Skoutz-Award 2024: Aussetzung

Nachdem der seit Tagen durch die sozialen Netzwerke tobende Sturm der Entrüstung darüber, dass beim Skoutz-Award 2024 KI-Titel auf der Longlist stehen, nicht abebbt, haben wir uns – in einer Krisensitzung mit der Jury – zu einer schweren Entscheidung durchgerungen.
Entgegen der im Netz verbreiteten Meinung ist der Skoutz-Award nicht das Ergebnis der Redaktion des Skoutz-Magazins. Wir bieten – für alle unschwer nachlesbar – seit jeher lediglich das Podium für einen Entscheid, den Jury und Publikum in mehreren Runden auf Basis einer öffentlich befüllbaren Vorschlagsliste (Longlist) treffen. Diese Longlist basiert also gerade nicht auf Entscheidungen der Jury und wird auch nicht von der Skoutz Redaktion erstellt, sondern ist das Ergebnis der Einreichungen über das Anmeldeformular. Die Wahl, die Nominierung beginnt aus dieser Liste heraus erst im Anschluss mit den Midlists.
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Es ist also nicht richtig, dass KI-Titel nominiert worden wären.
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Da wir aber auch in den weiteren Runden nicht zuverlässig KI wie gefordert ausschließen können, haben wir uns gemeinsam entschlossen:
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Der Skoutz-Award 2024 wird ausgesetzt.

Das ist sehr schade, für die vielen (meisten) Menschen, die sich auf ein weiteres Jahr voller schöner Buchgeschichten gefreut haben, gerne etwas Sichtbarkeit für ihre Bücher gehabt hätten und mit Spaß in den Listen stöbern wollten.
Aber …
Wir können nachträglich nicht die Regeln ändern. Wir können nicht ein Votum verfälschen, in dem wir Titel „auf Verdacht“ streichen und wir können beim besten Willen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln weder technisch noch organisatorisch die Titel auf KI-Anteile prüfen.
Da man dies aber fordert, haben wir uns – auch um die beteiligten Menschen zu schützen – entschieden, den Award in diesem Jahr auszusetzen.
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Hier sind die Gründe:

Um was geht es uns?

Unser Anliegen war und ist es,
– für Bücher zu interessieren,
– die enorme Vielfalt der Geschichten darzustellen,
– ein vielfältiges und ehrliches Bild vom Buchmarkt des letzten Jahres zu geben und
– für Toleranz vor allem beim Lesen zu werben.
Die Longlists sind öffentlich befüllbare Vorschlagslisten, auf denen jeder und jede auf denkbar einfachste Weise die Titel vorschlagen kann, die aus dem letzten Jahr in persönlich guter Erinnerung geblieben sind und denen man ein bisschen mehr Sichtbarkeit gönnt.
So entsteht ein unverfälschtes Panorama dessen, was viele tausend Menschen mit dem Buchjahr 2023 verbinden.
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Die eigentliche Wahl

Erst aus diesen Listen wird dann der eigentliche Award generiert, in der nächsten Runde, für die Skoutz wieder nur Technik und Rahmen bietet, wählt eine wechselnde Jury ihre persönliche Favoriten, die für sie die Vielfalt in ihrer Kategorie angemessen ausdrücken.
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Und hieraus dann wählen alle gemeinsam die Bücher, die für Jury und Publikum das letzte Buchjahr repräsentieren. Also kann man erst ab der Midlist von einer (Aus-)Wahl sprechen.
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Skoutz und die Menschen, die dahinter stehen, nehmen zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf diese Entscheidungen! Wir moderieren und unterstützen operativ, mehr nicht. Wir stellen die Wahlergebnisse vor, aber wir wählen sie nicht aus. 
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Wenn Menschen KI-Bücher vorschlagen, wenn Menschen erlaubt KI verwenden, dann ist das deren Entscheidung. Wenn andere Menschen diese Bücher nicht lesen oder nicht wählen wollen, ist auch das eine Entscheidung. Sie alle prägen die Buchwelt 2024.
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Das wollten wir nicht verfälschen, unabhängig davon, ob es uns gefällt oder nicht. Und wenn wir nicht dokumentieren sollen, dass KI in erheblichem Maße in der Buchwelt eingezogen ist, weil das „rückgratlos“ und „verbrecherisch“ ist, lassen wir den Skoutz-Award in diesem Jahr schweren Herzens ausfallen.
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Zum „Aussortieren“: 

