zu Besuch bei Stella Delaney

Heute bin ich ins wundervolle Winterthur in die Schweiz gereist, um Stella Delaney zu besuchen. Weit muss ich dafür nicht fahren, denn wenn man es genau betrachtet, trennen uns nur die wilden Fluten des Bodensees – okay, eine Ländergrenze ist auch noch dabei, aber das war es dann fast auch schon. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich diese wundervolle Stadt, ihres Zeichens sogar sechstgrößte Stadt der Schweiz, noch nie zuvor persönlich besucht habe und das als Bodensee-Kind! Da ich weiß, dass die Schokolade in der Schweiz einfach unschlagbar gut ist, habe ich mich heute von der lieben Autorin auf eine Tasse Kaffee und ein paar typisch Schweizer Leckereien einladen lassen. Ich hoffe, dass ich dabei nicht das Wesentliche vergesse und doch noch ein paar Geheimnisse für euch lüften kann …

 

zu Besuch bei Stella Delaney, die in ihren teils düsteren und melancholischen Stories nie den Hoffnungsschimmer verliert …

 

Beschreibe dich in einem Wort!

unusual (ungewöhnlich)

Erwischt! Ohne Übersetzung wäre es nur ein Wort gewesen, Frau Lehrerin 🙂 

 

Strukturierter Planschreiber, Bandenmitglied oder kreativer Chaot – was ist dein Schreib-Erfolgs-Konzept?

Ich bewege ich mich da ziemlich genau in der Mitte – geordnetes Chaos, sozusagen.

Wobei eigentlich ein Widerspruch in sich selbst … 😉 Aber dennoch wüsste ich gern, wie sieht das bei dir aus? Wie organisierst du dich und wie läuft der Schreibprozess genau ab?

Wie viele Autoren habe meine ganz eigene Methode: am Anfang steht natürlich das Planen und Plotten, denn ich brauche  unbedingt ein gutes Gerüst, auf das ich aufbauen kann.

Ein stabiles Fundament sozusagen …

Ich muss sehen, dass meine Geschichte aufgeht; dass sie einen interessanten Anfang hat, ein passendes Ende, sowie viel Spannung und Drama dazwischen.

Und wie planst du? Am Rechner? Im Notizbuch?

Den groben Aufbau – eine Art „Ablaufplan“ der wichtigsten Szenen – erstelle ich erst mit Hilfe von Karteikarten, die ich auf dem Boden ausbreite und nach Bedarf hin- und herschiebe, dann am Computer in Form von Tabellen und Dateien. Außerdem recherchiere ich – falls nötig – wichtige Grundlagen, damit ich nicht nachher feststellen muss, dass der geplante Plot so gar nicht funktioniert.

Aber ich muss sagen, das klingt jetzt doch alles recht gut durchdacht und ich meine auch eine gewisse Ordnung darin zu erkennen *schiebt sich die Brille zurecht*

Als glühende Perfektionistin liebe ich diese Bauphase und verliere mich schon mal in Namenslisten, Bildersuchen und beim Durchklicken vielversprechender Links. Daher muss ich dann irgendwann den Schritt machen und drauflos schreiben, sonst verzettele ich mich und plane ewig weiter.

*lach* Stella, die Baumeisterin *stellt lieber das Kopfkino ab*

Beim Schreiben ist mir dann das erstellte Gerüst eine Orientierungshilfe, aber niemals ein absoluter, unumstößlicher Fahrplan. Denn plötzlich beginnt sich einiges zu formen und zu verändern. Szenen kommen hinzu oder werden gestrichen, Figuren entwickeln ein Eigenleben.

Hier kommt also das Chaos, besser gesagt die Kreativität ins Spiel …

Wenn mich die Geschichte einmal so richtig gepackt hat, dann lässt sie mich nicht mehr los. Mir kommen dann unter der Dusche oder im Bus auf dem Weg zur Arbeit neue Ideen, oder ich springe kurz vor dem Einschlafen nochmals aus dem Bett, um einen Plot-Twist oder ein lange gesuchtes Detail zu notieren. So geordnet mein System am Anfang gewirkt haben mag, jetzt ist es eher „ein bisschen hier, ein bisschen da“ – das Ganze entsteht erst nach und nach.

