Zu Besuch bei Ian Cushing

Um Ian Cushing zu treffen, muss ich mit dem Skoutz-Kauz nicht nach Baltimore reisen, wo der Autor vor einigen Jahren geboren wurde, sondern ins schöne Südniedersachsen. Ich bin schon sehr gespannt, was mich bei ihm alles erwarten wird. Um meine Neugier ein wenig zu stillen und mich auf das Interview vorzubereiten, habe ich natürlich schon mal ein bisschen recherchiert. Dabei habe ich herausgefunden, dass er einen ziemlich erlesenen Lesegeschmack hat. Neben Stephen King zählen auch Edgar Allan Poe, H.P. Lovecraft, Sir Arthur Conan Doyle, Charles Bukowski, aber auch Hermann Hesse, Albert Camus oder Jean-Paul Sartre zu seinen Lieblingsautoren. Mal sehen, welche Details ich ihm mit meinen Fragen noch so entlocken kann …

zu Besuch bei Ian Cushing, der nach Dinosauriern für den Weltfrieden verlangt …

 

Wie würdest du dich in einem Wort beschreiben?

Verzeiht, aber das ist unmöglich für mich.

Ach, da gibt es doch nichts zu verzeihen. Im Gegenteil, ich bin neugierig, was du mir stattdessen antwortest. Also, wie würdest du dich beschreiben? Ohne Wortanzahlbegrenzung 🙂

Je nach Tagesform und Stimmung könnte hier jetzt stehen: knuddelig, angefressen, nachdenklich, blödsinnig, feige, mutig, hungrig, satt, überfordert, unterfordert, lustig, traurig.

Sucht euch einfach was aus, was gerade zu euch passt. Verdammt, bereits an der ersten Aufgabe gescheitert … wo soll das noch hinführen?

Ich glaube, es wird ziemlich interessant. Außerdem ist das hier doch kein Test 🙂

 

Beruf oder Berufung – was macht dir an deinem Job als Autor am meisten Spaß? 

Am meisten Spaß macht mir natürlich das Schreiben an sich und wenn aus einer fixen Idee eine Geschichte entsteht. Das Eintauchen in die selbsterfundene Welt, in die Köpfe und Seelen der Figuren und das Spazieren durch den Welten, die man erfindet, hat durchaus etwas von Magie für mich.

Das klingt, so schön du das auch formuliert hast, nach einem Aber …

Aber leider macht dieser wundervolle kreative Prozess nur einen kleinen Teil des Hobbys aus. 

Wohl wahr …

 

Wann hast du dein erstes Buch veröffentlicht und wie lange hast du daran geschrieben?

Das erste Buch “Fünf Minuten” habe ich im Juni 2017 veröffentlicht.

Wie lange hast du dafür gebraucht?

Es war das Tagebuch eines namenlosen Protagonisten, und ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich daran geschrieben habe. Aber ich weiß, dass es sich quasi von selbst erzählt hat und in einer sehr kurzen Zeit entstanden ist. 

Klingt, als hätte die Story zu Papier gebracht werden wollen …

Ich möchte noch anmerken, dass “Fünf Minuten” später ein wichtiger Bestandteil von “In Ewigkeit” wurde, darin enthalten und somit nicht mehr separat erhältlich ist.

 

Wie läuft ein typischer Tag als Autor bei dir ab?

Ich bin wohl die Routine  – aka Langeweile – in Person. Unter der Woche gehe ich nach der Arbeit meist noch ein, zwei Stunden schreiben oder was auch immer so anfällt. An den Wochenenden geht es nach dem Frühstück in mein Schreibzimmer und ich versuche, tagsüber zu schreiben wie es die Tagesform zulässt. 

Und dann schreibst du konzentriert drauflos?

Nicht unbedingt. Oft sind es aber auch andere Aufgaben, wie Layouten, Planen, Recherchieren, aber auch die soziale Kontaktpflege oder niedliche Tiervideos, mit denen ich diese Stunden fülle, denn ich gehöre (leider) zu denen, die nicht auf Knopfdruck schreiben können. 

*grins* Ich muss gestehen, ich hätte nicht erwartet, dass du zur Fraktion Niedliche-Katzenvideo-Prokrastinierer gehörst … Sehr charmant …

 

Das Jahr 2020 stellt uns alle vor neue Herausforderungen. Wie sehr beeinflusst Corona deinen Schreiballtag?

Das ist recht einfach zu beantworten: Corona beeinflusst meinen Schreiballtag kaum.

Kaum ist relativ. Kannst du mir das ein wenig genauer ausführen?

