Skoutz-Wiki: Roman

Der Roman für die Ungelduldigen

Der Roman dürfte die heute wohl beliebteste Form der Prosa sein. Das liegt vor allem daran, dass die Kriterien, die einen Text zum Roman machen, heute sehr leicht zu erfüllen sind. So geht man mit der Behauptung, einen Roman zu schreiben, (fast) kein Risiko ein.

 

Der Steckbrief des Romans sieht heute so aus:
(obwohl es auch hier wieder keine allgemeine Definition gibt, weshalb diese Liste nur als vorsichtige Basisbeschreibung dienen kann)

  • Schriftform
  • relativ großer Umfang (in Abgrenzung zur Novelle oder Kurzgeschichte)
  • ungebundene Rede in Prosa
  • fiktive Geschichte
  • Vorhandensein eines Erzählers

Nach dem heute gebräuchlichen allgemeinen Verständnis ist jedes längere Werk erzählender Prosa ein Roman. Ohnehin gibt es wie bei so fantasiebegabten Menschen wie Autoren und Lesern zahlreiche Spielarten und Sonderformen. Deshalb bringt auch eine noch detailliertere Auflistung der einzelnen Merkmale eigentlich nicht viel, weil auf jede Regel sofort ungezählte Ausnahmen kommen. Damit wird eine Liste mindestens unübersichtlich. Schließlich ist hier auch ein steter Wandel zu berücksichtigen. Und das ist ja eigentlich gut. Kunst hinterfrägt sich fortlaufend selbst. Demzufolge sollten Regeln als Handlungsempfehlung, nicht aber als unumstößliches Gesetz verstanden werden.

 

Genauer betrachtet:

Der „Roman“ definiert sich als „Großform erzählender Dichtung“ und ist wie gesagt als literarische Gattung der erzählenden Prosa (Texte der Prosa sind nicht durch Reime, Verse oder Rhythmus gebunden) in der Literaturwissenschaft als Fachbegriff anerkannt.

Das Wort “Roman” selbst stammt aus dem Altfranzösischen: Ab dem 12. Jahrhundert bezeichnete romanz die in romanischer Volkssprache verfassten Schriften in Prosa (oder damals noch auch in Versen). Als Prosaform hat der Roman in der Neuzeit gemeinsam mit der Novelle und der Erzählung das Epos abgelöst. Das Epos galt neben Drama und Lyrik in der Antike als Hauptform der Dichtung. Im Gegensatz zum Drama erzählt das Epos, wohingegen das Drama eine Handlung nachahmt. Da Epen üblicherweise Versform besitzen, übernahmen das auch frühe Romane. Typisch für den (frühen) Roman ist die Schriftform. So ist er – anders als Sagen und Märchen, die mündlich überliefert und dadurch stetig angepasst wurden – relativ “statisch”.

Weil es oft nicht einfach ist, den Roman zu definieren, mogelt man sich rückwärts heran und beschreibt lieber, was definitiv kein Roman ist.

Demnach ist alles ein Roman, was nicht Drama (Theaterstück) oder Lyrik ist und zu lang für eine Novelle oder Kurzgeschichte. Oder, wenn man sich nicht zu weit hervorwagen will, (was in Schule und sozialen Netzwerken oft ratsam ist): Das alles könnte ein Roman sein.

Darstellungsformen des Romans

Nachdem der Roman also so unglaublich vielseitig ist, gibt es in Stil und Thema sehr unterschiedliche Vertreter und eine näherungsweise unendliche Zahl von Varianten:

Zunächst zeichnet er sich durch seinen Umfang aus. In Abgrenzung zu Anekdote, Kurzgeschichte oder Novelle sind sie länger. Natürlich gibt es auch hier keine feste Vorgaben, aber der Durchschnitt pendelt sich zwischen 300 und 400 Taschenbuchseiten ein. Weil Romane nicht so geschrieben sind, dass man sie in einem Rutsch lesen kann,  sind die meisten (aber nicht alle!) Romane untergliedert, in Abschnitte, Teile oder Kapitel.

Das bleibt auch für die Erzählzeit nicht ohne Folgen. Daher ist die erzählte Zeit im Roman meistens größer als die Erzählzeit. Das heißt dass der Text oft eine längere Zeitspanne berichtet, als das tatsächliche Lesen dauert.