Nach und nach … wie darf ich mir das vorstellen?

Daher gehe ich beim Schreiben zwar grundsätzlich chronologisch vor, aber es kann sein, dass ich eine aktuelle Szene überspringe, wenn ich so gar nicht weiterkomme (mit Notizen wie: „Schlägerei einfügen“ oder „hier passiert dann etwas ganz Schlimmes“). Oder ich habe eine spätere Szene so deutlich und lebendig vor Augen, dass ich sie einfach sofort schreiben muss.
Wie gesagt, bei mir ist Schreiben ein kreatives, dynamisches Chaos – aber innerhalb gewisser Grenzen.

 

Welche Taste ist die am meisten abgenutzte auf deinem PC?

Da muss ich doch gleich mal nachsehen …

Na dann mal los … *schaut ihr interessiert hinterher*

*bringt Nase auf Höhe der Schreibtischplatte*

Und?

Die Leertaste. Gleich danach des E (ja, typisch) und das Y (ein kleiner Hinweis, dass ich auch oft und gerne auf Englisch schreibe).

Herrlich normal 🙂

 

Wenn eine Fee dir einen perfekten Autorentag anböte, wie sähe der aus?

Normalerweise reichen mir viel (Frei)Zeit, Inspiration, der passende Soundtrack und vielleicht eine gute Tasse Kaffee oder Tee zum Schreiben, aber wenn man schon mal ein solches Angebot von einer Fee bekommt, dann muss man das auch nutzen.

Ja, eben. Ich wollte gerade schon protestieren 🙂 Also …

Gerne einen Tag mit mindestens 48 Stunden, dazu keine Anrufe, keine Emails, keine Aufgaben, die schon seit langer Zeit erfüllt werden müssten und keine Probleme, um die meine Gedanken ständig kreisen müssen. Stattdessen gerne viel Inspiration, damit die Worte nur so fließen, und vielleicht einen Teleporter, damit ich zur Not meine beste Autorenkollegin Mika aus Berlin zu mir holen kann – zum Brainstormen (und für die Kaffee/Teepause).

Was hat dich bewegt, eine Anthologien herauszugeben?

Kurzgeschichten sind für mich „Romanhäppchen“ – große Geschichten in kleiner Form – und daher eine ganz besondere Herausforderung. Schon früh habe ich die Geschichtensammlungen von Stephen King geradezu verschlungen, und im Studium war das Gesamtwerk von Edgar Alan Poe eins meiner absoluten Highlights – weshalb auch die letzte Geschichte meiner Anthologie eine Hommage an diesen großartigen Schriftsteller ist.

Das verbindet uns! Ich bin auch ein Poe-Fan, niemand konnte mit so wenigen Worten so viel Atmosphäre zaubern. Deine Hommage will ich unbedingt lesen. Das klingt nach viel Gefühl.

Meine eigene Kurzgeschichtensammlung war daher für mich ein Herzensprojekt, und gleichzeitig auch eine Art Abschluss.

Inwiefern?

In den letzten zwei habe Jahren habe ich mich mit zahlreichen Geschichten an diversen Anthologien beteiligt, mit einer Autorengruppe Kurzkrimis veröffentlicht und bin sogar beim Kurzgeschichtenwettbewerb einer lokalen Zeitung unter die Besten gekommen.
Es waren zwei abwechslungsreiche, intensive und kreative Jahre, aber letztlich wollte ich mich wieder auf meine Romanprojekte konzentrieren, und habe daher zum Abschluss einige meiner besten Geschichten (und zwei ganz neue Texte) in einem Buch vereinigt.

Anthologien sind in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – relativ schwer an den Leser zu bekommen. Woran liegt das und woher nimmst du den Mut/die Kraft/die Sturheit, es trotzdem zu versuchen?

Das ist eine schwere Frage.

Ich bin nicht hier, um es dir bequem zu machen. Sorry. Aber sonst bin ich ganz lieb.

