Skoutz-Wiki: Leseticks (Lesestil)

Es heißt ja nicht umsonst, dass nie zwei Menschen dasselbe Buch lesen werden.  Aber es werden auch kaum zwei Menschen auf diesselbe Weise ein Buch lesen. Das liegt an den Leseticks, also jenen kleinen Ecken und Kanten unseres persönlichen Umgangs mit unseren Büchern.

Grund genug für Skoutz, sich den Leseticks einmal hingebungsvoll und mit Genuss zu widmen.

Leseticks in Kürze

Gemeint sind damit seltsame Gewohnheiten, Ticks, Marotten, Schrullen oder Spleens, die sich der Leser im Umgang mit seiner Lektüre oder deren Konsum leistet. Durch sie wird der gemeine Leser zu einem belesenen Exzentriker.

Leseticks aus der Nähe betrachtet

Eine Umfrage in unserer fidelen Skoutz-Gruppe auf Facebook und der Redaktion hat ergeben, dass es sehr, sehr viele Leseticks gibt, die sich grob in verschiedene Klassen einteilen lassen:

Buchpflegeticks

Da gibt es Leser, die wollen ihre Bücher unbedingt in fabrikneuem Zustand halten, verfallen bei einer Leserille in Weinkrämpfe und bei Eselsohren in Depressionen. Feldversuche mit dieser Spezies, die zeigen sollte, was passiert, wenn man vor ihnen ein Buch mit Kaffee- und/oder Schokoladenflecken verziert, wurden der heftigen Reaktionen wegen Amnesty International gemeldet. Das sind die Buchästheten.

Das genaue Gegenteil sind die Buchabenteurer. Die finden es gut, wenn ihre Bücher Gebrauchsspuren zeigen. Nicht künstlich herbeigeführte, ein Buch ist schließlich keine Jeans, sondern erlebte. Oder eben erlesene. Im doppelten Wortsinn. Da sind Leserillen kein Schönheitsfehler, sondern Zeichen gemeinsam durchlebter schöner Stunden und Abenteuer. Saucen- oder Kaffeeflecken zeigen, dass man rund um die Uhr beisammen war und Eselsohren zeugen von jähen, ungeplanten Unterbrechungen.

Leseticks im engeren Sinne

Dann beim Lesen selbst … man sollte nicht glauben, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, sich mit seiner neuen Lektüre bekannt zu machen. Es gibt Cover-Victims, die schauen sich das Cover an und sind verliebt. Diese Vorschusslorbeeren kann ein auch nur mäßig begabter Autor gar nicht mehr verspielen.

Andere, die Start-Ziel-Leser lesen einfach los. Von vorn. Das ist so unspektakulär, dass es fast schon wieder schrullig ist. In Zeiten, wo alle auf der Suche nach Individualität einfach jeder Idee nachrennen, die “anders” ist, hat der Akt, ein Buch ganz spießig einfach von vorne bis hinten durchzulesen, schon fast etwas Rebellisches an sich.

Echte Lese-Rebellen sind die, die prinzipiell erst einmal die letzte Seite lesen. Die einen Spoiler nicht fürchten. Das ist bei Chick-Lit, wo das Happyend quasi schon genrebeschreibend ist, eher unterer Level. Bei Thrillern oder Krimis hingegen ist das “LAL”. Lesen am Limit. Echtes Thrill-Lesen sozusagen.

Andere wollen, nicht anders als im Freibad, einfach mit einem Riesensatz in die Geschichte eintauchen. Nennen wir sie Sprungleser. Die klappen irgendwo auf und lesen jedes neue Buch mal mittig an.  Diese Idee greift übrigens die Aktion Seite 99 auf. Angeblich kann man sehr viel über ein Buch sagen, wenn man seine Seite 99 liest. Da ist die Story schon im Gange, die Protagonisten eingeführt und der Autor muss zeigen, was er kann.

Prinzipienleser hingegen arbeiten sich immer – Ohnmacht und ähnliche höhere Gewalt ausgenommen – bis zu einem Kapitelende vor. Manche können nur ein Buch zur Seite lesen, wenn eine Seite mit einem Punkt endet (damit man nicht umblättern muss).

