Skoutz Sprachlabor: Recht (auf) Schreiben

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Kreativität und Rechtschreibregeln – auch so ein Begriffspaar, das für Emotionen sorgt.
Die einen regen sich über den Verfall der deutschen Sprache, der Sprache der Dichter und Denker, auf und sehen uns schon alle wieder grunzend und knurrend vor der Höhle sitzen.
Die anderen meinen, Sprache sei Mittel zum Zweck und solange man sich verstehen könne, sei alles fein.
Wieder andere mahnen Verständnis für all jene an, die es eben nicht besser könnten. Man dürfe sich nicht über Fehler aufregen, denn es könnte sich ja um Legastheniker handeln, die behindert sind. Oder zu doof, ihr T9 zu erziehen, was ja auch irgendwie dasselbe ist. Also heutzutage …

Ganz andere sagen dann regelmäßig, alles sei okay, solange es nicht zu viele Anglizismen sind und dieses Denglisch sei der eigentliche kulturelle Niedergang, was von all jenen vehement bestritt wird, die dieses Phänomen (den Niedergang!) nämlich exklusiv mittels einer nicht sofort und knallhart umgesetzten Genderkorrektur herbeigeführt sehen. Wo auch immer man da dann das Binnen-I, die Underscores und Sternderl um die -ixe unterzubringen sind.

Und dann gibt es da noch die Künstler, die behaupten Schreiben sei Kunst und Kunst sei frei. Denen rufen wir gerne zu, dass sich niemand (außer vielleicht der Amazon Fehlermelder) gegen Neologismen oder Dialekt in der mündlichen Rede sperrt. Aber schon Picasso hat zu Recht darauf hingewiesen, dass man die Regeln erst beherrschen muss, um sie kunstvoll zu brechen. Kunst will gerade nicht bequem sein.

Wir von Skoutz haben uns der Sache mal angenommen …

(Und dabei gewiss ein paar eigene Tippfehler übersehen)

Neujahrsvorsatz 2018: Besser schreiben.

Lesen und Schreiben sind nämlich nur scheinbar dasselbe. Beim Lesen entschlüssle ich Informationen, die ich über die Augen aufnehme. Endlose Kombinationsmöglichkeiten von immer denselben 26 bis 30 Schriftzeichen (mit oder ohne Sonderzeichen) erschließen mir den Inhalt aufgrund meines Vorwissens. Letztendlich rekonstruiert mein Gehirn, was sich der Autor beim Verfassen eines Texts gedacht hat. Das funktioniert aber nur, wenn der Autor sich sorgfältig ausdrückt. Und das ist etwas, das immer wünschenswert ist und am einfachsten und kräfteschonendsten mit steter Übung zu erreichen ist. Deshalb habe ich für mich beschlossen, im neuen Jahr mehr auf richtige Schreibweisen zu achten, weil es dann auch klappt, wenn es wichtig ist. Weil es höflich ist und ich zumindest keinen ungewollt schlechten Eindruck, sondern mit Glück sogar einen besseren Eindruck mache.

 

Was macht Sprache aus? Also woraus besteht Sprache?

Das wissenschaftlich umfassend und bis hinunter in die Sedimente der ersten Höhlenmenschenwohnungen zu untersuchen, ist Aufgabe der Sprachwissenschaft. Das können wir nicht. Aber eine grundsätzliche Überlegung ist vielleicht ganz hilfreich.

  • Rechtschreibung (wie schreibe ich ein Wort?),
  • Grammatik (wie gehe ich damit um?),
  • Semantik und Pragmatik (wann verwende ich es?)

 

Rechtschreibung, das rechte Schreiben oder ein Recht auf Schreiben?