Ich persönlich liebe Kurzgeschichten, höre aber oft von Lesern, dass sie einen Roman vorziehen, um mehr Zeit mit den Figuren und der Geschichte verbringen zu können. Andere Leser bemängeln, dass in Kurzgeschichten oft viele Fragen offen und die Vorgeschichten im Dunklen bleiben. Es scheint also daran zu liegen, dass deutsche Leser gerne tief in die Geschichtenwelt eintauchen, ein inniges Verhältnis zu den Figuren entwickeln und so viel wie nur möglich erfahren möchten – eigentlich eine tolle Leseeinstellung.

Der deutsche Leser ist also treu. Das klingt doch hübsch. Kann ich für mich sogar bestätigen. Wobei ich ab und an, so einen literarischen Quickie durchaus schätze. Meinst du, es braucht eigentlich gar keine Shorties mehr?

Doch! Ich finde es trotzdem wichtig, dass weiterhin auch Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht werden. Und nur Anthologien bieten die Möglichkeit, ganz verschiedene Geschichten, Autoren und Erzählerstimmen kennenzulernen, und ein Thema aus verschiedenen, vielleicht auch überraschenden Perspektiven zu betrachten.

Stimmt. Das hat deine Mitbewerberin um den Antho-Skoutz, Grit Richter, so ähnlich auch gesagt. Ich persönlich finde, Kurzgeschichten sind auf ihre Weise eigen und schwer vergleichbar. Durch die Kürze sind sie viel intensiver, betonter, eindringlicher. Aber das schließt sich auch nicht aus.

Bei einigen meiner eigenen Kurzgeschichten handelt es sich außerdem um Outtakes aus Romanprojekten – der Leser kann sie sozusagen als „Kostprobe“/Teaser sehe – oder als Gelegenheit, mich und meinen Schreibstil mal ganz unverbindlich kennenzulernen.

Das mache ich meist dann, wenn ich wieder mit der Deadline für eine Anthologie böse zu kollidieren drohe. André Skora, unser Anthologien-Liebhaber Nummer 1 weiß da ein Klagelied zu singen… Noch ein Mitbewerber übrigens.

Woher kommen die Ideen zu deinen Geschichten? (statt: Wie wählst du die Geschichten aus?)

In diesem Zusammenhang gefällt mir immer das im englischsprachigen Raum weit verbreitete Bild vom ‚Plot Bunny‘ ein – eine Idee, die einem plötzlich vor die Füße hoppelt und einen nicht mehr loslässt.

Die haben sich auch unter deutschsprachigen Autoren schon ziemlich breit gemacht, und das schon länger. Quer durch alle Genres … Aber womit lockst du dann deine Bunnys an?

Mich inspiriert grundsätzlich alles: persönlichen Erlebnisse, aktuelle Ereignisse, andere Geschichten – egal ob Romane, Filme oder Computerspiele – Bilder oder Musik.

Du gehörst also auch zu den Autoren, die keine Schicksalsschläge erleiden, sondern Feldstudien betreiben. 🙂
Wie kamst du zum Beispiel zu deiner Anthologie?

Die Idee für eine meiner Anthologiegeschichten entstand zum Beispiel, als ich bei einer langen Autofahrt das Lied „Born to Die“ von Lana del Rey hörte und plötzlich ein ganz bestimmtes Bild im Kopf hatte – ein Steinboden, rote Blätter, ein Liebespaar …
Und die Ausgangssituation einer anderen Gesichte kam daher, dass mir meine beste Freundin am Telefon von einem seltsamen Vorfall erzählte: wenige Tage, nachdem sie in ihre neue Wohnung gezogen war, fand sie plötzlich einen Karton mit ganz unterschiedlichen Dingen vor ihrer Türe, von denen sie bis heute nicht weiß, wer sie dorthin gestellt hat und warum.

Okay. Und abgesehen von so inspirierenden Erlebnissen …

Wie viel Autobiografie steckt in deinen Geschichten?