Lediglich die Kontaktbeschränkungen sorgen dafür, dass ich am Wochenende noch mehr Zeit habe zu schreiben, da die anderen Aktivitäten momentan wegfallen. 

Oder Tiervideos zu schauen … Entschuldige, das war gemein 😉 Bitte erzähl weiter …

Geändert hat sich für mich als Autor schlicht und ergreifend gar nichts. Ich wäre z.B. nicht auf den Buchmessen präsent gewesen, die leider abgesagt werden mussten, und daher auch nur indirekt betroffen. Aber vielleicht hat ja der eine oder die andere in der Zeit mein Buch gehamstert und strenggenommen wäre das ja sogar ein positiver Effekt. 

 

Kreativ oder doch eher regeltreu? Wie flexibel bist du beim Schreiben? 

Wenn “regeltreu” bedeutet, dass wir den Ratgeber “Wie schreibe ich einen Bestseller, der allen gefällt” lesen und dann ganz “kreativ” loslegen, möchte ich als Autor nichts damit zu tun haben. “Regeltreu” finde ich in den Bestsellerlisten genug und das ist auch gut so. 

Und was trifft auf dich zu?

Als ich angefangen habe zu schreiben, war nicht mein Ziel, als Autor Regeln zu befolgen und “den Markt” zu bedienen. Natürlich gibt es allgemeingültige Regeln, die man auf ganz natürliche Weise befolgt, aber die sollten niemals die Kreativität und die Umsetzung der Geschichten beeinflussen. 

Ich möchte nicht, dass die Antwort missverstanden wird oder überheblich klingt, denn es ist wirklich schwer, ein gutes Buch (was immer das für jeden einzelnen Leser bedeutet) zu schreiben, aber die intensivsten Leseerlebnisse habe ich, wenn die Autoren mit Regeln und Konventionen brechen, sich ausleben, ihre Gedanken, Fantasien und Emotionen tanzen lassen. Oder ganz einfach: anders sind. Oder noch besser: sie selbst sind.

Da stimme ich dir absolut zu und viele große Klassiker sind nur solche geworden, eben weil sie auch mal mit den Regeln gebrochen haben. Wie sieht es mit der Flexibilität aus?

Flexibel muss ein Autor eindeutig sein, denn jede Geschichte fordert ihn heraus. Sie verlangt von ihm, in einem bestimmten Stil und Ton und aus einer bestimmten Perspektive erzählt zu werden und darauf muss man sich einlassen, sonst verschwindet sie wieder. 

 

Welches war dein erstes selbstgelesenes Buch? Und hast du es heute noch?

Früher habe ich sehr viel gelesen (wir hatten ja sonst nichts!), …

*schmunzel*

… aber an das erste Buch kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Dennoch gibt es ein sehr wichtiges Buch für mich, welches mich in der Kindheit sehr geprägt hat.

Verrätst du mir, welches?

Es war ein Band von Wilhelm Busch, in dem natürlich seine bekannten Bildergeschichten, aber auch Texte zu finden waren. Selbstverständlich ergötzte ich mich als kleiner Steppke ausschließlich an den Bildergeschichten. 

Steht das Buch heute noch in deinem Regal?

Das Buch gehörte meinen Großeltern und ich schmökerte immer darin, wenn ich bei ihnen war. Lange Zeit später habe ich meine Oma nach dem Buch gefragt, aber sie vermutete, dass es vor Jahren bei einem Hochwasser zerstört worden wäre, da sie es seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Umso größer war meine Freude, als sie mir eines Tages freudestrahlend dieses Buch geschenkt hat, weil es eben nicht im Hochwasser abhandengekommen war, sondern sich auf dem Dachboden versteckt hatte. Kluges Buch! 

 

Stell dir vor, du könntest eine beliebige Figur aus einem Buch zum Essen treffen. Was würde passieren? 

Ich würde Harry Haller zum Essen einladen.

“Der Steppenwolf” von Hermann Hesse also. Was würdest du mit ihm erleben wollen?

Vermutlich kehren wir im Restaurant Zum Schwarzen Adler ein und würden bei gutem Essen, Bier und Wein über das Menschsein sprechen. Mich interessiert, wie es ihm danach ergangen ist; ob die Lektion nachhaltig war; wie er jetzt mit dem Leben zurechtkommt und was er mir für weitere Ratschläge geben würde. 

Klingt spannend …

Mit ein wenig Glück nimmt er mich vielleicht sogar zum Abschluss des Tages in das Magische Theater mit. Der Eintritt ist nicht für jedermann, sondern nur für Verrückte und kostet den Verstand. Voraussetzungen, die ich erfülle und ein Preis, den ich bereit bin zu zahlen. 

