zu Besuch bei: Stefan Cernohuby (Jury 2018 Science Fiction)

 

 

 

.

Heute bin ich zu Besuch bei einem Autor, den ich schon gaaaaaanz lange auf meiner Freundesliste habe, aber trotzdem fachlich irgendwie nur wenig Berührung. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass er sich bereit erklärt hat, die diesjährige Jury für den Skoutz-Award in der Rubrik Science Fiction zu verstärken. Außerdem fahre ich immer gern nach Österreich und speziell nach Wien.

Zu Besuch bei Stefan Cernohuby,

dem Ufologen in der Jury für den Skoutz-Award 2018

 

Beschreibe dich in einem Wort!

Raumkrümmend.

Das ist ja bei einem Science Fiction-Experten sehr passend. Aber lass uns erst einmal über deinen Autorenalltag sprechen.

Strukturierter Planschreiber, Bandenmitglied oder kreativer Chaot – was ist dein Schreib-Erfolgs-Konzept?

Ich bin ein äußerst strukturierter Chaot.

Schließt sich das nicht gegenseitig aus? 🙂

Bei mir läuft alles mehrstufig ab. Ideen habe ich überall und ich notiere sie dort, wo ich gerade bin und mit den Mitteln, die ich habe. Das kann auf Papier, in meinem offiziellen Ideen-Buch (wenn ich es gerade dabeihabe), auf dem Smartphone oder an irgendeinem PC sein, an dem ich gerade sitze.

Dann habe ich eine Ordnerstruktur, in dem es einen Folder Ideen gibt. Der hat wieder Unterordner mit Exposés, Ideen, Kurzideen und Kürzestideen. Das reicht vom mehrseitigen Dokument bis zu einem einzelnen Satz.

Okay, ich beginne, zu verstehen. Und wie geht es weiter?

Wenn es um konkrete Schreibprojekte geht, gehe ich ebenfalls stufenweise vor. Kurzer Einfall, Formulierung, genauere Ausarbeitung und wenn ich die Muße dazu verspüre, wird der Entwurf umgesetzt. Bei spontanen Einfällen kann es auch vorkommen, dass ich ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte ohne jeden Plan sofort in einem Rutsch zu Papier bringe. Ich schreibe grundsätzlich allein – Anthologieprojekte setze ich aber gerne im Team um.

 

Welche Taste ist die am meisten abgenutzte auf deinem PC?

Eine witzige Frage.

Danke! Und?

Das hatte ich bisher noch nie überprüft. Aber wenn ich sie mir genau ansehe, ist es eindeutig das „N“.

 

Wenn eine Fee dir einen perfekten Autorentag anböte, wie sähe der aus?

Das wäre ein Tag, an dem ich ausschlafen könnte und wo ich am Vortag ausnahmsweise einmal zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett gegangen wäre. Wo ich dementsprechend energiegeladen aus den Federn springen und danach eine Runde Morgensport machen würde. Danach duschen, ausgiebig Frühstücken und dann an das aktuelle Schreibprojekt, ohne mich von vier oder fünf Nebenprojekten ablenken zu lassen. Der Rest des Tages würde sich dann ganz von selbst ergeben.

 

Wie viel Autobiografie steckt in deinen Geschichten?

Das ist sehr unterschiedlich.

Umso besser, denn das ist dann ja besonders spannend. Erzähle!

In einigen Protagonisten und Antagonisten stecken sicherlich Charakterzüge, die meinen ähneln. Und ich habe auch schon Nebencharaktere eingebunden, deren Ähnlichkeit mit lebenden Personen natürlich reiner Zufall ist.

Ja, das kennt wohl jeder Autor (also so ein kleines bisschen). Wer einen Autoren ärgert, muss damit rechnen, dass ihm in der nächsten Geschichte schlimme Dinge passieren.

Ansonsten steckt erstaunlich wenig meines eigenen Lebens in meinen Geschichten.

Das ist ja bei einem Science Fiction-Autor nicht ganz ungewöhnlich. Du schreibst ja über zukünftige Sachen.

 

Was ist dein Geheimrezept, um die Muse anzulocken und Schreibblockaden (große und kleine) zu überwinden?

Die Muse kommt am liebsten, wenn man schreibt, nicht umgekehrt.

So, wie die Sucht mit der Droge kommt, ja? Wie lockst du sie dann an?

