Skoutz-Wiki: Lesetempo – Sprinter oder Steher

Lesetempo – Sprinter oder Steher

Wir teilen hier das wundervollste Hobby, das menschlichste von allen, die Freude an Geschichten, das Abtauchen in andere Zeiten, andere Welten, andere Leben… Da gibt es keine DIN-Norm, wie man es richtig macht. Kein besser oder schlechter ….

Man kann Buch und Buch ja auch nur schwer vergleichen. Ebenso wie die Menschen hinter dem Buch.

Und trotzdem ist das Lesetempo immer wieder ein Thema, das eifrig und mit Begeisterung diskutiert wird. Grund genug, das Thema gewohnt gründlich und mit wissenschaftlicher Unerbittlichkeit zu betrachten.

Lesetempo in Kürze:

Der Begriff Lesetempo wird umgangssprachlich wie so oft uneinheitlich verwendet. In Diskussionen versteht man darunter

  • (L1) die Zeit, die man braucht, um eine (Norm-)Seite zu lesen, also eine echte Aussage über die Lesegeschwindigkeit;
  • (L2) die Zeit, die man benötigt, um ein Buch von Anfang bis Ende zu lesen (Brutto, also inkl. Pausen), womit also auch eine Aussage über die Lesehäufigkeit getroffen wird;
  • und (L3) schließlich die Zahl der Bücher, die man in einem definierten Zeitraum, meist Monate oder Jahre schafft, um die Lesekonstanz zu belegen.

Der Umstand, dass diese Interpretationen gleichzeitig verwendet werden, führt regelmäßig zu … äh … besonders intensiven Diskussionen in den Social Media.

Die korrekte Berechnung des Lesetempos erfolgt nach umfassenden Feldstudien gemäß folgender Formel, dem Lese-Dreisatz:

I: L1 = gelesene Buchseiten / Nettolesezeit x Anspruchs-Faktor

gelesene Buchseiten: Es sind überblätterte Seiten oder Bildseiten abzuziehen
Nettolesezeit: Es sind Ablenkungen und Unterbrechungen abzuziehen, Maßeinheit ist die Stunde
Anspruchs-Faktor: Durch die Multiplikation mit einem Anspruchs-Faktor von 0,3 (z.B. Kinderbilderbuch) bis 2,5 (z.B. Cicero in Originalsprache) wird eine stabile Vergleichslage geschaffen.

II: L2 = (gelesene Buchseiten / Zeit zwischen erster und letzter gelesener Seite) + 1/3 Vor- und Nachbereitungszeit

III: L3 = gesamt gelesene Buchseiten / Beobachtungszeitraum (BZR)

=>
Lesetempo = (L3 / L2) x (Summe L1 aller Bücher aus dem BZR / alle Bücher aus dem BZR)

 

Lesetempo ausführlicher betrachtet:

Die umgangssprachliche Annäherung ist zunächst einmal unpräzise, denn wie soll man ein Buch mit einem Buch vergleichen?

Mediumabhängiges Lesetempo

Wer einen 900 Seiten-Schmöker in anspruchsvoller Sprache liest, einen der russischen Romanciers zum Beispiel, dann kann man das nur schwerlich mit dem neuesten Erotik-120 Seiten-Büchlein vergleichen.

Wir müssten also für eine korrekte Erfassung unbedingt die Textschwierigkeit erfassen.

Wie sind Comics und Mangas zu bewerten? Hier wäre also auch das Verhältnis Text zu Seitenzahl zu beurteilen. Andererseits werden dann die visuell dargestellten Erzählelemente nicht berücksichtigt. Fragen über Fragen, und niemand der sie hören will.

Ach, das ist ein gutes Stichwort. Zählen Hörbücher? Und wenn ja, wie?

Situationsabhängiges Lesetempo

Lesen wollen ist klar von Lesen können zu unterscheiden. Wir meinen hier nicht bildungswillige Analphabeten, sondern Menschen, die einfach mal mehr, mal weniger und fast immer zu wenig Zeit haben.

Denn jemand, der im Urlaub liest (oder eben “nur” frei so hatte), liest bei gleichem Lesewillen natürlich mehr als jemand, der in der Zwischenzeit arbeiten musste. Auch gibt es Jobs, die gelegentlich die Lektüre erlauben (Portiers zum Beispiel) und bildungsferne Zeitgenossen wie Lebenspartner, Kinder, Eltern, Haustiere erwarten ihren Anteil an potentieller Lesezeit.