Es gibt da ein Zitat, dass mir einmal im Studium begegnet ist, und von dem ich leider nicht mehr weiß, von wem es stammt – oder ob ich es überhaupt richtig wiedergebe: „Alle meine Figuren sind ich, aber ich bin keine meiner Figuren.“ Ich interpretiere das auf jeden Fall so, dass in jeder meiner Figuren etwas von mir steckt – und sei es eine Eigenschaft, die mich persönlich zur Weißglut treibt – aber das keine Figur vollkommen ‚ich‘ ist.

Das ist eine wunderschöne Definition! Die gefällt mir!

Daher findet auch in allen meinen Geschichten etwas von mir, selbst wenn keine davon im strengen Wortsinn autobiographisch ist. Manchmal sind es kleine Details, manchmal große Emotionen. Es gibt zum Beispiel eine Kurzgeschichte, die ich seit der Veröffentlichung nicht mehr lesen kann – weil ich darin Gefühle und einen Verlust verarbeitet habe, die mich heute noch beschäftigen.

Was ist dein Geheimrezept, um die Muse anzulocken und Schreibblockaden (große und kleine) zu überwinden?

Mein Geheimtipp ist Musik. Ich sammle Lieder und Stücke, die mich inspirieren in Soundtracklisten, eine für jedes Schreibprojekt (ja, sogar für Kurzgeschichten). Wenn ich bei einer Szene nicht weiterkomme, stehe ich vom Schreibtisch auf, stelle ein passendes Lied an und visualisiere die Szene vor meinem inneren Auge. Dann lasse ich sie wieder und wieder ablaufen – wie ein Regisseur, der die Schauspieler so lange wiederholen (und improvisieren) lässt, bis alles perfekt wirkt – oder zumindest einigermaßen stimmig.

Ich hatte letztens erst ein Interview mit dem Horror-Autor Wolfgang Brunner … Also Autor von Horrorgeschichten. Wolfgang ist großartig … der hält das ähnlich und ist auch sehr für eine Verbindung von Musik und Text.

Welchen Anteil hat das reine Schreiben im Autorenjob und was gehört noch dazu?

Leider hat das Schreiben in meinem Leben einen eher kleinen Anteil. Ich arbeite 80%, mit Arbeitszeiten, die nicht wirklich fix sind, je nachdem, was grade ansteht. Daher wird es sehr schwer, neben dem eigentlichen Schreiben noch andere Tätigkeiten, wie z.B. Marketing, unterzubringen. Zwar bin ich auf Twitter und Facebook unterwegs und habe auch eine eigene Webseite, das aber eher ‚nebenbei‘ und aus Spaß am Kontakt mit Lesern und anderen Autoren, nicht als Teil einer ausgeklügelten Marketingstrategie.

Das ist dann wenigstens authentisch. 🙂 Und sonst?

Überarbeiten dauert bei mir fast länger als das Schreiben selbst. Ich bin wie schon einmal erwähnt eine schreckliche Perfektionistin – keine Angst, nur was meine eigenen Texte angeht – und nie wirklich 100% zufrieden. Irgendwann muss ich mich einfach zwingen aufhören, sonst gäbe es gar keine Geschichten von mir.

Aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass dagegen eine Deadline eine heilende Wirkung entfaltet. Und sonst?

Es gibt allerdings auch einige Arbeitsschritte auf dem Weg zum Buch, die ich mir gar nicht zutraue. Cover lasse ich zum Beispiel grundsätzlich anfertigen. Ein gutes Cover macht so unglaublich viel aus, daher finde ich, dass man die Gestaltung in die Hände eines Profis legen sollte. Das Cover zu „Staub und Regenbogensplitter“ stammt von Rica Aitzetmüller, und viele Besucher an der letzten Buch Berlin wurden allein durch ihre tolle Arbeit dazu animiert, mein Buch näher zu betrachten. Mein Traum wäre übrigens ein Cover von Alexander Kopainski – berechtigterweise oft „Covergott“ genannt – weil ich seinen Stil und seine Kreationen einfach unglaublich toll finde.

Mit Alexander hatten wir anlässlich seiner letztjährigen Nominierung ein schönes Gespräch. Ich kann dir versichern, seine Kunst ist käuflich 🙂  Das mit dem göttlichen Cover klappt bestimmt noch einmal.

