Rückblende

Skoutz-Wiki: Rückblick – Rückblende und alles dazwischen

Die in unserer Facebook-Gruppe gestellte Frage, ob ihr Rückblenden in Büchern mögt, hat zu einer interessanten Diskussion geführt, bei der deutlich wurde, dass viele mit „Rückblende“ und „Rückblick“ zwei sehr verschiedene Dinge verbinden. Wobei die nur ähnlich klingenden Begriffe auch noch durcheinander gewürfelt werden.

Grund genug, das im ersten Skoutz-Wiki des Jahres einmal genauer anzuschauen:

Rückblick und Rückblende und der Unterschied daran

Der Unterschied in Kürze:

Das literarisch spannende Stilmittel ist die „Rückblende„, heute gerne auch „Flashback“ oder in gelehrten Kreisen „Analepse“ oder „Retrospektive“ genannt. Es geht dabei um die Darstellung von Ereignissen, die zeitlich vor dem bisher Erzählten liegen.

Ein „Rückblick“ hingegen wird gerne bei Serien verwendet, um den Leser „abzuholen“ und nahtlos anknüpfen zu können. Es handelt sich dabei um kurze Zusammenfassungen („Was bisher geschah“) oder wenigstens die Wiederholung von Schlüsselszenen, außerhalb der nachfolgenden Erzählung.

Der Unterschied besteht also, vereinfacht gesagt, darin, dass der Rückblick nicht in die aktuellen Ereignisse eingebettet ist, während die Rückblende Teil des jeweiligen Erzählflusses ist,

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Rückblick und Rückblende ausführlicher betrachtet:

Wir möchten euch in diesem Abschnitt ausführlich zeigen, wozu Rückblenden taugen. Wir machen das, weil Rückblenden oft falsch eingesetzt und mit einem Rückblick verwechselt werden. Und dieser zweite Satz war jetzt im Prinzip gleich eine Rückblende. 🙂

Rückblicke dienen in den meisten Fällen dazu, allzu viele, oft den Lesefluss störende Rückblenden zu vermeiden. Gerade bei aufeinander aufbauenden Serien ist es nach einer oft längeren Pause für Leser (oder auch Zuschauer) hilfreich, wenn man nochmal kurz wiederholen kann, was bisher geschah. Er ist aber nicht Teil der eigentlichen Geschichte, sondern steht außerhalb.

Spannender, weil auch technisch vielseitiger und anspruchsvoller, ist die in die Geschichte fest eingebettete Rückblende. Sie wird in der Literaturwissenschaft je nach ihrem Einsatz unterschieden.

Arten:

Da jedweder, noch so kleiner,  Zeitsprung in die Vergangenheit der eigentlichen Erzählzeit eine Rückblende darstellt, gibt es so gut wie keinen Text ohne Rückblende.

„Gestern war ich wieder in einem Lokal, in dem ich vor einem Jahr zum ersten Mal gewesen war.“ Da ist bereits der zweite Halbsatz eine Anachronie.  Das könnt ihr gut für eine Wette verwenden. 🙂

Daher ist die erste Unterscheidung nach dem Umfang:

Bei der partiellen Rückblende schließen sich Rückblende und Erzählhandlung nicht nahtlos aneinander an. Anders bei einer kompletten Analepse, bei der dem Leser die Gesamtgeschichte vollständig, aber eben nicht in chronologischer Reihenfolge präsentiert wird.

Dann unterscheidet man zwischen interner und externer Rückblende. Externe Rückblenden berichten von einem Ereignis, das losgelöst von der Erzählhandlung ist.

Tonis Vater hatte viele Jahre in Afrika gelebt, was ihre Liebe für Elefanten erklärt. 

Die interne Rückblende hingegen bleibt innerhalb der Erzählhandlung, nicht aber in der chronologischen Reihenfolge.

In der Straße lebte neben Toni seit etwa zwei Jahren auch eine indische Familie, mit deren Kindern Toni regelmäßig spielte. 

Ein bekannteres Beispiel ist der Herr der Ringe, wenn Frodo in Bruchsal Gandalf trifft (Erzählgegenwart), der ihm dann von seiner Gefangennahme durch Saruman erzählt.