Wir sehen uns mit einem kleinem Team ehrenamtlich arbeitender Menschen aktuell weder technisch noch organisatorisch in der Lage, zuverlässig zu erkennen, ob, wo und in welchem Umfang in den uns vorgestellten Werken KI-Technik zum Einsatz kam. Wir sind überzeugt davon, dass die Werke, die KI-Einsatz offen ausweisen, im niedrigen einstelligen Prozentbereich der von KI betroffenen sind. Wenn wir KI sperren wollen, dann aber – schon um Heimlichkeit nicht zu belohnen – alle. 
Das ist weder „fadenscheinig“ noch „billig“, sondern einfach zu erklären: Es mag machbar im eigentlichen Wettbewerb sein, die tatsächlich nominierten Titel zu checken, ungeachtet der damit einhergehenden Fehlerquote, die nach unseren Informationen alle gängigen Checker speziell bei den Texten haben.
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Aber das gilt nicht in der Longlist, weil uns hier noch gar nicht alle Texte vorliegen. Wir können nur die erfragen, die in der engeren Wahl der Jury im eigentlichen Wettbewerb sind. Für alle anderen Optionen müssten wir den Ablauf gravierend umgestalten und das geht im laufenden Wettbewerb eben nicht.
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Zur oft zitierten Umfrage:

Da die von uns gestartete Umfrage zwar eine Mehrheit gefunden hat, dass KI von Wettbewerben ausgeschlossen werden sollte, aber gleichzeitig in der Diskussion offen zutage trat, dass es keine einheitliche Definition dessen gibt, ja noch nicht einmal einen Trend erkennen lässt, ab welchem Verwendungsgrad KI verboten sein sollte, ist dieses Votum zu relativieren.
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Zudem kamen vielfache Hinweise, dass wir doch nicht nachträglich die Regeln ändern dürfen. Ein Störgefühl, dem wir uns anschließen.
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Da wir also weder klären konnten, welche Art und welcher Grad von KI-Einsatz nun noch hinzunehmen ist, noch wie wir diese kontrollieren sollen, noch nachträglich Regeln ändern sollen, blieb nur die logische Entscheidung, die KI-Titel zuzulassen und den Wahlberechtigten die Wahl auch wirklich zu überlassen.
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Wenn ein Award mit KI-Beteiligung aber nicht vertretbar ist, bleibt nach diesem Start nur die Konsequenz, ihn auszusetzen.
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Wir danken an dieser Stelle vor allem der Jury, die mit uns sehr ruhig und überlegt die Möglichkeiten diskutiert hat. Aber wir umarmen auch all die Menschen, die sich für ihre Blogs und Bücher gefreut haben, die gerne dabei gewesen wären und uns Verständnis entgegen gebracht und mit uns konstruktiv nach Lösungen gesucht haben und suchen, damit es dann auch wieder weitergehen kann.
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Die über den Skoutz-Award 2024 angestoßene Diskussion um KI auf dem Buchmarkt ist aber wichtig und richtig

Auch wenn wir uns etwas mehr Sachlichkeit und Verständnis für uns gewünscht hätten, hier nochmals ein paar wesentliche Fakten aus der Diskussion:

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1.KI (Künstliche Intelligenz) ist unter uns.

Die Infografik zeigt, wo KI im Alltag bereits verwendet wird und wo sie eingesetzt werden könnteSie ist neben uns, zwischen uns und in den allermeisten unserer Werke. Sie bestimmt, was wir sehen, wann wir es sehen und in manchen Fällen auch, wie wir darauf reagieren. Man muss es nicht mögen, aber man muss es gegenwärtig akzeptieren. Das trifft auch auf den Buchmarkt zu.
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Cover werden mit KI-Unterstützung erstellt. Stockfotos werden mit KI-Unterstützung erstellt. Und die Quell-Bilder der Stockfotos werden auch mit KI-Unterstützung erstellt.
Bücher werden mit KI-Unterstützung übersetzt. Webseiten werden mit KI-Unterstützung übersetzt, oft ohne, dass es der User aktiv gewünscht hat.
Texte werden mit KI-Unterstützung recherchiert, geschrieben, überarbeitet, verbessert, oft ohne dass man sich dessen bei der Anwendung des Autotexts oder Programms überhaupt bewusst ist.
Durchaus lesenswert der Artikel des Europäischen Parlaments, in welchem Maße KI im Alltag angekommen ist und wie schwer es folglich wird,  Werke wirklich ohne KI zu schaffen.
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2.KI ist nicht sichtbar.