Beim Buchsatz lasse ich mich ebenfalls gerne von einem Profi unterstützen – die Innengestaltung der Printversion meiner Anthologie hat Kim Leopold übernommen, und ich bin immer noch total begeistert, wie schön die Überschriften geworden

Wie steht es mit Live-Auftritten?

Ein besonderes Highlight, dass ich mir nicht nehmen lasse, sind immer die Besuche von Buchmessen. Jedes Jahr sind die Frankfurter Buchmesse, die Leipziger Buchmesse und die Buch Berlin fest eingeplant – bei der Buch Berlin bin ich auch mit eigenem Stand vertreten und freue mich über jeden Besucher, egal ob Leser, Autor oder neuer Bekannter.

Ja, wir von Skoutz sind auf alle Fälle in Frankfurt dabei und vielleicht schaffen wir es auch nach Berlin. Wir würden uns in jedem Fall wahnsinnig freuen, wenn du uns für ein Skoutz-Foto am Stand besuchst. 

Was macht für dich ein gutes Buch aus?

Als Leserin würde ich sagen: Ein gutes Buch braucht für mich unbedingt Spannung, ein Rätsel, das gelöst werden muss. Ich möchte, dass ich das Buch gar nicht mehr weglegen kann, weil ich wissen will, wie es ausgeht. Ein gutes Buch muss mich natürlich auch überraschen, aber gleichzeitig möchte ich mitraten. Also idealerweise ein Ende mit „Wow, das habe ich echt nicht kommen sehen – aber eigentlich hätte man es ahnen können, denn es passt ja alles zusammen“, und kein „Aha, der Mörder ist also dieser Unbekannte, der nie vorher erwähnt wurde“.

Hahaha, ich sehe schon, du bist eine Leserin der Whodunnit-Fraktion.

Ausserdem lebt ein Buch ganz wesentlich von den Figuren. Diese müssen entweder sympathisch oder interessant sein, so dass ich als Leser an ihrem Schicksal unbedingt teilhaben möchte und idealerweise so richtig ‚mitleide‘, wenn ihnen etwas Schlimmes wiederfährt.

Das ist auch mein Ansatz. Als Leser wie als Autorsind die Protagonisten Freunde, mit denen ich mein Leben teile. Wie fassen wir das jetzt also zusammen?

Ein gutes Buch hat entweder eine spannende Geschichte oder tolle Figuren, ein sehr gutes Buch hat beides.

Und wie gehst du mit deinem inneren Lektor um?

Bücher von anderen Autoren kann ich sehr gut ohne den inneren Lektor lesen – bei meinen eigenen Texten dagegen ist er unmöglich auszuschalten.

 

Welche Gefahren lauern im Alltag auf deine Manuskripte, was kann dich von deiner Geschichte trennen?

Lassen wir mal weg, dass ich oft nach einem langen Arbeitstag einfach zu müde zum Schreiben bin – das ist schließlich bei vielen Autoren so.

Wahrscheinlich. Aber die meisten geben es nicht zu. Wenn du das aber weglassen willst, was bleibt?

Ich bin Weltmeister der Prokrastination und kann mich mit allem vor dem Schreiben drücken, wenn es mal nicht so läuft, selbst mit dem Wohnungsputz.

Das ist wenigstens sinnvoll. Danach ist die Wohnung sauber!

Allerdings gibt es für mich ein „Trio Infernale“ der Dinge, die mich immer vom Schreiben abhalten können, egal wie motiviert und inspiriert ich grade bin.

Jetzt bin ich neugierig ..

Das Internet. Eine großartige Erfindung, die aber bestimmt nur existiert, um Autoren in Versuchung zu führen.

Unterschreibe ich sofort

Da gibt es so viele Möglichkeiten: man möchte nur schnell was auf dem eigenen Social Media Account posten und kommt auf zusätzliche Ideen („Oh, ich könnte doch noch schnell ein Bild zu diesem Zitat basteln …“), man findet eine wahnsinnig interessante Person und scrollt sich durch deren ganze Timeline, man will nur schnell eine PN beantworten und schreibt einen halben Roman, man will nur eben was nachschauen und klickt sich wie wild durch diverse Webseiten, weil immer mehr spannende Infos auftauchen … um nur ein paar Optionen zu nennen.