In den meisten Fällen greifen Erzähler zu Rückblenden, um mit einem spannenden Ereignis in eine Szene einsteigen zu können. Danach wird dann aufgeklärt, wie es zu der Situation gekommen ist. Das nennt man dann „aufbauende Rückblende„. Da das oft ganz zu Beginn der Geschichte verwendet wird, nennt man das oft auch „offenen Einstieg„.

Im umgekehrten Fall, bei einer „auflösenden Rückblende“ wird erst durch die Einführung der Vorgeschichte ein bestimmtes Verhalten oder Ereignis erklärt. Diese Methode wird gerne als überraschende Wendung, als Plot-Twist eingeführt. Besonders oft sieht man das bei Krimis.

 

Einsatzmöglichkeiten für Rückblenden

Kleinere oder größere Rückblenden werden häufig in Geschichten eingebunden, um handlungsrelevante Informationen nachzuliefern. Dieses Verfahren kann aber auch für den Text insgesamt angewendet werden, So etwa bei einem Krimi, wo das rätselhafte Ereignis am Beginn steht und man dann die Vorgeschichte dazu erzählt wird. Dass das auch außerhalb dieses Genres gut funktioniert, sieht man an der Fernseh-Serie mit dem selbsterklärenden Titel „How I met your mother“. Auch der Kino-Blockbuster „Titanic“ arbeitete mit diesem Kniff.
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Zweck von Rückblenden

Gut gemachte Rückblenden sind sehr unterhaltsam zu lesen, weil auch unser Verstand so reagiert, dass er sich anhand eines bestimmten Reizes an damit verbundene Ereignisse erinnert. Sie sind aber kein Allheilmittel, weil sie den Leser umgekehrt schnell auch verwirren oder – schlimmer noch! – langweilen.

Gut geeignet sind Rückblenden um

  • die Figuren, ihre Beziehungen, Verhaltensweisen und Motive zu verstehen
  • Überraschung oder Spannung zu schaffen
  • dem Leser wichtige Informationen zu einem Zeitpunkt zu geben, wo die Chancen hoch stehen, dass er sie sich merkt und richtig einsetzt
  • einen Text zu gliedern, eine Erzählordnung außerhalb der Erzählzeit zu verfolgen
    oder
  • einem Text mehr Komplexität und Struktur zu geben.
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Gestaltungsmöglichkeiten für eine Rückblende

Einfach mittenrein! Mit diesem wunderbar vielseitigen Stilmittel kann man seine Geschichte „medias in res“ (mitten in der Sache) beginnen und so von der ersten Seite an packen, weil man alles wichtige erst im Nachgang erklärt. Das hilft, Spannung aufzubauen und hochzuhalten, und den Leser für den nachgereichten Info-Teil zu interessieren.

Diese rückblendende Erklärung lässt sich gut mit folgenden Kniffen einführen:

  • Die Protagonisten unterhalten sich über vergangene Ereignisse
    so etwa in „Wer die Nachtigall stört“, wo sich zu Beginn die erwachsen gewordenen Protagonisten an die Ereignisse erinnern, die sich um den gebrochenen Arm des Jungen ranken.
  • Der Erzähler erinnert sich – z.B. anhand eines bestimmten Objekts – an vergangene Ereignisse (so weiß nur der Leser davon)
    „Der Fänger im Roggen“ leitet die Geschichte mit den eigenen Erinnerungen des Protagonisten ein.
  • Der Erzähler träumt (was den Vorteil hat, dass die Information rätselhaft bleiben kann und erst entschlüsselt werden muss)
  • Die Figuren erfahren über Briefe, Bücher oder andere Zeitdokumente von den vergangenen Ereignissen (hier würde eine echte Rückblende dann den Brief oder das Buch abdrucken, sodass der Leser wirklich den Eindruck hat, die damalige Zeit würde „eingeblendet“)
    So etwa Mr. Darcys Brief an Elisabeth in „Stolz und Vorurteil“.
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Bonuswissen (Klugscheiß-Modus)

Die Rückblende gehört zu den Stilmitteln der Anachronien, also Brüche in der zeitlichen Ereignisabfolge (Diskurs). Das Gegenteil zur Analepse ist die Prolepse („Vorgriff“ oder „Vorausschau“).

 

 

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