Das Rechtschreiben ist zunächst mal eine miese Sache, denn speziell die deutsche Sprache ist schon eher für Fortgeschrittene, selbst für Muttersprachler. Regeln sind offenbar nur dazu da, möglichst viele, möglichst willkürliche Ausnahmen zu bilden. Uund das, obwohl es – typisch deutsch – schon sehr, sehr viele Regeln gibt. 33 (Nr. 100 bis 132) alleine laut Duden nur für Kommata (oder auch Kommas, beides geht, was trotzdem oft zu Streit führt. Nur weil das eine richtig ist, muss das andere tatsächlich noch nicht falsch sein). Die Rechtschreibreform hat mit ihren vielen Kann-Regeln leider auch eher für Verwirrung als für Klarheit gesorgt, denn so bleibt schwer überschaubar, was man muss, was man kann und was man lassen sollte.

Andererseits macht das natürlich auch einen guten Teil des Reizes aus und speziell in der Wortfindung ist die deutsche Sprache besonders fantasievoll. Sie hat also Schutz, Hege und Pflege verdient. Dazu ist in einer Zeit, in der Kommunikation mehr als je zuvor über das geschriebene Wort erfolgt, natürlich jeder berufen. Aber Buchmenschen, die sich auch weiterhin vor langen und sorgfältig ausformulierten Texten nicht scheuen, stehen hier in besonderer Verantwortung.

Doch wie sieht die aus?

 

Sprache ist lebendig und verändert sich im Spiegel ihrer Zeit

Sprache ist lebendig, sie ist so ein bisschen wie open source-Software, wo alle mitbasteln dürfen, damit am Schluss was rauskommt, das möglichst allen gefällt. Aber das setzt natürlich auch ein Mindestmaß an Verantwortungsgefühl und Respekt voraus. Neue Begriffe, veränderte Grammatik, Einflüsse anderer Sprachen, die Toleranz gegenüber regionalen Begriffen und Sprachbesonderheiten … das alles ist Zeichen von Lebendigkeit, von Sprache als wichtigem Teil unserer Persönlichkeit. Sie einzufrieren wäre so falsch wie sie nach jedem neuen Trend zu bürsten.

Wissenschaftlich fundiert kann man da noch detailliert unterscheiden, z.B.

  • Soziolinguistik (Sprache und Gesellschaft)
  • Psycholinguistik (mentale Prozesse beim Sprechen und Zuhören)
  • Diskursanalyse (Sprache und Interaktion)

Wer sich für diese Hintergründe interessiert, sollte sich auf der wirklich toll gemachten Seite der Uni Essen (Linse – Linguistik Server) umsehen.

Wie funktioniert Sprache?

Bei der Kommunikation muss man – Juristen lernen das im ersten Semester – auf den Empfängerhorizont abstellen. Also der, der spricht, muss sich so ausdrücken, dass sein Gegenüber auch versteht, was er meint. Logisch, denn anders als der Hörer/Leser weiß der Sprecher/Schreiber ja, was er will (meistens), während das Gegenüber eben auf die Signale angewiesen ist, die es empfängt. Und oft sind es Feinheiten, aus denen wir einen veränderten Inhalt schließen:

  • 1 Der Lehrer nickte Paul zu, als Lisa gerade eintrat.
  • 2 Der Lehrer nickte Paul zu, als gerade Lisa eintrat.
  • 3 Der Lehrer nickte Paul gerade zu, als Lisa eintrat.
  • 4 Der Lehrer nickte gerade Paul zu, als Lisa eintrat
  • 5 Gerade nickte der Lehrer Paul zu, als Lisa eintrat.

“Passen Sie auf i/Ihren Hund auf! Er verfolgt einen Mann auf einem Fahrrad!” – “Das glaube ich nicht. Lenas Hund kann nicht Fahrrad fahren.”

Wer Spaß daran hat, sich einmal mit den Grundlagen der Kommunikation zu befassen, sollte die Seite des bekannten (Kommunikations-)Psychologen Schulz von Thun besuchen. Es ist sehr kurzweilig, welche Abenteuer eine Aussage auf dem Weg von Mund zu Ohr erleben kann. 🙂

Sprache ist Macht

Shakespeare wird folgender Ausspruch zugeschrieben: “Die mächtigste Waffe aber ist das Wort”. Das ist richtig, denn Kennedy wird bis heute für sein “Ick bin ein Berliner” geliebt und Obama etwa hat mit seinem Slogan “Yes, we can” die Wahl gewonnen. Erstaunlich, denn kein Mensch hat nachgehakt, was er denn glaubte, dass wir können. Jeder kann irgendwas und will was können, oder sollte es zumindest. Mich in Ruhe lassen zum Beispiel. Aber der Spruch euphorisiert. Und treibt die Leute an die Wahlurne. Auch Merkels “Wir schaffen das”, zog. Bis die Leute bemerkten, dass da von “leicht” und “angenehm” oder gar “nebenbei” nicht die Rede war.