Oh ja! Und sonst?

Lange Telefonate. Mit meiner Schwester, mit Freunden oder Autorenkollegen – unter zwei Stunden läuft da gar nichts. Gerade mit meiner besten Freundin und Autorenkollegin Mika M. Krüger, die leider in Berlin lebt, könnte (und kann!) ich ganze Nachmittag am Telefon verbringen. Gut zum Plotten und für die Motivation, schlecht für den täglichen Wordcount.

Da wäre ich nun großzügig und würde das Fachgespräch mit der Kollegin zu Sekundärarbeiten im Autorenjob rechnen. Was ist Nummer drei?

Meine Katzen. Wenn man die so richtig entspannt auf dem Bett oder Sofa schlafen sieht, wird man gleich müde und Gedanken laufen viel langsamer. Die Versuchung ist groß, sich mit einem guten Buch oder auch einfach so dazu zu kuscheln. Oder wenn sie in den „Niedlichkeits Modus“ schalten und Streicheleinheiten fordern. Allein während der Beantwortung dieser Fragen musste ich schon drei Pausen einlegen (*streichelt Katze, die es sich neben dem warmen PC gemütlich gemacht hat*).

Es gibt Schlimmeres, als Katzen kraulen. Da passt aber jetzt die nächste Frage perfekt.

 

Und wenn du mal den Kopf freibekommen willst, womit beschäftigst du dich dann am Liebsten?

Ich gehe gerne raus in die Natur. Gleich hinter meinem Haus ist ein Bach, den man wunderbar entlanglaufen kann, dann kommen Felder und ein Wald.
Mein ultimativer „Kopf-frei“ Ort ist für mich der Strand in Bournemouth (England), auch und gerade bei trübem Wetter und Wind. Ich habe ein Jahr dort gelebt und verbringe auch heute noch gerne meine Ferien dort. Generell ist Großbritannien für mich ein unglaublich inspirierender und gleichzeitig entspannender Ort.

Wenn ich mir das Bild dieses Strandes so ansehe, verstehe ich das gut und bin ein kleines bisschen neidisch.

 

Bei welchem deiner Protagonisten würdest du den Beziehungsstatus mit dir als »schwierig« bezeichnen?

Hmmm… mit fast jedem gibt es einen Moment, an dem es schwierig wird.

Endlich mal wieder ein Autor, der das zugibt. Die anderen heucheln häufig „heile Welt“. So wie diese Eltern, die behaupten, sie würden nie an ihren Kindern verzweifeln. 🙂  Wie äußert sich dieses „schwierig“?

Entweder, weil sie – natürlich aus Plotgründen – etwas tun, für dass ich sie am liebsten schütteln und anschreien würde, oder weil ich ihnen etwas Furchtbares antun muss und schrecklich mitleide.

Aus Plotgründen? Meine Figuren scheinten einen Riesenspaß daran zu haben, meine wohlfeilen Plotpläne zu sabotieren. Hast du ein besonderes Sorgenkind?

Eine ganz besondere Position nimmt aber sicher Jaden ein, der Protagonist eines geplanten Dystopie-Projekts. Er hat von allem meinen Figuren den komplexesten und unabhängigsten Charakter. Für diejenigen, denen der Begriff ‚Alignment System‘ etwas sagt: chaotic neutral – und wie!

Haha, meine sind, egal, wie ich mich bemühe, sie anders anzulegen, im Herzen – und speziell, wenn es um meine Plots geht – chaotic reckless (evil wäre zu hart). Wie äußert sich das bei deinem Jaden?

Das ist einerseits unglaublich spannend und faszinierend, kann einen aber auch in den Wahnsinn treiben , wenn Jaden sich einfach weigert, etwas Plot-relevantes zu tun („Sowas mach ich sicher nicht! Überleg dir was anderes.“) oder plötzlich auf Ideen kommt, die alles über den Haufen werfen („Ungefährlich ist das sicher nicht, aber interessant …“).

