Shortlist Drama: crystal.klar von Dominik Forster

crystal.klar von Dominik Forster (SLD16)

 

Award Shortlist Silber Icon Icon DramaIn der Drama-Liste ging es – oh Wunder! – hoch dramatisch zu. Vor allem deshalb, weil sehr viele Titel für die Longlist vorgeschlagen worden waren, die eigentlich kein Drama sind. Nicht jedes Seufzen und jede Träne macht eine Geschichte zum Drama. Seither ist viel Zeit vergangen und aus den 9 Dramen der Midlist wurden wundervolle Bücher für die Shortlist nominiert. Und damit steht auch fest, welche 3 Bücher es ins Finale um den Drama-Skoutz 2016 geschafft haben, weil es ihnen gelungen ist, die Herzen der Leser und der Jury gleichermaßen zu begeistern.

crystal.klar von Dominik Forster ist eines davon.

Dominik Forster PortraitBei dem Buch handelt sich um einen 280 Seiten starken, im Februar 2016 im duotincta Verlag veröffentlichten Schicksals-Roman, in dem der Autor sein eigenes Drogen-Schicksal in absolut bemerkenswerter Weise verarbeitet. Damit macht er die Abgründe nicht nur Betroffenen, sondern auch all jenen nachvollziehbar, die sich fragen, wie es so weit kommen kann. Anlässlich seiner Nominierung für die Midlist Drama haben wir das Buch hier ausführlich vorgestellt.

Um euch auch den geistigen Vater von crystal.klar vorzustellen, war unsere Chefredakteurin Kay Noa Dominik zu Besuch und hat sich mit ihm in einem ungewöhnlich offenen und sehr persönlichem Gespräch über das Leben als Feldstudie, die einzig wahre Droge und über Selfies unterhalten. Lest unbedingt weiter.

Doch jetzt zum Finale haben wir uns das Buch noch einmal aus dem Regal geholt und unsere Skoutz-Jurorin Emma S. Rose gebeten, uns als Drama Queen im Jury-Board etwas mehr über dieses Buch zu erzählen. Und Emma hielt ohne zu zögern ein wunderbares Plädoyer für dieses Buch.

Doch das lest ihr am Besten selbst.

Emma S. Rose bespricht: crystal.klar von Dominik Forster

Als mir vor einigen Monaten die Longlist der Einreichungen für die Kategorie Drama überreicht wurde, war ich zunächst von der Fülle an Büchern schier überwältigt. Doch sehr schnell fielen mir einige Exemplare auf, die mein Interesse weckten – und crystal.klar von Daniel Forster lag ganz weit vorne.

Wie ich auf das Buch aufmerksam wurde

Forster crystal.klarWenn man sich Bücher aus der Kategorie „Drama“ anschaut, so fallen immer wieder dieselben Themen ins Auge. Viele Bücher drehen sich um dramatische Liebesgeschichten, es gibt Missbrauch, auch die Flüchtlingsproblematik gewinnt an Zuwachs. Das Thema Drogen ist ein wahres Findelkind – doch dabei ist es so wahnsinnig wichtig. Da ich selber einige Jahre mit schwerstabhängigen Menschen zusammengearbeitet habe, ist mir die Dringlichkeit umso mehr bewusst. Und Daniel Forster betont dies in seinem Buch mehr als ausreichend.

An vielen Stellen habe ich gelesen, dass crystal.klar in seiner Funktion dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gleichgestellt wird, und dem kann ich mich anschließen. Es wäre sehr gut, wenn viele Jugendliche die Geschichte lesen würden – als Abschreckung, als Vorsichtsmaßnahme, als Lehre. Sicher ist der Stoff hart. Es handelt sich nicht um ein stilistisches Meisterwerk mit Abstraktionsgehalt, sondern um wahre Ereignisse, die im Kontext Schule ihren schwerwiegenden Anfang finden. Und genau deshalb muss es gelesen werden.