Auf welche Frage hattest du in letzter Zeit keine Antwort und hast du sie finden können?

Neue Erkenntnisse haben mich in letzter Zeit eigentlich nicht ereilt, aber ich muss mir manche Dinge immer wieder bewusstmachen. 

Zum Beispiel?

Wenn man so viel Glück mit seinem Hobby hat wie ich, verändert sich der Fokus ganz unweigerlich, und man muss ab und zu anhalten, um den inneren Kompass neu zu justieren. Warum schreibe ich? Wer bin ich? Wo will ich hin? Für wen schreibe ich und wie gesund ist es, wenn ich mir über eventuelle Erwartungen anderer Gedanken mache? 

Und?

Ich muss mir die (durchaus bekannten) Antworten auf diese Fragen alle paar Monate wieder selbst geben, weil sie durch das Drumherum manchmal verschüttet werden. 

Ist das nicht bei vielen klugen Antworten so? Dass man sie sich immer wieder neu erdenken muss?

Wie oft schaust du täglich auf dein Handy?

Viel zu oft.

Das ist immer relativ. Was heißt das genau?

Dieses Ding ist an meiner Hand scheinbar festgewachsen. Ich versuche es tatsächlich momentan zu reduzieren, aber dieses kleine Gerät hat das Leben so kompakt gemacht, dass ich gar nicht mehr ohne kann. Ich bemühe mich, die Abstände größer werden zu lassen, um die Sucht und den Informationsoverkill in den Griff zu bekommen.

 

Was darf in deinem Kühlschrank niemals fehlen?

Mein allabendlicher Joghurt oder Schokopudding, der mir die gemütlichen Stunden auf der Couch versüßt.

Oh, das klingt ja fast nach einem festen Ritual. Gibt es noch etwas, das nicht fehlen sollte?

Es kann auch nicht schaden, wenn man stets ein kühles Bier griffbereit hat. 

 

Für welche drei Dinge in deinem Leben bist du am dankbarsten?

Für meine Frau, Familie und Freunde.

Ich bin sehr dankbar, dass Karmazid sich immer wieder bereit erklärt, für die Cover meiner Bücher den Stift zu schwingen. Durch seine Kunst werden meine Visionen erst vervollständigt. 

Und zu guter Letzt natürlich, dass ich den Mut hatte, mit meinen Büchern an die Öffentlichkeit zu gehen und durch die Leser, Blogger und Kollegen so viel positives Feedback erfahren durfte. 

 

Zeitreisen – ein spannendes Mysterium. Bei welchem historischen Ereignis wärst du gern dabei gewesen und warum?

Ganz spontan würde ich sagen: Beamt mich nach San Francisco und lasst mich dort am 07. März 1967 landen.

Ein präzises Datum. Jetzt bin ich natürlich neugierig, was du dort erleben möchtest …

Dann pilgere ich in den Club The Matrix und schau mir die drei Shows von The Doors an. Sie hatten im Januar des Jahres ihre erste Single (“Break on through”) veröffentlicht und der Durchbruch war noch nicht geschafft. Aber sie waren so unglaublich gut … wild, frei, poetisch und virtuos. Eine geniale Band. 

Absolut …

Sollte eure Zeitmaschine nach der Landung defekt sein, wäre ich nicht allzu traurig, denn die Band spielte einige Tage in Folge in in dem Ort und ich denke, ich könnte es eine Woche lang in San Francisco bei Milchshakes und Burgern und aufregender Musik ziemlich gut aushalten

Joa. Nachdem du offenbar Doors-Experte bist, passt die nächste Frage ja perfekt …

 

Über welches Thema könntest du eine 30-minütige Präsentation halten, ohne jede Vorbereitung?

Also, ich kann aus dem Stegreif eine 90-minütige Präsentation über The Doors halten, ohne mich vorbereiten zu müssen.

Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mitgebracht … 

60 Minuten fülle ich ohne Probleme mit Einblicken, Hintergründen und Anekdoten aus dem Selfpublishing und wie es wirklich ist, wenn man auf eigene Faust ein Buch veröffentlicht. Natürlich ist dieser Vortrag rein subjektiv und persönlich und dürfte eine tragikomische Veranstaltung werden.

Und wenn du dich wirklich auf eine halbe Stunde beschränken musst? 

Den gewünschten 30-minütigen Monolog halte ich über Dino Buzzati und warum ich denke, dass er ein vollkommen unterbewerteter Autor zu sein scheint. Das 10-minütige, emotionale Schlussplädoyer wird sich ausschließlich mit dem Aufruf beschäftigen, dass sich endlich mal ein Verlag um das Gesamtwerk des Autors kümmern sollte.