Man erkennt oftmals nicht, ob, wie und in welchem Umfang KI bei der Entstehung eines Werkes zum Einsatz kommt. Ohne Schulung und mit einem vertretbaren Aufwand schon gar nicht. Laien und sind in aller Regel überfordert. Ansätze wie Bots sind fehleranfällig und mit Schwächen. 
Natürlich sieht man, wenn ein Pferd sechs Beine hat. Wenn es nicht gerade um eine germanische Göttersage geht, darf man also misstrauisch sein. Ob alle Schatten stimmen, mag ein Indiz sein, das kann aber auch passieren, wenn man beim Coverdesign nicht sorgfältig arbeitet. Aber es ist schwierig und bei Texten wird es noch schwieriger. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch menschliche Intelligenz wirklich schlimme Texte erzeugt.
Ein Beitrag* hierzu von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, der Hilfestellungen für Lehrer gibt, aber schon für den überschaubaren Rahmen einer Klassenarbeit Grenzen setzt. 
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3.KI ist nicht verboten.

KI per se ist nicht verboten. Oftmals bestehen urheberrechtliche Bedenken, ob die jeweilige KI sich für diesen Zweck freigegebener Quellen bedient oder woher die Trainingsdaten stammen. Aber wie damit umzugehen ist, ist aktuell noch nicht entschieden.
Gesetzeskampagnen laufen (z.B. EU-Richtlinien-Verfahren*; Stellungnahme des Justizminsteriums vom März 2024, wonach KI zwar Urheberrechte verletzen kann, das aber im Einzelfall zu entscheiden ist, und IT-Kanzleien*, dass es reichlich legale Anwendungsbereiche gibt).
Gerichte sind – aufgrund geltender Beweisregeln – abwartend. Ob man sie persönlich nutzen will oder nicht, ist damit vorläufig eine individuelle Entscheidung, die in einer freiheitlichen und individualistischen Gesellschaft zu akzeptieren ist.
Es ist eine Entscheidung, die auch sehr uneinheitlich getroffen wird. Es ist eine Entscheidung, über die wir berichten wollten, eine Entwicklung, auf die wir aufmerksam machen wollten (das hat geklappt). Eine Entwicklung über die gestritten und gerungen wird, aber die wir niemanden abnehmen können.
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4. KI ist nicht klar definiert.

Im Laien-Sprachgebrauch wird heute schon jede etwas komplexere Excel-Tabelle als KI bezeichnet, wobei die Abgrenzung zwischen guten Formeln und generativer, sich selbst optimierender KI, wohl fließend sind. Es ist also bei einem Verbot zu berücksichtigen, dass
  1. es keine scharfen Trennung gibt
  2. wir von einer Technik sprechen, die stetig in Bewegung ist
  3. ein Laie – zu denen auch die Werk-Schaffenden zählen – schwer bis unmöglich beurteilen kann, ob ein Programm KI einsetzt und ob eine Zutat des eigenen Werkes womöglich mit KI geschaffen wurde.

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5.KI kann nicht ausgeschlossen werden

Aufgrund dieser Gründe, ist es gegenwärtig sinnlos, KI aus der Gesellschaft oder auch einem Wettbewerb wie unserem auszuschließen. Ein Verbot, das man weder kontrollieren noch durchsetzen kann, schließt nur die Ehrlichen aus – und die sollte man doch eigentlich schützen.
Selbst eine Erklärung dazu, ob in einem Werk KI enthalten ist oder nicht, hilft nicht weiter.
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Gründe:

  1. Außer dem Werk-Schaffenden (Coverdesign/Text) selbst kann niemand wissen, ob ein Werk KI enthält oder nicht. Auch Verlage können sich das ja ihrerseits wieder nur versichern lassen. Damit könnten aber nur noch diese auch ihre Werke zum Wettbewerb anmelden, der damit ein völlig anderes Gesicht bekäme. Das ist okay, aber bedarf der Vorbereitung. 
  2. Selbst der Urheber kann nicht sicher sagen, ob das Stockbild, dass für das Cover verwendet wurde, 100% KI-frei ist. Die Filter der Datenbanken arbeiten mit einer hohen Fehlerquote. 
  3. Wer fahrlässig oder vorsätzlich die Unwahrheit erklärt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erwischt werden, weil weder die technischen Möglichkeiten noch die Ressourcen bestehen, um hier einen zuverlässigen Check durchzuführen. Bloß, weil man viele erkennt, heißt es nicht, dass man alle gefunden hat. Und sind nicht gerade beim moralischen Ansatz des Verbots, jene „geheimen“ diejenigen, die man als erstes sperren sollte? 
  4. Selbst wer nach bestem Wissen erklärt, dass er ohne KI gearbeitet hat, kann genaugenommen nicht sicher sein. Denn war die Google-Recherche KI-gefüttert? Ist das Stockbild infiziert? Hat das Schreibprogramm generative Anteile? Jedes Update verändert die Welt.

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Wie gesagt, die Grenzen sind fließend und es gibt (noch) keine rechtsverbindliche Definition, noch nicht einmal eine gesellschaftliche, wieviel tolerabel ist. Damit aber wird die Abgrenzung schwer, eine Sperrung immer ungerecht.

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Wir leben in einem Rechtsstaat, in dem Freiheit garantiert wird, in dem erlaubt ist, was nicht verboten ist, und Verbote vom Staat kommen. Wenn man nun wie Skoutz, ein unverfälschtes Bild von einem Teil der Gesellschaft, der Buchwelt, abbilden möchte, wäre es unrichtig, hier einzugreifen, denn das wäre Manipulation. 
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6. KI erfordert Umdenken

KI ist da und wird nicht wieder verschwinden. In die Redaktion flattern jeden Tag wortwörtlich Dutzende von Angeboten, wie uns KI ganz bequem Artikel schreibet, wie sie Stellenanzeigen optimiert, Anzeigenkampagnen steuert, Bilder durch Zauberhand zum Artikel kommen und aus einem drögen Text eine hübsche Powerpoint-Präsentation wird. 
Wir alle, einzeln und als Gesellschaft, müssen nicht nur fordern, sondern gemeinsam umsetzen, wie wir mit KI künftig umgehen wollen. Dabei ist wie so oft Eigenverantwortung einerseits und eine gewisse Toleranz andererseits gefragt. Wer KI selbst nutzt, sollte es anderen nicht verbieten. Wer nicht weiß, wie man KI erkennen kann, sollte es von anderen nicht fordern. Und wer neben KI-Titeln verkauft, sollte nicht schimpfen, wenn er neben KI-Titeln gelistet ist. 
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Und wie geht es weiter?

Irgendwie. Aber sicher mit KI. Und viele sehen das – auch das muss uns klar sein – überwiegend positiv (z.B. Goethe-Institut*). 
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Es gibt Firmen, die bereits anbieten, aus dem digitalen Erbe Verstorbener Avatare zu genieren, damit den Hinterbliebenen das Familienmitglied erhalten bleibt. Wir werden in kürzester Zeit im Netz nicht mehr erkennen, ob eine Information menschen- oder maschinengeneriert ist.
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Die Möglichkeiten und Risiken überfordern das Vorstellungsvermögen und stellen alles infrage, was in unserer alten Welt als gesichert galt. Das macht vielen Angst. Uns auch. Darum verstehen wir auch grundsätzlich die Heftigkeit der Reaktionen. Aber es ändert nichts daran, dass wir unaufgeregt und mit Respekt gegenüber dem „echten Leben“ Methoden entwickeln müssen wie wir jeder für sich und wir als Gesellschaft mit diesem Umstand umgehen wollen, dass das, was wir wahrnehmen zunehmend unzuverlässig auch wahr ist.
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KI vs. MI

Unser Gehirn ist nicht auf eine solche Situation vorbereitet. Wir sind schon nicht in der Lage, ein „Nein“ zu verarbeiten. „Denkt nicht an ein grünes Auto!“ Unser auf Visuelles getrimmtes Hirn produziert sofort das Bild eines Wagens. Wir glauben, was wir sehen. Wir unterscheiden in der Erinnerung nicht, was wir virtuell oder real erleben. Darum weinen wir auch „in echt“, wenn ein Protagonist stirbt, und können „in echt“ nachts nicht schlafen, wenn der Thriller zu gruslig war.
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Buchmenschen wissen das ein wenig besser als der Rest der Welt. Aber Lösungen haben sie aktuell auch keine. 
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