 

Wie groß ist dein SUM (Stapel ungeschriebener Manuskripte) und wie gehst du mit ihm um?

Ich habe keinen Stapel, sondern einen Ordner auf meinem PC.

Lass ich auch gelten, wir verwenden den Begriff SuM in Anlehnung an den bei Lesern so gehassliebten SuB.

Da gibt es so viele Projekte, die ich gerne schreiben oder fertigstellen würde – zum Beispiel einen kompletten Krimi, der sich aus einer Kurzgeschichte entwickelt hat, eine Art Mystery/Romance Roman, der in meiner Lieblingsstadt London in verschiedenen Jahrhunderten spielt oder eine dystopische Trilogie. Letztere ist Jadens Geschichte, also werde ich sie irgendwann schreiben müssen, dafür wird mein anspruchsvollster Protagonist schon sorgen …

Ich mag Jaden. Wobei mich diese London-Zeitreise schon auch interessieren würde. Also …?

Hach, wenn ich nur schon davon erzähle, möchte ich am liebsten alles auf einmal umsetzen. Wo treffe ich nochmal diese Fee, die den perfekten Autorentag im Angebot hat?

Wir geben Bescheid, wenn wir ihre Konktaktdaten ergattern.

So many ideas, so little time! (Die Liste ist lang und meine Zeit leider so kurz …) Aus diesem Grund habe ich auch in den letzten zwei Jahren Kurzgeschichten und Kurzkrimis geschrieben und veröffentlicht – das geht schneller und man kann viele verschiedene Ideen in kurzer Zeit umsetzen.
Jetzt bin ich aber wieder zurück bei den Romanen und peile vorsichtig ein Buch pro Jahr an – mal sehen, ob mir das gelingt. Im Moment ist die Idee, klein anzufangen; der Kurzroman für dieses Jahr ist noch in Arbeit und eine Veröffentlichung zur Buch Berlin wäre mein Ziel. Bin allerdings selber gespannt, ob ich das schaffe.

Wir drücken dir – nicht ganz uneigennützig – die Daumen.

 

Was war dein emotionalstes Erlebnis beim Schreiben?

Ich bin generell ein sehr emotionaler Mensch und leide daher beim Schreiben ordentlich mit meinen Figuren mit.

Das hast du schon erwähnt … Gib mir Details!

Die emotionalsten Erlebnisse als Autor fanden allerdings für mich außerhalb des Schreibens statt. Für mich ist jeder Kontakt mit Lesern ein tolles Erlebnis; jede Lesung, jeder Besuch bei mir am Stand (LBM, Buch Berlin), jedes Gespräch, jede Signatur. Es hat für mich immer noch etwas Unwirkliches, als Autorin wahrgenommen und geschätzt zu werden, und es macht mich wahnsinnig glücklich.

Ein besonderes Highlight war auch meine Midlist Nomination für den Skoutz Award. Ganz einfach, weil es für mich eine ungeheure Überraschung war, von der ich erst an der LBM durch meine Coverdesignerin erfahren habe und die ich – typisch für mich – erst mal so gar nicht begreifen konnte. Nominiert? Ich? Wirklich?

Unseren Preis gibt es nun schon drei Jahre und es sind viele tolle Autoren in den Listen. Das ist gewiss ein Kompliment. Wir hoffen, dass wir dich ganz und gar skoutzifiziert haben und dich on- und offline bei uns noch oft begrüßen dürfen.

 

Wie definierst du Erfolg?

Klar sind hohe Verkaufszahlen, ein gutes Ranking, eine Nomination oder sogar ein Preis großartige Anerkennungen – nachdem ich von meiner Midlist Nominierung erfahren habe, bin ich quasi über die LBM geschwebt.

Das klingt nach einem „aber“?

Trotzdem ist für mich Erfolg etwas anderes; nämlich, wenn es mir gelingt, einige – oder besser gar viele – Leser mit meinen Geschichten anzusprechen. Wenn sie sich darin wiederfinden, noch lange darüber nachdenken oder einfach in der anderen Welt versinken können, dann ist das für mich der größte Erfolg, den man als Schriftsteller haben kann.
Das schönste Kompliment wäre daher eine Aussage in dies Richtung oder generell ein Kompliment für meine Figuren.