Leseticks beim Lesen

Von den Prinzipienlesern zu unterscheiden sind die Hopies, die Optimisten der Buchwelt. Sie bestehen darauf, ein Buch – so wenig es ihnen auch gefällt – unter allen Umständen zu Ende zu lesen. Sie hoffen unverbrüchlich bei jedem Umblättern auf eine Wende im gähnend langweiligen Plot. Oder auf eine wundersame Wandlung unsympathischer Protagonisten. Oder auf eine Muse, die sich des talentfreien Autors erbarmt und ihn küsst. Intensiv. Anders verhält es sich bei den Wuppies, die beim ersten Stirnrunzeln emanzipiert ein Buch mit einem deutlich hörbaren Wupps zuklappen, um es nie, nie wieder zu öffnen. Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher. Aber das Verhalten ist etwas respektlos und eigentlich auch gar kein richtiger Tick. Einen vermittelnden Mittelweg beschreiten da die Changer, die ganz nach Gusto, Lebenslage, Wetter oder was auch immer, mehrere Bücher gleichzeitig lesen. Und da fröhlich ganz nach Geschmack durcheinander konsumieren.Das sehen wir uns im Artikel Lesekompetenz nochmal genauer an.

Leseticks nach Location

Es gibt Outdoor-Leser die am Liebsten im Freien, auf der Parkbank, in der Hängematte oder auf der Picknickdecke lesen.Zur Not auch im Regen an der Bushaltestelle oder am Strand unter einem Regenschirm. Diese Hardliner sind dann aber eher selten Buchästheten, die gesteigerten Wert auf makellose Bücher legen.

Im Gegensatz zu ihnen ziehen sich die Kuscheldecken-Leser mit einer Decke in das Sitzmöbel ihrer Wahl zurück, meist in guter Gesellschaft von einer Kanne Tee oder Kaffee, und wünschen dann in ihrer Lesehöhle nicht mehr gestört zu werden (es sei denn, es brennt – und dann kann es passieren, dass sie nur noch schnell das Kapitel fertig lesen wollen).

Oder die genussvollen Wannenleser, für die Entspannung in der Badewanne ohne anregende Lektüre nur halb so schön ist. Von einem solchen weiß ich, dass ein Reader übrigens Spritzwasser gut verträgt.

Hier spielt auch die oft und vehement geführte Diskussion nach Musik beim Lesen hinein. Da gibt es die Silentionisten, die darauf bestehen, nur in absoluter Lautlosigkeit in die Geschichte abtauchen zu können. Dann die Beatreads, die umgekehrt nur mit Musik auf den Ohren wirklich dieser Welt entsagen können. Eine spezielle Gruppe sind die Stilleser (mit zwei L nach geltender Rechtschreibung). Die brauchen für wirklichen Lesegenuss nämlich nicht irgendeine Musik, sondern die jeweils zur Lektüre passende.

Die Leseorte haben wir uns übrigens noch einmal genauer angesehen (weiterlesen).

Leseticks nach Lesezeit

Das sind dann bezogen auf die präferierte Lesezeit regelmäßig Wochenendleser, die gern einen größeren Zeitblock am Stück ihrer Lektüre widmen. Meist reagieren sie auf Störungen ungehalten und gehören zu der Spezies, die nur noch ein Kapitel sagen und damit regelmäßig das letzte Kapitel meinen.

Von ihnen muss man die Saisonleser unterscheiden, die nur im Urlaub die Muse finden, sich in ein Buch zu vertiefen. Da liegt es weniger an der Zeit, als am Kopf, den diese Leser meist nicht frei haben. Sie sind so in ihrem Leben verhaftet, dass es ihnen schwer fällt, loszulassen, um sich anderen Geschichten zu öffnen. Aber wenn sie dann mal loslesen … Dann wird das Urlaub im doppelten Sinne. Sie schaffen es dann meist sogar, den Strand oder Pool zu ihrer persönlichen Lesehöhle mutieren zu lassen.

Dann sind da die Berufsverkehr-Leser, die so der tristen Aussicht auf einen unerfreulichen Büroalltag entkommen wollen. Sie sind das Gegenstück zum Feierabend-Leser, die sich nach ebenjenem Bürotag ein bisschen Weltenflucht als Belohnung gönnen. Sie können – ganz anders als der Saisonleser – bei jeder Gelegenheit loslassen und sich auf eine Buchgeschichte einlassen.

 

Bonuswissen Leseticks (Klugscheiß-Modus)

Wenn man es übertreibt mit seinen Ticks, wird daraus eine pathologische Obsession.

Ob|sessio̱n [aus lat. obsessio = Besetztsein] w; -, –en:
Zwangsvorstellung, Vorstellung, die unter einem Gefühlszwang entsteht u. sich bewußt nicht verscheuchen läßt (dazu gehören: Platzangst, Waschzwang, Zählzwang, Lesezwang).

 

 

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