zu Besuch bei: Dirk van den Boom

AberBanner van den Boom

 

Erwartungsfroh stehe ich in Münsters Universität, um ein Interview über Science Fiction-Bücher zu führen. Auf das Gespräch mit Prof. Dirk van den Boom habe ich eine Weile warten müssen. Aber als Experte für Migrationspolitik hat Dirk in diesen Tagen vermutlich viel zu tun und so will ich mich nicht beschweren. Am Ende hat es dank der Vermittlung von Skoutz-Juror Karsten Kruschel  ja doch noch geklappt, was mich sehr freut.

 

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Zu Besuch bei Dirk von den Boom – der mit Science Fiction nicht politisiert

Portrait van den BoomWas ist dein »Sprit« beim Schreiben, woher nimmst du deine Ideen?

Ich lese viel. Ich bin der Ansicht, dass es eigentlich keine neuen Ideen mehr gibt.

Eine These, die durch die literaturwissenschaftliche Betrachtung, wonach es ohnehin nur eine jämmerlich endliche Zahl von Geschichten gibt, gestützt wird. Alles andere sei letztlich nur Variation der verschiedenen Themen. Aber was machst du aus dieser Erkenntnis?

Jede Geschichte ist erzählt, wir erzählen sie nur alle immer wieder neu. Ich suche also nach Geschichten, die ich gerne neu erzählen würde, auf meine Art. Aber ich habe niemals von mir behauptet, ein extrem origineller Autor zu sein. Ich versuche daher gar nicht erst, auf die Idee zu kommen, furchtbar Innovatives erzwingen zu wollen.

Das verstehe ich gut und schätze als Leser. Ich freue mich über Überraschungen, aber jene Bücher, die man nur mit „Hauptsache anders“ etikettieren kann, die finde ich meistens doof.

 

Was würdest du tun, wenn du nicht mehr schreiben könntest?

Ist das eine technische Frage?

Wie du möchtest. Ich lausche …

Es gibt hervorragende Diktiersoftware. David Weber etwa, der Autor der Honor-Harrington-Romane, diktiert seine Romane allesamt, der rührt keinen Finger. Ist es eine psychologische Frage? Dann bin ich tot.

Unter dieser Prämisse, ist es keine psychologische Frage. Denn wenn du tot wärst, würdest du entweder verwesen oder wärst ein Zombie. Das möchte ich beides nicht.

 

Zu welchen Anlässen hast du schon überlegt, mit dem Schreiben aufzuhören?

Noch nie. So frustriert war ich noch nie.

Ein interessanter Nachsatz. Die Möglichkeit, nicht mehr zu Schreiben, weil dir etwas anderes wichtiger sein könnte, weil es einfach keinen Spaß mehr macht oder du keine reizvollen Geschichten mehr findest, kommt dir gar nicht.

Aber wenn auch übermäßiger Frust fehlt (was mich freut), dann interessiert mich die Antwort auf die nächste Frage:

 

Was war dein emotionalstes Erlebnis beim Schreiben?

Ich habe keine emotionalen Erlebnisse beim Schreiben, ich bin dann ein wenig weggetreten.

Okay, das habe ich jetzt so auch noch nicht gehört. :)   Und wie ist das beim Schreiben im weiteren Sinne…?

Ich habe manchmal emotionale Erlebnisse beim Überarbeiten, die rangieren von „Ich bin geil!“ bis „Was für ein Mist!“.

Haha, das kennen wohl alle Autoren.  

 

Wie viel Autobiografie steckt in deinen Geschichten?

Ich bin von Beruf her Politikwissenschaftler, und was ich im Beruf erlebe, steckt oft genug in meinen Geschichten drin.

Das klingt jetzt zu gleichen Teilen spannend und langweilig … Wobei ich denke, dass man Professoren lernen kann. Wie muss ich mir das in deinem Fall vorstellen?

Ich politisiere nicht – das schreckt Leser ab. Aber ich baue gewisse Dinge ein, von denen ich weiß, dass sie reale Mechanismen und Beobachtungen sind, denn das macht manche Story authentischer.

Ich würde sagen: Jede. Ich bin Rechtsanwalt und bemühe mich bei den Krimiaspekten meiner Bücher auch, meine Expertise zu verwerten. Babsy Tom arbeitet im Krankenhaus und beschreibt natürlich den Klinikalltag auch automatisch echter als ich das könnte. Das ist doch das Schöne am Schreiben – oder am verbesserte Geschichten neu erzählen.

 

Was wäre das größte Kompliment, das man dir als Autor machen kann?

Auch das nächste Buch kaufen.

Eine sehr marktwirtschaftliche Betrachtungsweise. Aber schwer zu widerlegen.