Wir sind gerne bereit, ein solches auszusprechen… warte nur bis zum Schluss dieses Artikels.

Gutes Stichwort …

 

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Autoreninterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

„Kannst du vom Schreiben leben?“ wäre natürlich ein Traum.

Im Moment bin ich bescheiden; mir würde schon „Ist das Manuskript für den neuen Roman fertig geworden?“ reichen. Oder natürlich „Freust du dich über deine Shortlistplatzierung beim Skoutz Award 2018?“ 😉

Liebe Stella, es war sicherlich eines der längsten unserer Interviews, aber ich habe es sehr genossen und drücke dir wirklich ganz fest die Daumen, dass du weiterkommst und wir dann auf der Skoutz-Award-Night in Frankfurt auf den Antho-Skoutz anstoßen können.

 

 

Mehr von Stella Delaney könnt ihr hier erfahren:

 

Skoutz-Lesetipp:

Finstere Abgründe: teilweise tödlich Bd. 3 – spannende Kurzkrimis von Michael Kracht (Hrsg.)

Nichts ist so, wie es scheint, und Saturn dient als Mittel zum Zweck. Dem Morgenmuffel fällt seine Miesepetrigkeit buchstäblich auf die Füße, während ein Sturmtief Ungeahntes aufdeckt. Ein geheimnisvoller Beobachter amüsiert sich beim Verlesen des letzten Willens, während ein Lied von Rio Reiser einem Mann für immer ein Trauma beschert. Freunde und Schrottpressen passen schlicht nicht zusammen. Eine Nachbarschaftswache fördert Überraschungen zutage, und eine Rache übende Tochter weckt die Geister der Vergangenheit in sich. In diesem Sinne vertrauen Sie Ihrem sprechenden Pferd und konsumieren Sie nur den besten Whiskey mit Ihren Liebsten.
Die Autoren laden Sie in ihrem dritten Sammelband zu einer Exkursion in finstere Abgründe ein. Folgen Sie ihnen?

Skoutz meint: Die Autorengruppe Tödlich präsentiert den bereits dritten Band ihrer Krimihäppchen, die garantiert nicht dick machen, aber Wartezeiten überbrücken, die Kaffeepause würzen und Ausreden liefern, wenn man einen Termin oder die nächste Haltestelle verpasst. Diesmal laden sie den Leser zu einer Exkursion in finstere Abgründe ein; und wie immer sind die Geschichten nur ‚teilweise tödlich‘, von skurril und witzig über klassisch-kriminalistisch bis düster und dystopisch ist für jeden Geschmack dabei.

 

Eine Leseprobe zu Stellas Kurzkrimi „Sommerfrost“ gibt es hier.

Wenn ihr euch selbst ein wenig Gänsehaut für Zwischendurch holen wollt, dann könnt ihr euch in einem der Buchshops oder direkt über diesen Affiliate-Link bei Amazon informieren.

Wer das Buch schon kennt, kann (und soll!) es auf Skoutz.net bewerten, damit  unsere Buchsuche besser werden kann (weiter).
Mit der Skoutz-Buchfieberkurve bewertet ihr mit fünf einfachen Klicks ein Buch anhand von fünf Kriterien statt fünf Sternen. Auf einen Blick seht ihr dann, wie das Buch wirklich ist. So schön kann Bücher suchen sein.

 

 

Hinweis:

„Staub und Regenbogensplitter: 13 dunkelbunte Geschichten“ ist eine ca. 160 Seiten lange, im November 2017 von Stella Delaney im Selbstverlag herausgegebene Geschichtensammlung über die dunklen Facetten des Lebens – und all seine Farben.

Herausgekommen ist Soloprojekt, das mit seinen ungewöhnlichen Texten unserem Skoutz Juror Thorsten Küper so gefallen, dass es aus über 200 Titeln der Longlist Anthologie einen der begehrten Midlist-Plätze gab.

 

 

 

 

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