Völlig losgelöst vom Inhalt ist auch die Erzählform. Romane gibt es im Gewand der Beschreibung, des Berichts, mit Monologen, Gesprächen oder auch in Tagebuch- oder Briefform. Romane sind in jedem Fall fiktional. Das bedeutet, dass sie – in Abgrenzung zu Sachtexten – vom Autor erfundene Geschichten beinhalten, auch wenn diese auf realen Begebenheiten beruhen.

Dazu kommt die Erzählhaltung, womit vornehm die Herangehensweise des Erzählers an seine Aufgabe, nämlich das Erzählen, gemeint wird. Das reicht von der strikten Objektivität, wie man sie aus dem Epos kennt, bis hin zu sehr subjektiven Betrachtungsweisen mit ironischen, reflektierenden, humorvollen oder abwertenden Untertönen.

Wer jetzt noch nicht verwirrt ist, widmet sich der Erzählperspektive, also dem Blickwinkel mit dem der Erzähler auf die Geschichte sieht. Nachdem der Roman zur Epik gehört, zeichnet er sich nämlich stets durch einen Erzähler aus. So gibt es neben dem die Handlung live miterlebenden Ich-Erzähler, die spätestens seit Franz Kafka anerkannte personale Perspektive. Bei der wird nicht explizit auf einen Erzähler hingewiesen, sondern die Ereignisse strikt aus der Sicht einer bestimmten (Reflektor-)Figur erzählt. Die größtmögliche Distanz zum Geschehen nimmt der ggf. allwissende auktoriale Erzähler ein. Er schildert und kommentiert das Geschehen quasi aus sicherer Distanz von außen. Zudem gibt es verschiedene Experimente, die den Erzähler in den Hintergrund drängen, doch in den allermeisten Fällen findet sich doch ein Erzähler, der auf die eine oder andere Weise die Geschichte erzählt und mit dem Leser teilt.

Schließlich liest man oft, dass eine hohe Verständlichkeit für Romane typisch sei. Auch wenn man darüber durchaus streiten könnte, gibt es – anders als bei Drama oder Lyrik – seit jeher reichlich Konsumware, die alle Bildungsschichten anspricht.

Das alles kann nun im Roman einzeln, gebündelt oder auch abwechselnd vorkommen. Dabei spielt neben Vertriebsaspekten (wie liest es der Leser am liebsten) seriöserweise auch das Anliegen des Autors hinein. Also die Frage, wie er das, was er erzählen will, seine Geschichte, am besten herüberbringen kann. Wie viel Identifikation mit den Protagonisten ist gut und sinnvoll? Kann die Geschichte aus der Distanz oder der Nähe besser vermittelt werden? etc.

Zuletzt ist da noch das weite Feld der inhaltlichen Unterscheidungen. Das entspricht tatsächlich der Unterteilung in Genres (also jedenfalls wie wir sie bei Skoutz verstehen) ziemlich genau. Natürlich ist es ein Unterschied, ob man einen Abenteuerroman, einen Liebesroman oder einen Kriminalroman liest. Dennoch gibt es zahllose Genrebezeichnungen und Kategorien, aber leider (oder auch zum Glück) keinen einheitlichen Katalog oder einen Überblick, der sämtliche Spielarten bündelt.

 

Entstehung

Die Anfänge

Erzählende Prosa hat sich in den meisten Kulturen entwickelt, so dass wir hier auf knapp 2000 Jahre lange Geschichte zurückblicken. Schon bei den Römern und Griechen kursierten viele Geschichten in einer Form, die man heutzutage ohne zu Zögern als Roman bezeichnen würde (zum Beispiel die damals beliebten „Alexanderromane“). Ähnlich verhält es sich mit isländischen Sagas, die bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Auch im Rest der Welt finden sich frühe Formen des Romans in Asien (China, Indien oder auch Japan) ebenso wie im arabischen Raum.

Diese Form des Geschichtenerzählens bekam allerdings erst im Frankreich des Hochmittelalters (12. Jahrhundert) ihren Namen. Ein romanz (Roman) beschrieb damals ein Werk, das in der romanischen Landessprache verfasst war und damit im Gegensatz zur fränkischen Hofliteratur und zu lateinischen Schriften stand. Eine Leistung, die hierzulande Luther mit seiner Bibel erbracht hat. Latein nämlich war die Sprache der Gelehrten und des Klerus, die vom einfachen Volk nicht verstanden wurde.