 Wir buchen dich mal für einen Workshop! Das klingt unterhaltsam.

 

Was würdest du rückwirkend ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Persönlich?

Ja.

Nichts! Alles, was in meinem Leben geschehen ist (ob gut oder schlecht), hat mich zu diesem Moment geführt, an dem ich für den Skoutz-Award ein Interview führen darf, Bücher veröffentlicht habe und veröffentlichen werde, Menschen gefunden habe, die mein Leben bereichern.

Oh, danke, wir fühlen uns geehrt *rot werd* Ich freue mich auch, mit dir plaudern zu dürfen.

Historisch gesehen? Ich hätte die Dinosaurier nicht aussterben lassen. Wäre doch spannend zu sehen, wie sich alles entwickelt hätte, wenn die Menschheit sich mit einer kräftigeren Spezies arrangieren müsste. Huch! Habe ich gerade eine Idee für eine Geschichte gehabt?

Vielleicht. Klingt aber echt spannend …

 

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Weiterhin so aufgeschlossene und ehrliche Leser, die meinen Weg zu einem gemeinsamen Weg verwandeln. Gesundheit. Mehr bunt und weniger grau.

Das wünsche ich dir auch. Vielen Dank, lieber Ian Cushing, dass du dir die Zeit genommen hast, mich zu treffen und all meine Fragen zu beantworten. Es war wirklich toll mit dir und ich würde mich freuen, wenn wir mal wieder so nett plaudern könnten. Deinem Roman wünsche ich für den weiteren Wettbewerb viel Erfolg.

 

Mehr über Ian Cushing und seine Bücher erfahrt ihr auf:

 

Skoutz-Lesetipp:

In Ewigkeit – okkulter Psychothriller von Ian Cushing

Nach einem Neuanfang in seinem Leben verliert er plötzlich alles, was für ihn noch Bedeutung hat. Inmitten dieses emotionalen Chaos hat er ein phantastisches Erlebnis, aber besitzt er tatsächlich als einziger Mensch das Wissen um das letzte große Geheimnis oder ist es nur ein Traum?

“Falls Sie mir Glauben schenken, vermag ich nicht weniger zu erreichen, als dass Ihre Seelen in Ewigkeit gerettet werden.”

Skoutz meint: Ein grandioses Buch, dass dem Mainstream den Kampf ansagt und in seiner Direktheit überzeugt. Ian Cushing erzählt mit seinem regelrecht virtuosen Schreibstil eine Geschichte, die unter die Haut geht und definitiv nachwirkt. Seine Figuren sind authentisch, lebendig und durch ihre Eigenheiten herrlich anders. Doch nicht nur die Charaktere überzeugen. Der Autor verpackt tiefgründige, philosophische Gedanken in eine überaus unterhaltsame und mitreißende Story, die man nicht mehr zur Seite legen möchte. Wir wollen definitiv mehr aus seiner Feder lesen!

 

 

Hinweis:

Die Träne der Zauberschen - Ian CushingAlte Schuld und neue Rache – dieses Thema eignet sich stets für Horrorromane. Kein Wunder, werden damit auch spannende ethische Fragen aufgeworfen. Diese historische Komponente, die Grausamkeit alter Zeiten, die unserer weichgebetteten Wohlstandskultur natürlich wie Horror erscheinen, bereichert das Genre.

Die Träne der Zauberschen ist ein wundervolles Beispiel dafür, wie kreativ damit umgegangen werden kann. Der Grusel dabei, die kleine Schwester des Horrors, ist ein wirkliches Leseerlebnis.

Horror-Spezialistin Mari März, hat sich unerschrocken den gut 200 Vorschlägen der Longlist Horror gestellt und aus den dunkelsten Ecken des Buchregals die 10 schrecklichsten, abgründigsten, furchterregendsten, düstersten und grausamsten Geschichten des letzten Jahres für den Horror -Skoutz herausgeholt, um sie in die Midlist Horror 2020 zu packen. Die Träne der Zauberschen von Ian Cushing spielt mit den leisen Tönen, arbeitet mit Gänsehaut statt Adrenalinschocks und bezaubert damit doch … Wir empfinden das im August 2019 von Autor Ian Cushing selbst über epubli herausgegebenen Buch jedenfalls als Bereicherung der diesjährigen Anwärter auf den Horror-Skoutz.

Mehr Informationen bekommt ihr wie immer in der ausführlichen Buchvorstellung. (Weiterlesen)

Schreibe einen Kommentar