 

Wer ist für dich dein idealer Leser?

Der alle meine Romane kauft. Und zwar am Besten: Mehrfach.

 Klar, und mit Blick auf die letzte Antwort auch irgrndwie logisch.

Bei so viel Pragmatismus wird die nächste Frage auch eine sehr nüchterne Antwort erhalten…

 

Bei welchem deiner Protagonisten würdest du den Beziehungsstatus mit dir als »schwierig« bezeichnen?

Keinem. Mein Identifikationsgrad mit meinen Protagonisten ist sehr gering.

Wie vermutet. Erklärst du mir das noch genauer?

Ich benutze sie als „plot device“, schließlich haben sie eine Funktion zu erfüllen. Manchmal überraschen sie mich, weil sie eine Art Eigenleben entwickeln und nicht ganz das tun, was ich von ihnen erwarte.

Das beruhigt mich jetzt irgendwie. Wenn deine Protagonisten komplett vom Reißbrett wären, wärest du mir unheimlich, weil sich deine „plot devices“ durchaus echt anfühlen.

Aber ich bin ihnen deswegen nicht böse, denn es ist meist besser als das, was ich mir ursprünglich für sie ausgedacht habe.

Und tolerant bist du auch noch…
:)

Und zum Schluss: auf welche Frage in einem Autoreninterview möchtest du einfach nur mit »Ja« antworten?

„Dürfen wir Dir für dieses Interview 1000 € überweisen?“

Tja, es tut mir leid, dir mitteilen zu müssen, dass unser Budget schon ausgeschöpft ist. Da hättest du mal schneller antworten sollen. *ggg*

Aber wir wünschen dir weiterhin kaufwillige und kaufkräftige Leser und natürlich viel Erfolg im Wettbewerb.

 

Hier könnt ihr Dirk van den Boom treffen:

Autorenhomepage von Dirk van den Boom

Neben der Wikipedia ist das Autorenprofil von Dirk van den Boom auf Amazon aufschlussreich und natürlich seine Professoren-Seite der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

Skoutz-Lesetipp: Kaiserkrieger 10: Tempel – Zeitreise-SF von Dirk van den Boom

Brennende TempelDer Kaiserkrieger-Zyklus beginnt mit dem kleinen  Kreuzer „Saarbrücken“, der irgendwie in eine Zeitschlaufe gerät, die ihn in das antike Rom bringt. Die Besatzung beschließt, dem regierenden Kaiser Gratian zu helfen und bei der Gelegenheit einige „Fehler“ in der Historie auszubügeln.

Der Siegeszug der neuen Eroberer aus Teotihuacán scheint unaufhaltsam. Doch unter den Maya, die lediglich ein Imperium gegen das andere austauschen, regt sich Widerstand. Alte Gewissheiten haben ihre Gültigkeit verloren und neue Allianzen bilden sich. Hoffnung keimt, wo niemand sie erwartet hätte; aus der Niederlage erwächst oft eine neue Stärke. Doch ein Pfad der Vernichtung zieht sich durch das Land der Maya und es brennen nicht nur die Tempel.

Derweil wird man in Rom mit der Perspektive einer weitaus größeren Bedrohung konfrontiert, als beunruhigende Nachrichten aus dem Osten eintreffen. Und was in Mittelamerika passiert, bekommt für die Kaiserkrieger aller Nationen eine globale Perspektive.

Skoutz meint: Zeitreise-Romane kennt man üblicherweise aus der Fantasy. Doch auch in der SF ist das Motiv nicht neu. Dennoch ist das, was Dirk van den Boom mit seinem futuristisch-fantastischen Historienzyklus vorlegt, aufregend neu, weil er plausibel erlaubt, quasi zeitlos zu beobachten, ultramoderne und historische Ansichten aufeinanderprallen zu lassen und so ganz nebenbei auch noch sehr spannende Geschichten zu erzählen. Absolut lesenswert.

 

vandenBoom - MeranHinweis:

„Meran“ ist einer derjenigen SF-Romane, die unserem Juror Karsten Kruschel aus über 100 vorgeschlagenen Titeln gut genug gefallen haben, um für die Midlist Science Fiction des Skoutz-Awards 2016 nominiert zu werden.

Das Abenteuer des diplomatischen Ermittlers Daxxel, der auf einem äußerst frauenfeindlichen Planeten einer alten Freundin als Rechtsbeistand zur Hilfe kommt, die dort im Gefängnis sitzt, enthält neben sehr spannenden Krimielementen auch reichlich gesellschaftskritische Ansätze, die das Lesevergnügen zu einem intelligenten machen. Wir haben das Buch ausführlich besprochen (weiterlesen).

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