Man setzt sich an die Tastatur und legt los. Manchmal mag sie nicht sonderlich motiviert sein, manchmal ist das, was man fabriziert nicht Goldes wert, aber hier ist es wichtig, am Ball zu bleiben. Da die Zeit, in der ich am Tag schreiben kann, stark beschränkt ist, bin ich froh, dass ich Schreibblockaden bisher erfolgreich fernhalten konnte.

Ich glaube, das dich darum viele, viele Kollegen beneiden! Ich höre immer wieder von Kollegen, die völlig verzweifeln, weil sie unter dem Veröffentlichungs-, Existenzdruck nicht schreiben können. Oder eben umgekehrt, solche, die Zeit und Lust hätten und dann an dem eigenen Anspruch, jetzt perfekt zu schreiben, so verkrampfen, dass sie scheitern. Von daher ist der Tipp, einfach zu schreiben, wahrscheinlich wirklich gut.

 

Welchen Anteil hat das reine Schreiben im Autorenjob und was gehört noch dazu?

Da ich sehr viele Schreibprojekte abwickle, bei denen weitere Autoren, Jurys und Co-Autoren involviert sind, würde ich sagen, dass das eigentliche Schreiben bei mir bei unter 30 Prozent des Zeitaufwandes liegt.

Huh! Das ist jetzt ungewöhnlich wenig. Woran liegt’s?

Kommunikation benötigt viel Zeit, Koordination. Überarbeiten und das Lektorat sowohl eigener Texte als auch jener von anderen brauchen ihre Zeit. Bei Covern bin ich froh, dass ich meist Mitspracherecht habe, manchmal Illustratoren empfehlen kann und meine Ideen mit einbringen darf. Und dann gibt es natürlich noch Lesungen, Buchmessen und andere spezielle Events. Es gibt immer was zu tun.

Ja, das auf jeden Fall. Zum Beispiel die Arbeit in der Skoutz-Jury. Du hast ja allein in der Longlist knapp 200 Titel zu sichten. Da passt die nächste Frage ja sehr gut!

 

 Was macht für dich ein gutes Buch aus?

Das ist etwas gemein, denn ich bin in vielen Rollen tätig.

Wir sind nicht absichtlich gemein. Aber inwiefern spielt das eine Rolle?

Neben meiner Tätigkeit als Autor und Herausgeber bin ich sehr stark im Bereich Journalistik und Literaturkritik aktiv (Janetts Meinung / Literaturkritik.de / Mephisto) und in Spezialfällen und auf Anfrage auch im Bereich Lektorat / Korrektorat. Das ist irgendwie bezeichnend, da ich auch im Hauptberuf im Qualitätswesen tätig bin. Daher habe ich in meinem Kopf schon konkrete Vorstellungen, was ein gutes Buch ausmacht. Wer einmal von mir mit einer Kritik bedacht wurde, weiß Bescheid.

Da ist jetzt aber immer noch offen, worauf du beim Kritisieren achtest, was also du persönlich und in allen Rollen gut oder weniger gut findest. Aber okay. Wir sind geduldig. Warten wir eben auf deine Midlist-Titel… 🙂

 

Welche Gefahren lauern im Alltag auf deine Manuskripte, was kann dich von deiner Geschichte trennen?

Der Alltag ist weniger das Problem. Wenn, dann bin ich es selbst. Der einzige, der mich von meiner Geschichte trennen kann bin ich, weil ich ein weiteres Projekt an Land ziehe, über strukturiertes Vorgehen diskutiere, eine Rezension schreibe, in noch einer Jury mitarbeite, große Pläne schmiede oder Interviews gebe.

Die Möglichkeit, da jetzt ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, weil wir dich erst als Juror geködert haben und nun auch noch interviewen wollen, ignoriere ich hiermit hochoffiziell und geflissentlich. 

 

Und wenn du mal den Kopf freibekommen willst, womit beschäftigst du dich dann am Liebsten?

Beim Sport kann ich wirklich abschalten und denke weder ans Schreiben, noch an andere komplizierte Dinge.

Bei welchen Sportarten trifft man dich denn?

Einmal in der Woche spiele ich Fußball und Basketball, da gibt es dann keine Deadlines, die mich beschäftigen. Auch ein Waldspaziergang im Schnee ist toll, nur lässt mich meist der Schnee im Stich, weswegen das nicht so oft vorkommt.