Die Art, wie wir sprechen, verrät unsere Herkunft. Nicht nur regional durch den Dialekt/Akzent, sondern auch aus welcher Gesellschaftsschicht. Und sie bestimmt auch, ob man für schlau, doof, arrogant oder lieb gehalten wird. Das muss nicht stimmen, aber da wirken Vorurteile schon massiv und vielfach so unbewusst, dass man noch nicht mal etwas dagegen machen kann. Also sollte man diese Wirkung für sich nutzen.

Zieh dich nicht an, für den Job den du hast, sondern für den, den du haben willst, sagt man oft. Das gilt für die Sprache ganz genauso. Gerade im Netz ist der erste Eindruck meist der erste Text, noch vor dem Profilbild. Und es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.

Wer sich geschickt ausdrückt, hat es leichter im Leben. Und wer schreibt, sollte richtig schreiben. Dabei ist das mit der Rechtschreibung ein bisschen wie mit den Manieren. Wer meint, sie nur dann zu benutzen, wenn er es für nötig hält, wird schnell merken, dass er sie verliert. Wie ein Messer müssen auch Manieren (und Rechtschreibung und Grammatik sind Sprachmanieren) immer wieder nachgeschliffen werden.

Tatsächlich führen viele heute mit ihrer Sprache eine eher offene Beziehung. Da wird fremgegangen, vernachlässigt und schon mal missbraucht, dass einem die Augen tränen. Bei vielen Blogs und Postings habe ich aber das Gefühl, das Groß- und Kleinschreibung total gestern ist und Kommas sowieso nur was für Spießer.

Rechtschreiben, weil man verstanden werden will!

Satzzeichen können Leben retten – das liest man oft und es stimmt.

  • Wir essen Oma
    Wir essen Oma oder Wir essen, Oma
  • Professoren sagen Studenten haben es gut
    Professoren sagen, Studenten haben es gut oder Professoren, sagen Studenten, haben es gut.
  • Tötet ihn nicht freilassen
    Tötet ihn! Nicht freilassen! oder Tötet ihn nicht! Freilassen!
  • Er will sie nicht
    Er will sie nicht. oder Er will, sie nicht.
  • Wir empfehlen ihm zu folgen
    Wir empfehlen, ihm zu folgen oder Wir empfehlen ihm, zu folgen.
  • Nicht aufhören
    Nicht, aufhören! oder Nicht aufhören!

Letzteres Beispiel könnte natürlich die Erklärung dafür sein, warum viele Erotik-Helden so übergriffig daherkommen. Sie sind gar keine Bad-Boys sondern haben eine Grammatikschwäche. Lassen wir uns das gleich erotisch weiter üben:

„Was willst du schon wieder?“ Ein Komma nach dem Was verspricht sinnliche Stunden, während ein Verzicht eher abtörnend ist. Beim Reden setzen Sprechpausen sozusagen natürliche Kommas, aber beim Tippen brauchen wir Satzzeichen für ein eindeutiges Verständnis.