Wir müssen also die potentiellen, theoretisch nutzbaren Zeitkontingente ins Verhältnis zur tatsächlich genutzten Lesezeit setzen.

Verhaltensspezifisches Lesetempo

Und dann gibt es auch noch das Leseverhalten.

Es gibt Genussleser, die sich erst mal eine Kanne Tee brauen, dann eine Lesehöhle auf der Couch einrichten, mit Decke, Getränk, Keksen, Licht … und dann lesen. Zählt diese Ritualzeit auch schon zum Lesen? Letztlich ist das Seitenstreicheln etwas, das ein Buch erst zum Kunstwerk, zum Traumhort, zum Seelenbehälter adelt. Also irgendwie schon. Irgendwie aber auch nicht.

Wir sollten vielleicht jene Vorbereitungszeiten mit 1/3 ansetzen.

Sind solche Gourmet-Leser nicht im Vergleich zu Junkfood-Lesern die edleren? Auch wenn jene eher respektlosen Viel- und Schnellesern, in Bezug auf Lesevolumen nicht einzuholen sein werden, zerren sie doch einfach immer, wenn sie eine Minute Zeit haben, ein Buch hervor, um wenigstens ein paar Zeilen zu lesen.

Was aber tut man mit jener zwielichtigen Spezies, die schon auch mal eine zu lange Landschaftsbeschreibung überblättern oder allzu detaillierte Erotikszenen auslassen? Sollen wir Strafseiten einfügen?

Wirkungsaspekte beim Lesetempo

Dann gibt es Leser, die in die Geschichte kriechen, die ein Buch auch mal zur Seite legen und darüber nachdenken, was sie wohl anstelle des Protas täten, die bewusst langsam lesen, damit es nicht so schnell aus ist… Und Suchtis, die sich die Seiten nur so reinziehen, weil sie einfach ungeduldig sind und wissen wollen, wie es weitergeht. Wer ist “besser”?

Muss man nicht Lesen als etwas begreifen, das weiter reicht als die Buchstaben? Das in, mit und durch die Leser wirkt? Sind dann diese Zeiten des Nachdenkens, die bittersüßen Momente eines Book-Hangovers nicht genauso Lesezeit? Mittelbar wenigstens?

Vielleicht sollten wir auch jene Gär- und Reifungsprozesse mit 1/3 ansetzen.

 

Psychologische Motive beim Lesetempo

Mit der Unausweichlichkeit der Schwerkraft kommen wir zur Frage aller Fragen: Warum?

Warum gibt es all diese Posts in den Social Media, bei denen es gar nicht mehr um die Geschichte geht, sondern nur noch um ein “höher, schneller, weiter”. Ähnlich wie bei den zigtausend Titel umfassenden SUBs. Wenn aus der Freude an einem Wunder ein Zwang wurde und das Wunder selbst auf bloße Seitenzahlen reduziert wird, deren Inhalt beliebig austauschbar geworden ist.

Warum ist das Lesetempo für viele Leser so wichtig? Dieser intellektuelle Schwanzvergleich, der irgendwie von dem ablenkt, um das es eigentlich geht, nämlich der Liebe zu Büchern, der Liebe zur Geschichte. Das ist ein bisschen wie diese Fresswettbewerbe, bei denen es darum geht, unter Missachtung sämtlicher gesundheitlichen, ästhetischen und irgendwo auch ethischen Aspekte möglichst schnell, möglichst viel von irgendwas in sich hineinzustopfen. Natürlich kann man sagen, der Weg ist das Ziel, und Lesen auf die geschwindigkeitsoptimierte Adaption mehr oder minder beliebiger Buchstabenfolgen reduzieren, aber das ist für uns auch so, als würde man einen Menschen auf das reduzieren, was man messen kann: Knochen, Fleisch und Blut. Ein Buch hat eine Seele. Und die braucht  Zeit.

Wir wissen es nicht.

 

Bonus-Wissen (Klugscheißer-Modus): Lese-Challenges

Eine viel schönere Methode, sich mit ein bisschen Wettbewerb zu mehr Lesekonstanz und Lesevielfalt zu motivieren, sind zum Beispiel die Lese-Challenges, bei denen Bücher so ausgewählt werden, dass sie bestimmten, vorher festgelegten Aufgaben entsprechen. Das hat zwar auch oft mit Quantität zu tun, aber eben meist auch mit Qualität und Kreativität. Das finden wir wunderbar und darum hat Skoutz eigene Challenges, die 18er Skoutz-Challenges, entwickelt, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet.

 

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