Ich gehe auch gern im Schnee spazieren. Dafür gab es heuer endlich mal wieder reichlich Gelegenheit. Wir können unser Gespräch gern auch an der frischen Luft fortsetzen. Ich lade dich danach auch gern auf einen schönen Kaffee in einem Kaffeehaus ein. Um die beneide ich euch Wiener ja sehr.

 

Bei welchem deiner Protagonisten würdest du den Beziehungsstatus mit dir als »schwierig« bezeichnen?

Für Sonja Rüthers Anthologie „Aus dunklen Federn 2“ habe ich eine Kurzgeschichte beigesteuert, die „Mein anderes Ich“ heißt. Ja, mit diesem Protagonisten habe ich so meine Probleme.

Das klingt jetzt spannend! 🙂 Aber ich frage jetzt nicht weiter. Der Titel verheißt akute Spoilergefahr.

Die nächste  Frage knüpft ein bisschen an die von vorher an:

 

Wie groß ist dein SUM (Stapel ungeschriebener Manuskripte) und wie gehst du mit ihm um?

Ich könnte jetzt tatsächlich nachsehen, da ich all meine Ideen penibel sortiert abgelegt habe. Aber das lasse ich lieber.

Danke! Das ist gut, denn ich fürchte, ich als unstrukturierter Ideenhamster würde bei so einem disziplinierten Archivieren weinend zusammenbrechen. Und in eine Schreibblockade verfallen. Vielleicht. Aber gerade, weil ich das so gar nicht kann, bewundere ich so ein System umso mehr. Wie viele Ideen hortest du da?

1,19 Megabyte hat das Verzeichnis. Der Stapel wird gehegt und gepflegt. Manchmal wird eine Geschichte umgesetzt, aber meist kommen weitere Ideen hinzu. Auf jeden Fall habe ich Vorräte für schlechte Zeiten.

 

Wie viel Zeit braucht ein Buch von dir?

Da ich hauptsächlich Novellen und Kurzgeschichten schreibe, geht es relativ rasch. Heftromane benötigen drei bis vier Monate – und ja, ich arbeite immer parallel an mehreren Themen. Pausen gibt es nicht wirklich. Lange brauchen eigentlich nur Bücher, zu denen ich keine Deadlines habe. So hat ein Roman, den ich nebenbei geschrieben habe, doch einige Jahre gedauert.

Und wie regelmäßig kriegen wir als deine Fans diese Werke dann auch zu sehen?

Die Zahl der Veröffentlichungen ist unterschiedlich, denn ab und zu nehme ich auch an Ausschreibungen Teil. Überraschenderweise sind im Jahr 2017 alle eingereichten Geschichten angenommen worden – das ist vorher noch nie passiert.

Dass du überrascht bist, finden wir jetzt überraschender als den Umstand, dass all deine Storys genommen wurden.

 

Was war dein emotionalstes Erlebnis beim Schreiben?

Das war die Veröffentlichung meiner ersten Kurzgeschichte.

Warum?

Ich habe damals an einer Cthulhu-Ausschreibung teilgenommen und mir eigentlich gute Chancen ausgerechnet. Dann habe ich eine zweite Ausschreibung gesehen, die mir überhaupt nicht zugesagt hat. Weder thematisch, noch von Genre her. Aber weil ich gerade so im Schreibfluss war und mir eine witzige Idee gekommen ist, habe ich teilgenommen. Ich habe eine Geschichte geschrieben, die sich über alles lustig gemacht hat, was die Herausgeber haben wollten – allem voran Thema und Genre.

Und wie ging es dann weiter?

Mit der Cthulhu-Geschichte ist es (zu Recht, wie ich im Nachhinein sagen kann) nichts geworden. Aber die andere Story wurde meine erste Veröffentlichung. Und jetzt, Jahre später, schreibe ich für diesen Verlag (Wurdack) Science-Fiction-Heftromane.

Das ist ja nett! Der Ernst Wurdack-Verlag war auch mein erster schriftstellerischer Kontakt.

Wie definierst du Erfolg?

Nominell kann man den Erfolg von Autoren natürlich rein in Verkaufszahlen messen.

Das ist eine, aber nicht die einzige Möglichkeit und du klingst da jetzt auch nciht wirklich glücklich …

Aber das, was in den Bestseller-Listen steht ist selten das, was meinem Lesegeschmack entspricht.

Nähern wir uns da der noch unbeantworteten Frage, was für dich ein gutes Buch ausmacht?