Doch auch Groß- und Kleinschreibung kann wichtig sein

  • die spinnen
  • helft den armen vögeln
  • der gefangene floh
  • er verweigerte speis und trank
  • der kleine sieht dir ungeheuer ähnlich
  • wäre er doch nur dichter
  • er hat in berlin liebe genossen

 

Minimalismus in der Alltagssprache

“Gehen wir Handy laden? Wegen dem Akku!” Tja, braucht der Fragesteller jetzt ein Ladekabel oder ein Fachgeschäft? Artikel, Präpositionen und die ganzen anderen Krümelworte sind so unnütz nicht. Ein sauberer Bezug in der Aussage erlaubt eine richtige Zuordnung ganz ohne Nachfrage des irritierten Empfängers. Noch schlimmer ist, wenn sie gar nicht fragen, sondern gleich meinen, sie hätten euch verstanden: Kommt alle zu meinem Geburtstag. Es gibt Tote. Ein kleiner Tippfehler als Party-Killer.

Wortverzierungen oder “Jedem sein Privatwort”

Manchmal scheint es wirklich so, als habe man auf Facebook und Co. dazu aufgerufen, an sich einfache Worte möglichst fantasievoll zu verfremden. Jedem sein Privatwort oder so ähnlich. Neben den Klassikern wie dem eher willkürlichen Einsatz von Dehnungs-h, ie/i oder dem allseits berüchtigten “scharfen ß” in Konkurrenz zum siamesischen “Doppel-S” oder seiner Einzelkindkonkurrenz “S”, wird vor allem bei mehrgliedrigen Worten kreativ gebastelt.

Zusammengesetzte Begriffe, für die es im Deutschen nicht erst seit der Trambahnschienenreinigungsgeräteverwaltungsdienstvorschrift eine ganze Menge gibt, werden neuerdings gerne getrennt voneinander und dann auch noch ohne Bindestriche geschrieben. Vielleicht lassenT9 und die Office-Rechtschreibprüfung grüßen, die Kombinationsbegriffe nicht kennen? Aber warum wagen wir nicht mehr, deren Sicht zu widersprechen? Der Blog Deppenleerzeichen jedenfalls steckt voller solcher Beispiele.

Umgekehrt sind natürlich auch die Deppenbindestriche oftmals echte Schmankerl. Die stehen wie zum Ausgleich dort, wo eigentlich ein Leerzeichen stehen müsste. Wenn auf der Damentoilette „WC-Damen“ steht (anstelle von korrekt „WC Damen“ als Kurzform für „WC für Damen“), sind damit jene Gorgonen gemeint, die kleingeldlose Notdurftverrichterinnen mit ihren Blicken töten wollen. Hier hilft der Blick in das Regelwerk der deutschen Sprache: Zusammengesetzte Worte sind im Prinzip rückwärts zu lesen, denn ihr Aussagewert leitet sich vom letzten Teil des Wortes ab, hier also der Dame und nicht der Toilette. Das gilt übrigens unabhängig davon, ob man die Einzelbegriffe mit Bindestrichen (IT-Fachmann) absetzt oder als ein Wort kombiniert (Straßenschild)

Hübsch sind auch drei Auto’s, die man dann in die Werkstatt bringt. Dabei gehört nach korrekter Grammatik

  • Andreas Werkstatt eben Andrea,
  • Andreas’ Werkstatt dann Andreas,
  • Andrea’s Werkstatt hingegen einem Deppen.

Weshalb man die willkürlich und gefühllos gesetzten Apostrophe auch Deppenapostrophe nennt – ohne Rücksicht auf die Menschen, die an schwerer Apostrophitis leiden. Politisch korrekt halten wir aber fest, dass sich der Depp auf den Apostroph als letzten Begriff des Kombiwortes bezieht, nicht notwendigerweise auch in generalisierend pauschalierender Betrachtung auf dessen Verwender.

Der Dativ ist der Tod des Genitivs … Oder so ähnlich. Auf jeden Fall sollte man ihm Einhalt gebieten. Während er den Genitiv schon auf die rote Liste verbannt hat, macht der Dativ sich zunehmend auch am Akkusativ zu schaffen.