Wie empfand ich crystal.klar von Dominik Forster

Forster schildert in einer brutal ehrlichen und klaren Sprache seinen Werdegang – seinen Abstieg in den Drogensumpf. Das Erschreckende daran ist, dass er ganz sicher nicht einer von diesen Typen ist, denen man es anhand einer schlimmen Kindheit oder aufgrund des frühen Umfeldes zugetraut hätte – nein. Auf den ersten Seiten erfahren wir, dass er ein geliebtes Kind war, dass er Freunde hatte, Hobbies – bis er auf die weiterführende Schule wechseln musste. Mit Bauchschmerzen liest man, wie schnell sich das Leben eines unbedarften Jungens ändern kann, dessen einziger Fehler wohl ein niedriges Selbstbewusstsein war. Von den Mitschülern nicht anerkannt, mutiert er zu einem typischen Außenseiter. Er stürzt sich in den Schulstoff und schließt sich den anderen Jungs an, die ebenfalls nicht gemocht werden. Dadurch geht es ihm nicht besser, doch er ist nicht alleine.

Erst eine Jugendfahrt nach seinem Abschluss bringt die Wende – plötzlich findet er Freunde, und durch sie kommt er in den Kontakt mit Drogen. Nun nimmt alles seinen Lauf …

„Ich war der totale Außenseiter und diese Droge hat aus mir den Menschen gemacht, der ich immer sein wollte“, sagt er in einem Interview. Und genau dieser Eindruck wird auch erweckt, wenn man sein Buch liest. So skurril es auch erscheint, wenn er irgendwann am Boden ankommt, wahnhaft und völlig von den Drogen zerfressen. Schließlich landet er sogar im Gefängnis – doch wach wird er dadurch nicht. Alkoholsucht, Ankerkennung in der Szene, Dealen, Gefängnis. Eine scheinbar typische Karriere, die erst dann einen empfindlichen Dämpfer erreicht, als ein Drogentod geschieht. Dominik wird bewusst, wie desaströs sein Leben geworden ist, und er beginnt zu kämpfen. Ein verdammt harter Weg.

Was ist das Besondere an dem crystal.klar von Dominik Forster

Forsters Roman ist autobiografisch. Er schildert, wie er ganz nebenbei und ohne wirklich einen Finger drauflegen zu können, in die Sucht abrutscht. Er verherrlicht sie vielleicht nicht, doch er macht seinen Rausch im Nachhinein auch nicht schlecht, nein. Und er berichtet offen und ehrlich, wie es ihm dabei ging. Und so lässt er den Leser irgendwie auf gruselige Art und Weise verstehen, warum er immer wieder auf das Teufelszeug zurückgegriffen hat, auch wenn man ihn deshalb gleichzeitig schütteln will.

Für jemanden, der sich mit der Drogenwelt nicht auskennt, ist es ein harter Stoff. Einblicke in Drogen und ihre Wirkungsweisen, in die vorgegaukelten Freundschaften, die es im Zusammenhang mit Drogen gibt, in die Leichtigkeit, auf den falschen Weg abzukommen, Delinquenz. Auch auf seine Zeit im Gefängnis geht er derart ein, dass ein Außenstehender schlucken muss. Woher soll man auch wissen, wie es hinter den dicken Mauern abläuft? Forster macht daraus kein Geheimnis.

Doch auch wenn man schon mit der Szene zusammengearbeitet hat, ist es schwer, sich mit seiner gesamten Laufbahn zu beschäftigen. Es ist schlimm, wie ein so unschuldiger Junge so enden kann, sich vor Augen zu führen, dass es sich nicht um einen absoluten Ausnahmefall mit besonderen Rahmenbedingungen handelt.

Was für mich das Buch zu einem absoluten Highlight macht, ist das Gesamtpaket. Nicht nur die Geschichte einer gescheiterten Jugend – die sinnbildlich für eine ganze Generation betrachtet werden kann.  Forster ist kein Einzelfall – sondern alles, was dahintersteckt. Forster hat sich und seine Erfahrungen schonungslos zu Papier gebracht, um andere Menschen zu warnen. Und er belässt es nicht dabei, betreibt Präventiv- und Aufklärungsarbeit für Kinder und Jugendliche. Er hat gelernt, hat vieles dabei verloren, und doch hat er die Kraft, seine Geschichte zu teilen, um andere zu schützen. Auf die Weise wird er den dunklen Teil seines Lebens nie ganz loswerden, doch er kann anderen womöglich helfen. Hut ab – und danke für diese Bereicherung der Literatur.

 

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