Erfolg bedeutet für mich nicht nur, dass man Preise gewinnt, sondern dass man mitgestaltet. Dass man Einfluss auf das Genre hat, in dem man schreibt. Dass man andere inspiriert, fördert und mit ihnen zusammenarbeitet. Dass man nicht als Konkurrent um Buchverkäufe, sondern als geschätzter Kollege gesehen wird, mit dem man sich gerne austauscht.

Dann bist du bei Skoutz ja supergut aufgehoben. Wir wollen Brücken bauen, wo andere Gräben ziehen. Und uns ganz auf das konzentrieren, was wir alle lieben: Geschichten. Aber bevor ich jetzt in Begeisterungsstürme verfalle, was war das Schönste, was man dir als Autor sagen könnte?

Das größte Kompliment, dass mir jemand machen kann, hat mir kürzlich jemand gemacht. Nämlich, dass ohne mich viele Projekte gar nicht möglich wären und dass ich wirklich einen Unterschied mache.

Wow! Da wäre ich auch stolz. Da bleibt mir noch, bevor wir im Kaffeehaus zum gemütlichen Teil übergehen, meine Schlussfrage:

 

Auf welche Frage in einem Autoreninterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

Wird man bald wieder etwas von dir hören oder lesen?

Das ist eine schöne Frage!

Lieber Stefan, es war mir ein Vergnügen, mit dir durch den Schnee zu stapfen. Aber jetzt möchte ich erst mal einen Kaffee, bevor wir dann ganz kollegial über die Longlist Science Fiction und die Favoriten auf den Science Fiction-Skoutz philosophieren. Wir von Skoutz sind jedenfalls sehr glücklich, dass du den Jury-Job angenommen hast.

Wer mag, kann hier alle Longlists zum Skoutz-Award 2018 sehen.

 

Hier könnt Ihr Stefan Cernohuby erreichen:

 

Skoutz-Buchtipp:

Das Dimensionstor – Anthologie  herausgegeben von Nadine Muriel und Stefan Cernohuby

Dem Wissenschaftler Prof. Dr. Groll gelingt es, von der Öffentlichkeit unbemerkt in seiner heimischen Garage ein Gerät zu bauen,welches ein Dimensionsportal öffnet. Fasziniert ergreift Max Groll einen Gegenstand nach dem anderen und schickt ihn durch das Tor, das zu fernen Orten, in andere Zeiten und sogar in phantastische fremde Welten führt …

18 Autoren– darunter Gerd Scherm, Ju Honisch, T.S.Orgel und Vincent Voss – erzählen in skurrilen, abenteuerlichen und aberwitzigen Geschichten, was diese Dinge in der jeweiligen Parallelwelt auslösen: Als göttliches Artefakt verehrt, als Auslöser von Katastrophen gefürchtet oder als Retter in großer Not willkommen … Der Leser darf gespannt sein, welche Bedeutung unscheinbare Gegenstände aus unserem Alltag in anderen Welten erlangen.

Mit spannenden Kurzgeschichten von Gerd Scherm, T. S. Orgel, Vincent Voss, Ju Honisch, Melanie Vogltanz, Robert Friedrich von Cube, Manuela P. Forst, Thomas Heidemann, Brigitta Gronau, Marion Jaggi, Günther Kienle, Navina Kleemann, Al Rey, Nicola Sadelkow, Juliane Schiesel, Günther Wirtz. Herausgegeben von Nadine Muriel und Stefan Cernohuby.

 

Skoutz meint: Eine witzige Idee, die sofort das Kopfkino anwirft. Offenbar auch bei Autoren, die mit sehr verschiedenen Gegenständen zu sehr verschiedenen Geschichten kommen, mal düster, mal skurril, aber immer mit sprübarer Freude am Erzählen. Manchmal ist es gar nicht so leicht, zu erraten, welche Gegenstände aus unserer Welt in die andere geraten sind. Der Umstand, dass die Geschichten, sich auch noch in einen großen Rahmen fügen, macht die Anthologie von Muriel und Cernohuby zu einer besonderen, die wir gerne gelesen haben.

Von Skoutz-Juror André Skora (2017) gibt es hierzu eine sehr lesenwerte auführliche Rezension auf Würfelheld.

Wer mag, kann das Buch überall im Buchhandel oder über unseren Affiliate-Link bei Amazon erwerben.

 

 

»crosslinked«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.