Ganz schlimm wird es, wenn sich der Dativ dann mit Englisch verbündet, einer Sprache, die weitestgehend kritiklos in unsere Sprache integriert wird. Es ist schon ein Committment für den eigenen Style, wenn man sich von sowas ganz gechilled nicht flashen lässt. Englisch ist einfach trendy, hip und viel besser als alles, was wir auf deutsch verstehen würden. Tatsächlich verkaufen sich speziell im Bereich Romance und Erotik englische Buchtitel deutlich besser. Keine Ahnung warum. Klingt komisch, ist aber so. Bei den Buchtiteln wird gerade offenbar jener fernwehgetriggerte Trend nachgelebt, der uns eine ganze Generation von Käwins, Mändies,  Dschaspers und Schandalles und damit Psychologen eine gute Auftragslage beschert hat.

Auch das Verhältnis zwischen “y” und “i” ist traditionell angespannt. Im Deutschen kommt das Y so selten vor, dass man dafür beim Scrabble siegentscheidend viele Punkte bekommen kann, wenn man es sinnig verbaut. Im Englischen ist es gerade mal 2 Punkte wert. Das sollte doch Hinweis genug dafür sein, wann man ein Ypsilon verwendet und wann doch nur ein spießiges “i”, ggf. verstärkt durch seinen Kumpel “e”. Studie ist aber was anderes als Study und Poesie kommt als Poesy irgendwie arg schräg daher. Wer aber ein englisches Wort eindeutscht, unterwirft es auch der deutschen Schreibweise. Deshalb heißt es ein Hobby und zwei Hobbys, nicht aber Hobbies, was im Englischen jedoch richtig wäre.

 

WortNeuKreationen

Das der Erkennbarkeit bei #Hashtags geschuldete Zusammenschreiben von Worten, die dann mit einem im Wort platzierten Großbuchstaben gekennzeichnet werden, trifft man zunehmend auch ohne #-Zeichen.  Die Binnenmajuskel hat bei regelkonformen Gebrauch der deutschen Sprache nur in ganz seltenen Fällen ihre Daseinsberechtigung, etwa in Eigennamen wie McKinsey oder DeJong. Allerdings erfreut sich das Ungetüm in der Werbung zunehmender Beliebtheit. Das hat markenrechtliche Gründe, die wir aber nicht unkritisch in unsere Alltagssprache übernehmen sollten. Warum nun ohne Not auf die sonst so oft geforderten Leerzeichen und Bindestriche verzichten, wenn mit dem iPad eine BahnCard für die Fahrt mit dem InterRegio auf eBay ersteht? Und sind Schreibweisen wie KinderGarten, FernUniversität oder SprachInsolvenz wirklich schöner?

Eine Ausnahme ist das bei altmodischen Feministinnen so beliebte Binnen-I, wie in LehrerInnen, LeserInnen oder AutorInnen. Vor allem Gleichstellungbeauftragte lieben das Binnen-I, sie verwenden es, wo es nur geht – und übertreiben es dabei mitunter, etwa durch Schöpfungen wie „MitgliederInnen“, was grammatisch völliger Unsinn ist, da „Mitglied“ ein Neutrum ist. Gleiches gilt für die GleichstellungsbeauftragtInnen, die mich zumindest sinnieren lassen, ob diese Form der Gleichstellung nicht schon wieder eine Diskriminierung der Grammatikversteher (GrammatikversteherInnen) ist. Ganz schlimm wird es in Wortzusammensetzungen, wenn das gleichstellungsbedürftige Wort zuvorderst erscheint. Meist bleiben Wörter wie Autorengruppe, Leserclub, Kundenservice und Mitarbeiterzeitung vom Binnen-I verschont, aber gelegentlich begegnet man auf politisch überkorrekten Verlagsseiten schon „BloggerInnentreffen“. Moderne Genderexperten bevorzugen Sternchen, Striche oder in extremistischen Fällen das -ix als Endung, ob das nun gesellschaftlich oder auch in Bezug auf eine schönere Sprache als Erfolg zu verbuchen ist, bleibt abzuwarten.

Fehlerbashing ist nicht angesagt!

