realistisch? Das klingt gut. Mir war es ein Anliegen, dass man lesend die eigenen Sinne schärft.

Das ist auch äußerst modern. Darüber wird gerade auch viel diskutiert. Nicht nur, um wahrhaft auszudrücken und missverständnisfrei zu beschreiben, sondern auch um alles Unbehagen beim Lesen zu bannen. Das lähmt das Schreiben bisweilen.  

Das hatten wir zu meiner Zeit auch! Ich schrieb: Der Morgen erwacht. Aber es gibt keinen Morgen. Wie kann er schlafen? Es ist ja nichts als die Stunde, in der die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht nicht auf, auch das ist schon Unsinn und Poesie. O dürft ich nur einmal über die Sprache her und sie so recht säubern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lügenden Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen.

Hahaha! Genau! So ähnlich geht es uns heute auch, Herr Tieck. Nur heute sagt man nicht, das ist falsch sondern verletzend.

Gegen den Strom der Zeit kann zwar der einzelne nicht schwimmen; aber wer Kraft hat, hält sich und läßt sich von demselben nicht fortreißen. Der Argwohn war auch in meinen Tagen schon eine rechte Seuche. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Doch darin liegt auch Tröstliches.

Ja?

Wenn ich schon so litt und Sie heute wieder, dann ist es wohl gar nicht so schlimm, sondern der normale Gang der Zeit. Es sind die Geschichten, die in unseren Herzen wohnen. Die Worte, die sie dorthin tragen, sind ersetzlich.

Was mich zu den universellen Themen bringt, Herr Tieck.

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Wie kommt es, dass Sie sich zum Beispiel so intensiv mit der Sicht der Frauen befassten?

Vittoria Accorombona (Historischer Roman) (eBook, ePUB) - Tieck, LudwigSie spielen auf meine Vittoria Accorombona* an?

Genau. Ihr letztes großes Werk, um eine Frau, die ihr Leben selbst bestimmen möchte, wird bis heute kontrovers diskutiert. Vielleicht erzählen Sie mir, was Sie damit sagen wollten. 

Und Ihnen den Spaß am Grübeln nehmen? Nein, meine Liebe, hingeschrieben ist, was herausgelesen wird. So soll es doch sein. Ich pflegte mein ganzes Leben lang engen Austausch mit klugen Frauen, ob das nun Henriette Herz in Berlin war, meine Gräfin von Finckenstein oder meine geliebte Tochter Dorothea. Es erschien mir unrecht, welche Hemmnisse Frauen zugemutet werden, in ihrem Streben nach Entfaltung.

Da hat sich seither viel getan, aber es ist immer noch ein weiter Weg bis zu wirklicher Gleichberechtigung. Und darüber werden gerade in diesen Tagen viele bitter. 

Das ist bedauerlich, denn ist es nicht die Liebe, die alle Stände gleich macht?

Schöne Worte, dem ist nichts hinzuzufügen. Herr Tieck, darf ich Ihnen noch Tee einschenken?

Wo sind sie denn? Herr Tieck?

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Wer neugierig ist, kann den kurzen Steckbrief über Tiecks Leben lesen.

[Anmerkung: Die belegten Zitate Tiecks sind farblich hervorgehoben]

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