Mittelalter

Zur ersten Generation des Romans zählten vor allem Erzählungen in Versform (Versromane), die sich gern mit bekannten Motiven, wie etwa antiken Überlieferungen (Alexanderromane) befassten. Gleichfalls beliebt waren auch Legenden, Sagen und Märchen (z.B. der extrem symbolträchtige Sagenkreis rund um Artus und den Heiligen Gral). Der schwer auszusprechende Franzose Chrétien de Troyes (1140-1190) wurde mit seinen Versen über die britannischen Sagen um König Artus berühmt und ebnete dem Roman den Weg. Die zahlreichen Nachfolger verloren schnell die Versform und wurden damit leichter verständlich und lesbar. Nachdem es noch ein paar Jahre bis zur Erfindung des Buchdrucks dauerte, wurden diese Texte in Kopierwerkstätten  am Fließband vervielfältigt. Von dort schwappten sie dann im 12. und 13. Jahrhundert über ganz Europa – im Prinzip nicht anders, als es heute auch noch mit literarischen Trends geschieht.

Speziell die Geschichten von der Tugend und Liebe der Ritter (Artussage) begeisterten im 15. und 16. Jahrhundert dann die Leser aus adeligen und wohlhabenden Kreisen so sehr wie es heute die Abenteuer von Rockern und Millionären tun. Der Vergleich hinkt keineswegs, denn in ihrer Zeit wurden die heute hochgelobten und in der Schule besprochenen Texte, genauso belächelt wie heute moderne Grauschattierungen. Im Mittelalter wurde Literatur, die nicht als historisch korrekt belegt war, als „Schund“ verpönt.

Das allerdings ist (genauso wie heute) ungerecht. Speziell im deutschsprachigen Raum wurden viele Themen der französischen Versromane aufgegriffen und auf höchstem literarischem Niveau weiterentwickelt. Ab etwa 1400 dann endlich auch in Prosa. Daher hat es durchaus seine Berechtigung, wenn heute in den Schulen noch Wolfram von Eschenbach oder Gottfried von Straßburg gelesen werden.

Der Roman wurde anhand möglichst abenteuerlicher Berichte von Rittern weiterentwickelt und nicht zuletzt deshalb erfreuen sich die Ritter bis heute solchen Glanzes, der in unserer Zeit allenfalls noch Vampiren zugestanden wird. Den Höhepunkt der Ritterromane dürfte wohl „Amadis de Gaula“ des Spaniers Garci Rodriguez de Montalvo darstellen, der ab 1540 ins Französische und ab 1569 ins Deutsche übersetzt wurde und damit unbestritten Bestseller-Ruhm erlangte. Ohne Amadis hätte es auch keinen Don Quijote (1605/1615) gegeben, in dem sich Miguel de Cervantes explizit und sehr ironisch zu dem (maßlos übertriebenen) Rittertum eines Amadis äußert.

Neuzeit

Als ab Mitte des 15. Jahrhunderts nicht mehr abgeschrieben werden musste, sondern die Texte gedruckt werden konnten, wurden Bücher schnell deutlich billiger und damit auch für ein breiteres Publikum zugänglich. Die Wirkung war ähnlich wie die des E-Books in unseren Tagen. Die von hier auf jetzt dramatisch vereinfachte Verbreitung führte zunächst zu Einbußen in Bezug auf die literarische Qualität. Die Geschichten waren stark vereinfacht und in Sprache und Umfang den Wünschen eines deutlich anspruchsloseren Publikums angepasst, und damit dem traditionellen „Schwank“ angenähert (Volksbuch). Die Handlung entwickelt sich um eine zentrale Hauptfigur herum und wird in aneinander gereihten Episoden erzählt. Der Cliffhanger ist insoweit keine zwingend neuzeitliche Erfindung. Die Stunde des Schelmenromans hatte geschlagen, also eines meist satirischen und zeitkritischen Romans, der die Abenteuer eines oft als Außenseiter beschriebenen Helden erzählt. Der bekannteste deutsche Vertreter dürfte Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit seinem „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ (1668) sein.

Im 18. Jahrhundert endlich gaben auch die Gelehrten ihren Widerstand auf und erkannten den Roman als „ordentliche“ Literatur an. Solcherart geadelt entwickelten sich im Barock und in der Aufklärung angesichts der anhaltenden Nachfrage im Prinzip aller Gesellschaftsschichten viele neue Formen. Schauerromane wie Mary Shellys “Frankenstein” oder Abenteuerromane im Stile von „Robinson Crusoe” (1719) vom Engländer Daniel Defoe. Die erste belegte literarische Massenhysterie löste Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) aus. Goethe schilderte Werthers tragisches Scheitern am gesellschaftlichen Umfeld so ergreifend, dass tatsächlich eine Selbstmordwelle die Leserschaft ausdünnte.