Bei aller Freude an der Fehlersuche: Natürlich darf man Fehler machen. Und natürlich soll niemand angemacht werden, weil er mal einen Typo drin hat oder irgendein Wort falsch schreibt. Ein schönes Beispiel ist “Triologie”, das wird oft – und meist mit Häme – genannt. Viele machen den Fehler, weil sie es nicht wissen, dass da nur ein “O” sein darf (und auch die 2-O-Variante wäre ja nicht unlogisch, denn warum ein Trio aus drei Büchern eine Trilogie und keine Triologie ist, bedarf einer Untersuchung an der altgriechischen Wurzel). Also muss man das doch seinem Mitmenschen sagen, dass er hier gerade ein Wort falsch verwendet. Freundlich (und ohne, wie “doof bist du denn” und andere Kommentare). So wie bei Rezension/Rezession und vielen anderen Dingen auch. Dann nämlich (ohne “h”) kann man aus seinen Fehlern lernen und muss sie nicht wider alle Ratschläge immer wieder wiederholen.

Denn wenn wir nun alle darauf abstellen würden, ob der Sinn mit mehr oder minder gutem Willen am Ende noch erschließbar ist oder nicht, dann haben wir auf dem Weg zum Analphabetentum einen großen Schritt gemacht. Natürlich kann man Artikel wie “der, die, das” und “eine/r/s” weglassen und man versteht trotzdem noch, was gemeint ist. Meistens. Auch Kommata sind vielfach für den Sinn verzichtbar, auch wenn wir oben viele hübsche gegenläufige Beispiele herausgesucht haben.

Sprache ist schön

Aber hey, wir lieben Bücher, wir lieben Sprache, wir sollten sie auch gut behandeln. So gut wir können und uns dabei ruhig auch anstrengen. Es ist auch ein bisschen eine Frage der Höflichkeit vor dem Gegenüber, ob ich mir auch beim Tippen Mühe gebe. Und wenn mir jemand mit tausend offensichtllichen Wortauslassungen/Tipp- und Flüchtigkeitsfehlern was hinrotzt … (und nein, ich meine nicht, einzelne Fehler oder ersichtliche Rechtschreibschwächen; wobei diese Menschen sich meistens viel Mühe beim Tippen geben), dann hat das eine vielleicht so nicht gewollte Wirkung.

Dann schließe ich zumindest schon aus dem Gelesenen, dass entweder ich diesem Menschen nicht die Mühe wert bin, sich sauber auszudrücken, oder seine Meinung den Aufwand nicht lohnt. Natürlich ist das ein Vorurteil und der Andere kann total toll und lieb und nett sein und kluge und wichtige Dinge zu sagen haben. Aber der erste Eindruck ist da, und der muss erst mal wieder widerlegt werden. Das mit der Grammatik und der Rechtschreibung ist wie mit den Tischmanieren. Natürlich geht es auch ohne. Aber irgendwie ist es schmatzend, rülpsend und beim Sprechen sprotzend doch … nicht so toll.

Fehlerfreies Deutsch wird zunehmend als kompliziert und rückständig angesehen, sagt man. Sagt wer?

Erstaunlich oft beschweren sich Rezensenten nicht nur in den Self-Publisher-Büchern über Rechtschreibfehler. Es scheint also nur dann egal zu sein, wenn man selbst spricht/schreibt. Klar, denn dann weiß man ja, was man sagen will. Wenn man hingegen auf der anderen Seite sitzt, ist man auf Details angewiesen, um Feinheiten, Zwischentöne oder auch die eigentliche Aussage zu verstehen. Und prompt ist man froh um Grammatik, Interpunktion, Rechtschreibung. Daraus lässt sich die kühne These ableiten, dass man als Verfasser eines nicht ausschließlich privaten Textes, also auch schon bei öffentlichen Posts, auf Rechtschreibung achten sollte. Alles andere ist arrogant, ignorant und unhöflich gegenüber den Kunden, also Lesern und Zuschauern.

Eine sehr persönliche, aber sehr leidenschaftliche und pointiert geschriebene Betrachtung dieses Themas hat übrigens Larissa Schwarz geschrieben, den wir gerne weiterempfehlen.

Im nächsten Sprachbeitrag widme ich mich der sogenannten und immer öfter geforderten “leichten Sprache”

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