Shortlist SF: Der Algorithmus des Meeres von Frank Hebben

Der Algorithmus des Meeres von Frank Hebben

 

SciFi Icon Award Shortlist Silber IconDie Science Fiction Liste wurde lange Zeit klar dominiert von einer Handvoll Titel, die Karsten Kruschel dann auch mit erstaunlich sicherem Gespür für die Midlist nomiert hat. Dort entbrannte dann ein enges Rennen um die begehrten Plätze der Shortlist, dass in einem wahren Foto-Finish durchaus für Überraschungen gesorgt hat. Jetzt steht jedenfalls fest, welche 3 Bücher es ins Finale um den Science Fiction-Skoutz 2016 geschafft haben, weil es ihnen gelungen ist, die Herzen der Leser und der Jury gleichermaßen zu begeistern.

Der Algorithmus des Meeres von Frank Hebben ist eines davon.

Frank HebbenBei dem Buch handelt sich um einen 132 Seiten starken, im September 2015 im Begedia Verlag erschienenen dystopischen Kurzroman voller unheimlicher und mysteriöser Vorfälle, deren Ursprung immer das Meer ist.

Damit ihr erfahrt, warum die Nominierung eine sehr gute Entscheidung war, haben wir das Buch genauer untersucht und im Anschluss für euch ausführlich vorgestellt (weiterlesen).

Weil zu einem Buch natürlich immer auch der Autor gehört, war Kay Noa war zu Besuch bei ihrem Kollegen Frank Hebben, um mit ihm über Kerosin, Wimmelbilder und unideale Leser zu plaudern. Und über Bücher auch.

Zum Finale haben wir uns das Buch noch einmal aus dem Regal geholt und unserem Skoutz-Juror Karsten Kruschel gebeten, uns als Chef-Astronaut im Jury-Board etwas mehr über dieses Buch zu erzählen.

Doch das lest ihr am Besten selbst.

Karsten Kruschel bespricht: Der Algorithmus des Meeres von Frank Hebben

Der Algorithmus des MeeresEin Hotel am Ufer eines mediterranen Meeres, Hitze, ein paar Menschen im Zustand eines nichtendenwollenden Urlaubs, Zerfall und Rost:

Frank Hebbens „Der Algorithmus des Meeres“ kommt zunächst als Milieustudie daher, die dekadent und sprachgewaltig auf den Spuren von James Graham Ballard wandelt. Der hatte großartige Bilder vom Menschen angesichts zerfallender Strukturen und einer sich ins Unbegreifliche wandelnden Welt geschaffen, die sogar zur Schaffung eines neues Adjektivs führten. Im Collins Dictionary findet man heute einen Eintrag zu „ballardian“ mit einer etwas hilflos anmutenden Definition. Wer sich tiefer ins Thema einlesen möchte, kann zu www.ballardian.com gehen.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Frank Hebben ist aber nicht nur ein großartiger Ballard-Leser, der es vermag, einen Text zu produzieren, der Tonfall und Geist des Vorbilds imitiert, er ist auch eigenständiger Autor genug, um den Leser immer wieder daran zu erinnern, daß er eben nicht Ballard ist, sondern Hebben.

Und dabei geht er über Ballard hinaus.

Zum einen sprachlich, indem er die Diktion seines Vorbilds nur scheinbar übernimmt, tatsächlich aber oft die Sätze umkrempelt und wesentliche Informationen ganz am Schluß einwirft, was der Prosa ein gewisses Stakkato verleiht. Ebenjenes Stakkato, das an expressionistische Prosa von vor hundert Jahren erinnert und das Hebben schon in seinen Erzählungsbänden wie „Prothesengötter“ (2008) mit durchaus eindrucksvollen Ergebnissen verwendet hat.

Zum anderen geht er inhaltlich über Ballard hinaus, indem er den unwirklichen, verzaubert anmutenden, irgendwie traumhaften Zustand seiner Protagonisten genau das sein läßt: Unwirklich, ein Traum. Das Hotel, die Hitze und der Zerfall sind nämlich nur Bestandteile einer Illusion, eines Virtual-Reality-Konstrukts, in dem alle handelnden Personen sich befinden.

Und zwar auch die, die schon tot sind.

Wie das technisch gehen soll, das Weiterleben einer verstorbenen Person in jener von Rechnern erzeugten Kunstwelt, das interessiert Hebben keine Sekunde. Er verwendet diesen Kniff, den man auch bei Tad Williams und Sergej Lukianenko schon erleben durfte, als poetisches Bild für den Zusammenhalt der Menschen, die auch dann noch aneinander hängen und füreinander da sind, wenn einer der Ihren längst gestorben ist. In einer virtuellen Welt geht das.

Und genau darum kehrt Hebbens Held am Ende in die Illusion zurück: Sie ist ihm die bessere der Welten geworden.

Die Post-Apokalypse mal ganz anders geschildert, sehr poetisch; und wäre dieses Wort im Deutschen heimisch geworden, könnte man es ballardesk nennen.

 

Wer jetzt gleich loslesen möchte, kann Der Algorithmus des Meeres von Frank Hebben hier auf Amazon bekommen.

 

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