Keineswegs überraschend ist die für den deutschen Roman typische Form der Entwicklungs- oder Bildungsroman. Hier wird der Protagonist auf seiner Entwicklung hin zu einem besseren, gesellschaftsnützlichen Wesen begleitet. So soll der Leser angespornt werden, es ihm gleichzutun. Ein Ansatz der tatsächlich deutlich besser als das Beispiel des jungen Werther ist. Goethe hat diese Möglichkeit dann später für seine überlebenden Fans mit seinen Werken um „Wilhelm Meister“ aufgegriffen.

Moderne

Auch im 19. Jahrhundert bleibt der Autoren- und Lesegeschmack dem Entwicklungsroman treu, etwa mit Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ (1855) oder eben Theodor Fontane, der sich sehr zur Freude nachfolgender Generationen von Deutschlehrer durch detailreiche Figurenzeichnungen und ironische Gesellschaftskritik bis heute für Buchbesprechungen und schulische Leserunden empfiehlt.

Dieser gesellschaftskritische Ansatz, der bis heute die „hohe“ zeitgenössische Literatur der Feuilletons auszeichnet, wurde jedoch vor allem in Frankreich entwickelt. Heute noch bekannte Werke (wenn auch oft erst durch deren Verfilmungen) sind große Gesellschaftsromane wie “Madame Bovary” von Gustave Flaubert (1857) oder “Les Misérables” von Victor Hugo (1862). In ihnen beschreiben die Autoren schonungslos (und leider auch erschreckend aktuell), wie Menschen an den Mechanismen einer korrupten bürgerlichen Gesellschaft scheitern.

Ähnlich ist die Grundstimmung auch in der russischen Literatur bei Fjodor Dostojewski („Schuld und Sühne“, 1866) und Leo Tolstoi („Krieg und Frieden“, 1868). Aus den USA beschrieben dann „Moby-Dick“-Autor Herman Melville und Edgar Allan Poe mit seinen düsteren Schauergeschichten die Hilflosigkeit des Individuums in einer ihm zunehmend unverständlichen übermächtigen Umwelt. Mehr auf die Verantwortung des Individuums stellen dann erst wieder der Deutsche Heinrich Mann („Der Untertan“, 1910) und der Ire Oscar Wilde („Das Bildnis des Dorian Gray“, 1891) ab und erhoben damit den Protagonisten zum Täter statt zum Opfer.

Speziell in Deutschland (aber nicht nur dort) ist das 20. Jahrhundert von einem zunehmenden Misstrauen in Bezug auf die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wahrheit geprägt. Von der rasanten technischen Entwicklung und den Traumata fürchterlicher Kriege fühlen sich viele überfordert ohne ihre Ängste ausdrücken zu können. Erst mit Sigmunds Freuds revolutionären Thesen wird der Bruch aus innerem Empfinden und äußerer Wahrnehmung überhaupt erst greifbar. Dementsprechend beschreitet auch die Literatur neue Wege, um ihren Lesern auch auf diesem Feld begegnen zu können. James Joyce („Ulysses“, 1922), Virginia Woolf („To the Lighthouse“, 1927) oder Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“, 1929) experimentierten von einander unabhängig mit unterschiedlichen Zeit- und Realitätsebenen. Dafür verwerfen sie herkömmliche Erzählmethoden wie die Kontinuität und Eindeutigkeit der Handlung zugunsten einer viel stärkeren Betrachtung der inneren Entwicklung des Protagonisten, z.B. in Form von (inneren) Monologen und Assoziationen.

 

Bonuswissen (Klugscheißer-Modus):

Heutzutage sind Romane die meist gelesene Literatur und behaupten sich weiterhin erfolgreich gegen populäre Erzählmedien wie das Kino oder das Fernsehen. Der Roman gilt in der Gegenwart als Gattung unbegrenzter Möglichkeiten, um sich kritisch, spielerisch oder utopisch mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Robert Musil nannte ihn zurecht ein „Experimentierfeld des menschlichen Möglichkeitssinns“.

»Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitungen fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz interessiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegend, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche selbst kann und darf in einen Roman gebracht werden, sobald es unsern Verstand oder unser Herz interessiret. Die größesten Disparaten läßt diese Dichtungsart zu: denn sie ist Poesie in Prose.«

Johann Gottfried Herder in: Briefe zur Beförderung der Humanität. Achte Sammlung (1796)

 

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